Liebe Marlena
Ich bin begeistert zu hören, dass Du als Kind in Wien und Prag gelebt hast. Da hast du ja die späten Zeiten der k&k Monarchie miterlebt. Welchen Eindruck hast du bekommen? Da musst du einiges zu erzählen haben? Ich erinnere mich an deine Bemerkung, du bringst den Plot und ich schreibe den Roman. Wollen wir gleich anfangen? Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben die Oesterreicher enorm gewonnen. Ich merke das am Oe-Fernsehen. Sie bringen gute Sendungen und haben etwas zu sagen. Sie sind wieder und viel mehr als in der Zeit des kalten Krieges zur Brücke nach Osten, in den Balkan, in den Orient geworden. Sie haben auch die Mentalität, den vorderen Orient und den Balkan zu verstehen und uns Europäer mit diesen explosiven Regionen zu vermitteln. Nein, die Oesterreicher sind ok, obwohl wir Schweizer jede Menge Witze über sie machen. Zur Zeit haben sie etwas Probleme mit ihrer Regierungsbildung. Aber das wird sich geben. Die Beteiligung Haiders ist für Israel v.a. ein Skandal. Und er ist in der Tat wohl ein skupelloser Machtmensch. Doch wir werden sehen.
Und dann noch Prag. Das muss ja eine wunderschöne Stadt sein. Ich kenne nur ein Bild Kokoschkas von Prag. Und das mag ich sehr. Seit Jahren möchte ich einmal Prag besuchen, und das – es sei Dir gesagt Marlena – nicht nur wegen des guten Biers, welches sie dort produzieren. Prag hat bei uns natürlich auch einen Nahmen wegen seiner deutschsprachigen Tradition mit literarischen Schwergewichten wie Kafka und Rilke. Besonders Rilke mag ich sehr. Er hat ja eine Zeitlang im Süden der Schweiz in einem kleinen Turm gelebt und ist auch dort, an der Mauer der Kirche in Raron begraben worden. Ganz in der Nähe habe ich in meiner Jugend gelebt und nicht weit der Kirche von Raron haben wir etliche heisse Sommernachtsfeste gefeiert, mit viel Wein, Grill und lustigen Sprüchen. Was Wien und Prag verbindet, das ist nicht nur Marlena, das ist auch das Kaffeehaus, eine europäische Institution, die eng mit der Aufklärung verknüpft ist. Europa, so kann man sagen, Europa, das ist das Kaffeehaus. Dort konnte man Zeitungen lesen, Schach oder Billard spielen, Gäste empfangen, rauchen und herumsitzen, sehen und gesehen werden. Es hat einige europäische Intellektuelle gegeben, die ihr Kaffeehaus als Adresse angegeben haben. Die Post wurde dort aufbewahrt, bis er wieder kam. Kaffeehäuser gabs von Portugal bis Krakau, von Wien bis London. Es muss sie auch in Schweden gegeben haben oder noch geben? In Zürich gab es überigens das Café Odeon. Während meiner Studienzeit war es noch offen. Es war wunderbar, wie ein Bahnhofwartsaal mit riesigen Hallen, Marmortischchen und irgendwie schweren Ledersesseln an den Wänden. In den Fensternischen konnte man einen Vorhang ziehen, dann war man ungestört und sass praktisch auf dem Bürgersteig draussen. Dort konnte man immer wieder Schriftsteller beobachten, die zu arbeiten versuchten. Es sah von aussen wie ein Schaufenster für Schreibarbeit aus. Das Odeon wurde dann von Haschisch-Konsumenten überschwemmt und irgendwann geschlossen. Heute gibt es nur noch eine kleine Bar. Aber der alte ehrwürdige Name ist geblieben, den sich das Café bei den vielen Emigranten, Künstlern und Schauspielern, während des 2. Weltkrieges erworben hatte.
Ich nehme jetzt an, Marlena, du kannst Deutsch mit Wiener Akzent sprechen. Du hast den echten Wiener Schmäh? Das ist natürlich sehr charmant. Ich glaube, die Wiener sind eine eigene Mischung, sie haben eine Lebensphilosophie, die sehr apart ist, eben vielleicht vom Balkan und vom vorderen Orient her beeinflusst. Das kann man nur schon daran sehen, welche Bedeutung der Friedhof und der Tod bei den Wienern hat. Der Zentralfriedhof muss das reine Vergnügungsviertel sein. Und dann gibt es doch diese melancholischen Wienerlieder! Kennst du die und magst du sie, Marlena? Oder es gibt die Fiaker. Marlena, du hast wahrlich in einem Museum Europas gelebt. Ich gratuliere Dir und ich hoffe, du bist heil davongekommen (;-).
Erzähl mir davon, aber lass Dich nicht forcieren.
Mit einem kleinen Kuss
...
(febr. 2000)
Dienstag, 9. März 2010
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