Montag, 4. Januar 2016

3. Jan. Die falsche Karte?


Ämne: Die falsche Karte ? Sowas ...
Datum: den 3 januari 2004 14:23

Liebe Malou
Vielleicht war es die falsche Karte? Wo siehst Du einen müden Ehemann? Ist denn irgendwo ein Ehemann ? Vielleicht sogar ein Mann ? Eigentlich wollte ich eine Karte OHNE WORTE machen. Funktionierte dann nicht ganz, wie Du siehst. Na ja, war ja auch nur ein Versuch, Dich aufzuheitern! Mit Hansi war eigentlich die treue Amsel gemeint, die Du fotografiert hast. Ich bin erstaunt, wie ungenau ich manchmal denke. Aber darin liegt eben vielleicht meine Genialität, sozusagen !!

Heute muss ich mich langsam wieder in den alten Arbeits-Betrieb zwingen. Montags steht eine Sitzung an, sogar zwei, und um 16Uhr haben wir einen Neujahrsapero auf der Direktion. In den letzten Jahren bin ich dort kaum mehr hingegangen. Aber jetzt, mit dem neuen Chef, kann ich ihn doch nicht gleich zu Beginn so hängen lassen! Ich werde mich also hinbemühen und noch mit einigen Leuten das „Du“ machen. Du weißt, dass wir in der Schweiz als Erwachsene untereinander siezen. Und erst nach zwei oder drei Ewigkeiten entschliesst man sich dann, vielleicht nach einer Überdosis Weisswein, doch langsam zum ‚Du’ zu wechseln. Wir sind bei Weitem noch nicht so fortgeschritten wie die Skandinavier. Und eigentlich hatte ich vor einigen Jahren, als Du mir über die Gewohnheiten in Deinem Land erzählt hattest, die Idee, man könnte in der Schweiz einen Anlauf nehmen, um das allgemeine ‚Du’ einzuführen. Aber vielleicht sollte eine solche Initiative doch eher von den jungen Leuten kommen. Also warten wir weiterhin darauf.

Apropos Sofa! Im letzten Jahr habe ich mit dem Gedanken gespielt, hier in meinem Büro ein Sofa hinzustellen. Vielleicht wollte ich damit eine Gelegenheit haben, mich über die Mittagszeit ein bisschen auszustrecken? Aber auf der bewussten Ebene wollte ich doch eher eine gemütliche Sitzgelegenheit für die Leute, die kommen. Ein Sofa ist so ideal, weil man sich auf 100 verschiedene Arten drauf setzen kann. Bei einem Stuhl gibt es vielleicht 5 oder 10 Arten. Ein Stuhl ist psychologisch weit weniger ergiebig. Ein Sofa ist praktisch ein Rorschach-Test. Kennst Du ihn. Er wurde von einem Schweizer entwickelt und es geht darum, dass der Klient die vorgegebenen sinnlose Tintenbilder interpretieren soll. Genau so lässt sich ein Sofa verschiedenartig interpretieren, dh. eben zum Sitzen verwenden. Ich habe in meiner Bibliothek zuhause im Moment zwei Sofas, weil A. dasjenige, welches sie mitgenommen hatte, wieder zurückgebracht hat. Eines ist mit Leder, das andere mit Leinen bezogen. Beide sind weiss. Und beide sind, auf je eigene Art, schön. Deshalb wollte ich sie nicht von fremden Leuten hier im Büro zerquetschen und zerklekkern lassen. Ich bin also ins Brockenhaus gegangen, und habe -- eine Walliser Zinnkanne heimgebracht. Solch eine Kanne wollte ich schon immer. Seit Ewigkeiten habe ich mir solch ein Ding gewünscht. Aber diese hier ist lustig. Wenn man oben mit den zwei Eicheln, die auf dem Deckel stehen, letzteren öffnet, erscheint auf der Unterseite eine Eingravierung. Sie sagt: ‚Unserem lieben Kollegen zum 40 jährigen Arbeitsjubiläum’. Ist doch fantastisch. Ich habe meine Arbeitstätigkeit damit geradezu verdoppelt. Und kürzlich habe ich in einem Secondhandshop in Basel dazu noch einen feinen Zinnbecher gefunden, der dazu passt. Darin haben jetzt meine Farbstifte ihren Platz gefunden. Er sieht ziemlich elegant aus zum Preis von einer Tasse Kaffee. Aber das Sofa habe ich dann doch nicht mitgenommen. Es war zwar Leder, aber so schwer und breit, dass es mein Büro erschlagen hätte. Ich meine, Du weißt doch, wie eng es hier geworden ist mit all den Büchern. Du bist fast die einzige, die das weiss. Es sind in den letzten 2 oder 3 Jahren zwei- oder dreihundert neue Bücher dazu gekommen. Ich spiele mit dem Gedanken, eine Kindergartenseminaristin anzustellen, die den Kindern im Wartezimmer Geschichten vorliest. Das wäre, zum Beispiel zur Weihnachtszeit, eine gute Idee. Die Eltern könnten in der Zwischenzeit hier im Städtchen ihre Einkäufe machen. Aber die Weihnachtszeit ist ja eben zu Ende gegangen!

Ich weiss schon, es sind alle Fragen fragbar. Aber weil Du in diesen Dingen sparsam bist, möchte ich nicht. Und vielleicht ist es auch besser, wenn man das Interesse in diese Hinsicht ein bisschen zurückbindet. Es ist ja auch fairer gegenüber unseren Partnern, nicht wahr.

Ich habe gestern einen Film gesehen mit Nikelson (oder schreibt man Nicolson, vielleicht Nikolson, Nickelson oder ähnlich?), und habe dabei oft an Dich gedacht. Es ist - weiss Gott - lange her, seit ich einen Film von Anfang bis Ende angeschaut habe. Nikolson spielte einen zwangsneurotischen Schriftsteller, der sich ein bisschen - eben soweit ein Zwangsneurotiker das überhaupt kann - ein bisschen in eine Serviererin verliebt. Und daneben lebt sein Nachbar, eine Tunte (homo) und Maler mit seinem Hündchen und seinem schwarzen Lover und Bodyguard. Es war in der Tat eine extravagante Geschichte, ein psychologisches Meisterstück. Die Schauspieler, darunter eben Dein geschätzter Nikelson, haben ausgezeichnet gespielt, wirklich ausgezeichnet. Und auch die Kombination von Homosexualität und Zwangsneurose fand ich gut gewählt, denn die beiden Typen ergänzen sich bestens: während der eine seine Gefühle zuinnerst versteckt und gefangen hält, trägt sie der andere offen zur Schau. Der eine ist in jeder Hinsicht und immer wieder verletzend, weil er in seiner egomanen Manier keinen Zugang zu einem Sensorium für das Zwischenmenschliche findet, während der andere wie ein Seiltänzer jederzeit Harmonie und Balance sucht. Man konnte den Eindruck haben, Freud hätte das Stück gleich selbst geschrieben. Und bei aller Komik war der Film doch rundum traurig, zuzusehen, wie diese die Personen an sich selbst und gegenseitig aneinander litten.

***
Und jetzt war gerade die junge Lehrerin nochmals hier. Ich hatte ganz vergessen, dass wir einen Termin haben. Sie kam, wie letztes Mal, eigentlich zu spät und lachte deswegen, als sie eintrat. Und weil sie noch etwas verschlafen aussah, habe ich ihr zuerst mal einen Kaffee gemacht. Das gehört auch zur Beratung. Man muss die Leute ein bisschen pflegen, damit sie wieder zu sich selbst kommen.

Und jetzt muss ich doch langsam an meine Arbeit. Beginnst Du auch montags wieder mit der Arbeit, oder habt ihr noch eine Woche frei?

Mit lieben Grüssen und Küssen
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