Mittwoch, 6. Januar 2016

6. Januar


Ämne: Puhhh
Datum: den 6 januari 2004 12:28


Liebe Malou
Ja, Du scheinst wirklich ein Glückspilz zu sein. Stell Dir vor, das ganze wäre Dir Mitte Januar passiert, zu einem Zeitpunkt, da Du mit vielen anderen Dingen beschäftigt gewesen wärst. Und dass dabei nur die alte Waschmaschine ihren Geist aufgegeben hat, dafür muss man Verständnis haben.

Wir haben hier einen ehr trüben und kalten Dienstag. Ich bin früh auf gewesen heute und habe mich an die Dinge gemacht. Es gibt so viel zu tun, dass man sich fast Sorgen macht, ob man es alles hinkriegen könne. Der Apero gestern war gut. Unser neuer Chef hat ein paar Worte zu uns gesprochen. Er ist schon gut in seinem Element und ich denke, er packt seine Arbeit mit viel Fleiss und mit Können an. Es scheint, dass er sich sehr schnell einarbeitet.

Hast Du für das neue Jahr auch gute Vorsätze gemacht. Die meisten Leute sagen heute, dass sie so was nicht mehr tun. Ich habe es früher nie gemacht, weil ich dachte, das sei völlig sinnlos. Aber heute bin ich doch eher der Meinung, dass es doch ganz nützlich sein könnte, sich ein oder mehrere Ziele vorzunehmen. Ich lebe wirklich antizyklisch, wie das so schön heisst, nicht wahr? Damit meine ich, dass ich dieses tue, wenn alle jenes machen, und dass ich jenes will, solange alle andern dies wünschen. Aber ich will auch nicht allen Menschen erzählen, was denn meine Ziele seien. Sie sind sehr privat, wenn nicht geheim. Ich habe festgestellt, dass meine Ziele eher verpuffen, wenn ich zuviel darüber spreche. Dann wird das so, als ob ich sie schon fast realisiert hätte. Ich muss offenbar Suppen essen, solange sie warm sind. Vielleicht ist schon das allein ein Ziel, d.h. Ziele sofort umzusetzen, und nicht ellenlang darüber zu reden. Na ja, wir werden sehen.

Und am Himmel kreisen die Tauben. Was wollen denn sie bei dieser Kä$lte. Ziehen sie nicht in den Süden zu Sankt Markus? Nein? Hätte ich jetzt wirklich von ihnen erwartet.
Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag.
GuK
...


Ämne: So?
Datum: den 6 januari 2004 13:08

Lieber ...,
A und K sind hinunter ins Zentrum gefahren. Anna hat sich alle Brotreste vom Silvesterabend mitgenommen um die Enten am Bach zu füttern. Das muss ich mal fotografieren und dich sehen lassen. Es ist ein gemütlicher Anblick und man wird ganz harmonisch dabei.

Ja, wir hatten grosses Glück gestern. Und an einem Tag wo es keine Spur von Glück gab, so weit man sehen konnte, war es plötzlich gegenwärtig. Und das nur weil das Schlimme augeblieben ist.

Ach, du hast sogar geheime Pläne für dieses Jahr. Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht. Ich tippe darauf, dass du ein Buch herausgeben wirst.. oder ist es von mehr privater Natur? Erzähl mir doch davon, bitte. Nur mir.

Nein, ich habe ganz vergessen bei der Jahreswende irgendwelche Versprechen zu machen. Doch wächst die Einsicht von Tag zu Tag, dass ich mein Leben wieder in die Hand nehmen muss. Unter dem Motto "Es ist besser etwas zu tun als etwas zu versprechen", gehe ich so langsam ans Werk. :-)

Hier ist es immer noch wunderschön weiss und nur -5 Grad.

Ich muss leider schon schliessen, aber ich würde mich sehr über ein kleines "Zwischenmail" von dir freuen, bevor ich weiterschreibe, wenn es möglich ist.

Mit lieben Grüssen,
Malou


Ämne: RE: Soso lala
Datum: den 6 januari 2004 20:44

Liebe Malou
Na ja, wirklich grosse Pläne habe ich nicht. Aber wie Du sagst, es ist besser, es zu tun, als zu versprechen. Ich glaube, ich verspreche absolut nichts. Eher beisse ich mir die Zunge ab. Es ist schlecht, irgendwas zu versprechen. Diese Dinge muss man sich selbst versprechen, dann bleibt die Energie dabei und es kommt heraus wie bei einem Vulkan. Du siehst, ich kann Dir nichts sagen. Umso mehr kann ich nix sagen, als ich noch gar nicht so genau weiss, wohin das laufen soll. Und das wäre doch wohl das erste.

Ich habe mich heute im Büro grün und blau geärgert. Mein PC war blockiert, ungefähr seit 12.00h mittags. Und bis sie den Fehler herausgefunden hatten, war es 16Uhr, oder noch später. Und natürlich war ich zuerst selbst damit beschäftigt, mit der Hotline zu diskutieren. Es ist dort ein Südamerikaner beschäftigt, ein netter Kerl, aber man versteht ihn kaum. Und wenn er irgendwelche Anweisungen gibt, was man jetzt tun so, wo drücken und wo absolut nicht drücken, dann versteht man kaum ein Wort. Später haben sie einen herüber geschickt. Und dann hat er dasselbe mit ihm gemacht. Aber er hat in am Telefon besser verstanden. Und schliesslich war es bloss eine Einstellung, die bewirkt, dass die Tastatur nicht funktioniert. Man tippt, aber es erscheinen keine Buchstaben. Es ist wie Blindenschrift :--) Und ich konnte fast nichts arbeiten, dabei hatte ich einige Dinge, die ich hätte erledigen wollen. Es war wirklich ärgerlich und ich hasse es, so von Maschinen abhängig zu sein. Wenn du nicht in den PC kommst ist es, wie wenn sie dich zuhause nicht herein lassen. Es ist absolut beleidigend. In dein eigenes Haus lassen sie dich nicht mehr hinein. Ich hätte den PC wieder mal zum Fenster hinaus schmeissen können. Ich war wirklich nahe daran. Und meine Sekretärin hatte Mitleid mit mir. Ich glaube nicht, dass sie je soviel Bedauern und Mitleid mit ihrem Chef hatte! Aber sie konnte da auch nicht weiterhelfen.

Ich wollte eigentlich schon nach dem Mittag gleich heim gehen. Was soll man im Büro tun ohne PC? Aber ohne mein Passwort konnten meine Leute damit auch nicht fertig werden. So bin ich geblieben. Um halb fünf bin ich endlich abgehauen. Und habe in meinem Ärger den falschen Zug erwischt, der eine Station weiter fuhr. So musste ich dort wieder warten, bis ich einen passenden Zug zurück gefunden habe.

Du siehst, es gibt Tage, da läuft alles ziemlich schief. Und ich habe den Eindruck, dieser Dienstag war so. Ich bin froh, dass ich ihn hinter mir habe für dieses Jahr. Das wird wohl nicht mehr vorkommen. So sehr kann Dich das Schicksal nur einmal pro Jahr necken, wollen wir doch hoffen, nicht wahr?

Dieses Mail schreibe ich, nach langer Zeit wieder einmal, von zuhause. Ich habe mir eine Platte aufgelegt, Beethovens sechste, Pastorale. Und dazu einen kleinen Whisky. Ich habe ziemlich gute Erinnerungen an die Momente, da ich mit den beiden zum ersten Mal im Leben Kontakt gemacht habe. Mit dem Whisky war es in Frankreich. Auf unserer Croisière Rhodanienne von Lyon bin Montélimar. Für zwei Tage waren wir (meine Oesterreichische Kollegin, eine hübsche Jüdin aus Wienerneustadt und ich) in einer Familie eingeladen, die etwas auf dem Land wohnte. Sie hatten ein hübsches Haus, nicht so riesig, wie andere Franzosen aus dem Club dort unten. Und vor dem Essen haben sie uns auf der Terasse einen Apéro offeriert. Ich wählte einen Whisky, was ich damals kaum kannte. Aber die Wirkung war fantastisch gut. Ich glaube, die Kollegin – sie hiess Christiane, wenn ich mich recht erinnere - hat sich später beschwert, dass ich sie allein französisch reden lasse mit den Leuten. Ich habe mich etwas gewundert, wie mild sie diese Kritik vorbrachte. Denn sie hatte recht, ich liess sie reden, weil ich ziemlich sicher war, dass ich selbst nicht so flüssig mit den Gastgebern plaudern konnte. Und darüber hinaus hatte sie viel Charme.
Das also meine Madeleine, was den Whisky betrifft.
Die Beethoven Symphonie hatte ich mir damals in England gekauft. Die Schallplatten waren so billig im Vergleich mit der Schweiz, dass ich überzeugt war, ich müsste was kaufen. Ich war sicherlich nicht sehr entschieden, was es sein sollte. Und ich kann Dir, Malou, auch nicht beteuern, dass ich die Platte vielleicht nicht bloss wegen des Covers gekauft hatte. Auf jeden Fall habe ich diese Beethoven mit dem hübschen Cover heimgebracht und sie immer wieder gehört. Und noch heute gefällt mir diese Leichtigkeit der 9. Symphonie. Man spürt die warme Luft und sieht die Blüten im Wind. Na ja, vielleicht hat sie Beethoven nicht gesehen, aber ich sehe sie.
Ich habe gerade festgestellt, dass es angenehm sein kann, nicht den Fernseher, sondern eine CD anzulassen. Die Musik füllt den Raum und gibt ihm Atmosphäre. Das Fernsehen zieht dagegen die Aufmerksamkeit weg. Es macht den Raum leer und leblos. Ach, es gibt doch diese schönen Bilder, wo die Menschen in ihren wunderschön dekorierten Stuben sitzen, vielleicht sogar am Schreibpult, und wo sie einen Brief schreiben. Alles ist dort so sinnlich und nah. Heute ist in modernen Räumen alles in dieser Hopper-Atmosphäre. Du kennst sie ja.
Das war auch der Grund, weshalb ich immer ein altes Haus wollte. Alte dunkle Räume, in welchen die Lampen bloss eine Ecke ausleuchten, wo das Licht einen intimen warmen Lichtkegel bildet, und nicht alle Dinge im Raum in grossen dunkeln Schatten zur Wand wirft. Aber das ist wohl alles ein bisschen altmodisch gedacht. Erinnerst Du Dich, bevor ich den Film „The Hours“ sah, hatte ich einen kleinen Ausschnitt in einer Reklame gesehen. Und es war genau so eine Zimmerecke, allerdings im Sommer bei offenem Fenster, wo draussen so nah die Bäume standen. Nur diese kurze Szene, vielleicht 15 oder 20 Sekunden, hatten mich begeistert. Dort schien alles so nah und sich gegenseitig befreundet. Das ist heute nicht mehr so. Wie sagt Rilke irgendwo? Man sollte „... den Dingen wie ein Bruder sein ..“.
Siehst Du Malou, das war jetzt vielleicht doch der Whisky. In solchen Momenten lasse ich meine Stimmungen zu. Sonst ignoriere ich sie vielleicht manchmal, was nicht gut ist, aber irgendwie so passiert. Ich hatte während der Weihnachtstage oft einen Freund aus dem Wallis im Sinn. Und jetzt merke ich, dass ich ihm doch wenigstens eine Neujahrskarte senden sollte. Das wäre doch das mindeste, um nicht ihn, aber doch meine Gefühle ein bisschen ernster zu nehmen.
Ich wünsche Dir einen guten Arbeitsanfang morgen.
Nimm die schweren Dinge leicht und die leichten schwer. Das ist ein ziemlich gutes Rezept, finde ich.
Mit vielen Grüssen und Küssen
...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen