Mittwoch, 27. Januar 2016

11/2 - Mittwochs


                                    Luzern                Foto: Chris


Ämne: mittwochs
Datum: den 11 februari 2004 08:50


Liebe Malou

Ja, die Feststellung, die Du erwähnst, habe ich auch schon gemacht. Wenn man etwas liest, das man vor Jahren geschrieben hat, ist man ganz erstaunt und ein wenig verblüfft, dass der Text von einem selbst stammt. Es ist ganz wunderbar, eine solche Erfahrung zu machen. Und mit den Bildern ist es auch so.
Schwierig ist es, solange man mit den eigenen Produkten verhängt ist, solange sie noch als Teil von einem selbst daher kommen. Dann sind sie der ganzen Kritik ausgesetzt, die man für sich und seinesgleichen hat. Ich habe in diesem Punkt immer behauptet, dass die Zeit heilt. Sie heilt hier ganz besonders. Und man sollte diese Tatsache weiter psychologisch analysieren, weshalb das so ist und wie man diesen Effekt nutzen könnte.
Es gibt ja doch Schriftsteller mit einer Schreibblockade. Sie schaffen es nicht, noch eine weitere Zeile zu schreiben. Hemingway war einer. Aber es gab und gibt noch viele andere. Ich glaube, dass sie mit diesem Phänomen zu tun haben. Und natürlich hat auch das Publikum noch damit zu tun. Die Berühmtheit eines Dichters kann eine schwere Hypothek sein, denn wer unbekannt ist, darf jeden Mist schreiben, hingegen der Bekannte steht sozusagen unter absolutem Erfolgsdruck.

Na ja, die Passage, die ich geschrieben haben soll, die Du zurückschickst, weil Du den Sinn nicht ganz erfasst, diese Passage verstehe ich auch nicht ganz ;--))
Ich wollte damit sagen, dass man für Rilke in sozusagen einer Stimmung eines Sufi sein muss. Er ist so kontemplativ und in allgemeinen Bezügen aufgehoben, dass nicht versteht, wer hart in den Interessenkonflikten des Lebens eingespannt ist. Ich glaube, ich kann ihm nur in sehr kontemplativen Momenten richtig folgen. Und wie Du sagst, er wohnt in einer ziemlich sublimierten Welt, weit enthoben von den praktischen Dingen des Lebens. Das kann wohl nur, wer von allen praktischen Nöten der Existenz erlöst ist. So gibt es eben verschiedene Welten, in denen man Leben kann. Und der Bewohner der einen versteht nur schlecht jenen der anderen Welt. Das ist schon alles.

Es schneit ein bisschen heute. Der Schnee ist aber nass und verkommt auf dem Boden rasch in Matsch und Wasser. Gestern hatten wir einen schönen blauen Himmel. Ich war in Luzern, habe mich im Zug gemütlich in eine Ecke gedrückt und gelesen. Und in der Stadt habe ich mir eine kleine hübsche Konditorei gesucht, um einen Kaffee zu trinken und ein Stück Kuchen zu essen. Es war ziemlich gut. Bestimmt weißt Du, dass Luzern eine grosse Touristenstadt ist. Man hat ein schönes Panorama mit See und Alpen. Und die alten grossen Hotels am Seeufer erzählen alte Geschichten von der noblen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Ich aber bin in der Plüschbank der Konditorei gesessen, habe meine Kirschtorte genossen und dazu ein Buch über Medienpädagogik gelesen. Dann bin ich noch ein bisschen durch die Stadt gegangen, habe mir die Predigerkirche angesehen, diesen Barockbau direkt an der Reuss, und bin dann mit dem Bus weitergefahren nach Kriens, wo unser Kollege wohnt, der uns eingeladen hat. Offenbar hat er sich jetzt teilpensionieren lassen und wollte damit seinen Abschied feiern. Er hat in seiner alten Wohnung selbst ein kleines Essen zubereitet. Doch ich konnte nur bis zum Sekt und Voressen bleiben. Aber es war eine angenehme Geste.

Ja, wenn Du so über deine Ventilation erzählst, kann man leicht neidisch werden. Wir haben keine Einrichtung von solcher grösse. Wir haben bloss in der Küche eine Ventilation. Aber in den anderen Räumen ist das bei uns nicht üblich. Man muss sich damit behelfen, dass man Fenster öffnet. Aber ein Wärmewechsler scheint ein weit raffinierteres System zu sein.

Ich bin ein bisschen faul heute morgen, obwohl ich gestern viel geschlafen habe. Auf dem Rückweg im Zug habe ich so vor mich hingedöst, und ich bin nur aufgewacht, wenn ich selbst einen besonders lauten Schnarcher fahren liess. Es war ein bisschen peinlich im besetzten Zug, aber es war nicht zu ändern.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben G&K
...
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Ämne: RE: mittwochs...
Datum: den 11 februari 2004 13:06


Lieber ...,
Ja, das mag ich. Wenn du zugibst, dass du deine eigenen Worte nicht verstehst.. ;-))) Aber, weisst du, intuitiv glaube ich sie doch zu verstehen. Du bist eben ein wenig ausgewandert aus diesen höheren Sfären. Vielleicht nimmt dein RL im Moment die Überhand. So ist es zeitweise und man kann nichts dagegen haben. Du bist übrigens der einzige mit dem ich bisher über die Genialität von Rilke sprechen konnte ohne enttäuscht zu werden. Vielleicht ist es unser katholischer Hintergrund.. *s*

*
Ich glaube, du versuchst mich abzuprogrammieren.. verstehst du wie ich das meine? Diese verzehrende (;-))) platonische Liebe, die ich für meinen Mausfreund habe, kann man schwerlich für ein altes Opachen aufbringen, das laut im Zug schnarcht..
oder vielleicht doch???

Ach, ..., lass mich so sagen: ich bin verhext von deinen Mails, von deiner Art die Welt zu betrachten und zu beschreiben. Es ist gut, dass du mir ab und zu klarmachst, dass du ein Mensch bist mit menschlichen Eigenschaften.

Hier strahlt die Sonne zum Fenster herein. Ich habe Lunchpause und bin nach Hause gefahren. Draussen war es heute überraschend kalt. Man merkt es sofort, wenn man vor die Tür tritt, dass die Luft eisig ist.. und dann natürlich auch am Benehmen meines Golfes. Er startet brav wie immer aber er murrt ein bisschen über die Kälte.
Sollte ich mich vielleicht doch eine Weile in die Sonne setzen? Aber es ist wirklich nicht gut für die Haut. Ich sehe es an meiner Nachbarin. Sie ist eine wahre Sonnenanbeterin und verpasst keine Gelegenheit "schön braun zu werden". So sieht ihr Gesicht auch älter aus als meines obwohl sie 15 Jahre jünger ist. Na ja, sie raucht auch. Das kann dazu beitragen.

Wir hatten wieder unsere kleine informelle "Kaffee-konferenz" heute. Das ist immer eine nette Gelegenheit sich gemütlich mit den Kollegen zu unterhalten. A. und G., die beide diesen Herbst ihren Beruf verlassen wollen, geniessen schon die erwartete Freiheit. Fast täglich teilt mir A.  mit "heute habe ich zum letzten mal.." und man sieht dass er glücklich ist darüber. Wenn ich bedenke, wie sehr er früher an diesem Beruf hing und sich darüber freute.. Er hat immer sein Ganzes gegeben. Aber die Schule ist eben in den letzten Jahren etwas geworden, was fast ein jeder gerne hinter sich zurücklassen würde. G. geht ja früher und er zeigt mir immerzu, dass man dabei nicht besonders viel an Einkommen verliert.. er versucht mich zu überreden auch früher zu gehen. Und diejenigen, die noch viele Jahre zu tun haben, beneiden die älteren um ihr Alter..
Ist es nicht schrecklich? Da ist doch irgendetwas nicht in Ordnung.
*
So, nun werde ich mir was zu essen machen..
Ich grüsse dich lieb, mit Hs und Ks wie immer,
Malou

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