Mittwoch, 10. März 2010

Rilke, Raron und..


Subject: Re: Morgenkaffee
Date: Tue, 01 Feb 2000 11:31:54 GMT


Liebe Marlena
Wir haben von Rilke gesprochen und von seiner Gedankenlyrik. Rilke ist ja ein bisschen preziös und affektiert, könnte man sagen. Deshalb gilt er als exklusivere Spezialität, die nicht jedermanns Sache ist. Ich will damit sagen, wenn du in der Schweiz jemanden frägst, wer sein favorisierter Schriftsteller sei, dann wird er dir antworten: Dürrenmatt, Frisch, vielleicht Günter Grass, Siegfried Lenz, Martin Walser, Lessing vielleicht, aber schon weniger Handke oder Heisenbüttel. Aber sicherlich nicht Rilke. Rilke gilt als elitär und allzu sublim. Ich aber mag ihn. Ich schätze seine Ding-Gedichte, wie man sie nennt, aber auch die Elegien und Sonette. Seine Prosa, muss ich Dir ehrlich sagen, habe ich allerdings nicht gelesen. Dass Du Marlena auch Rilke vorziehst, das zeigt, dass du ein sehr feines Sprachgefühl haben musst. Ich meine, in einer Fremdsprache ist das doch aussergewöhnlich. In einer fremden Sprache beschränken sich die meisten Leute auf den Inhalt, also semantische Fragen, und weniger auf Musikalität, Reime und diese eher formalen und ästhetischen Aspekte. Ich gratuliere Dir zu deiner exzellenten Wahl. Und irgendwie fühle ich eine gewisse Verwandtschaft zwischen Dir und mir. Das ist doch eine schöne Sache über eine so riesige Distanz, wie sie sich zwischen Stockholm und Basel dahinzieht.

Ich wollte Dir erzählen, was mich zusätzliich noch zu Rilke hingeführt hat. Wahrscheinlich weißt Du, dass Rilke die letzten Jahre (ich glaube, es waren etwa 10) in der Schweiz gelebt hat und dort gestorben ist. Er liegt bekanntlich an der Südmauer der Kirche von Raron begraben, unter seinem berühmten Spruch „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust niemandes Schlaf zu sein, unter soviel Lidern." Raron ist ein kleines Dorf im Süden der Schweiz, im Wallis, einem sonnigen Tal in den Alpen. Und dort in der Nähe bin ich selbst aufgewachsen. Wir haben in diesem wunderschönen Tal in den Alpen gelebt in einem recht südlichen Klima. Rilke hat dort auch die archaische Landschaft geschätzt, die ihn an Südfrankreich und an Spanien erinnert hat.

Die Kirche von Raron steht auf einem Felsen und schaut majestätisch ins Tal hinunter. Von dort oben hat man eine wunderbare Sicht. Und angesichts dieses Panoramas hat Rilke gewünscht, dort begraben zu werden.
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Sie waren wunderbar, die Tage unserer Jugend. Und es war im Banne jener speziellen Aura dieser alten Kirche und des Turmes, der auch dort oben steht. Ich glaube, heute gibt es bei der Kirche von Raron ein Museum, wo man einiges über Rilke sehen kann. Oder irre ich mich da? Auf jeden Fall werde ich, falls du einmal in die Schweiz kommen solltest, werde ich dir dieses Grab Rilkes zeigen. Man muss es einfach gesehen haben. Es ist ein ganz einmaliger Ort. Und für mich ist er zusätzlich mit vielen persönlichen und jugendlichen Erinnerungen verbunden.

Und dann gibt es noch das Schlösschen Muzot, wo Rilke in diesen letzten Jahren gelebt und seine Duineser Elegien und die Sonette an Orpheus geschrieben hat. Muzot liegt etwa eine halbe Stunden weiter unten im Tal, bereits im französischen Teil des Kanton Wallis. Wenn ich dort zu Besuch bin, dann spaziere ich gerne hinauf zu Muzot, diesen mittelalterlichen, einfachen Turm, der in einem ummauerten Garten mit einer Pappel steht. Muzot also, liebe Marlena, wenn du mal eine literarische Europareise machen wirst, werde ich dir auch zeigen. Der Turm steht vereinzelt da. Früher war er geradezu abgelegen, etwa eine gute Stunde Fussmarsch von Siders oder Sierre, wie es in Französisch heisst. Heute ist das Gebiet schon ziemlich überbaut und die Häuser schleichen sich immer näher an diesen einzigartigen Bau heran, der an unseren grossen Rilke erinnert.

Du siehst, Marlena, Rilke ist für mich sozusagen ein lokaler Dichter, mit dem ich aufgewachsen bin. Deshalb vielleicht, neben seinen grossen Qualitäten, habe ich eine enorme Schwäche für seine Texte. Deshalb schmelze ich bei seiner Sentimentalität sozusagen dahin.

Das wollte ich Dir erzählen zu Rilke. Für den Moment! Und wenn ich Dein Foto anschaue, höre ich Dich schon Rilke zitieren ;-)

Bis bald wieder und lass es Dir gut gehen, Marlena

Gruss
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