Sonntag, 28. März 2010

Ratlos

Subject: Re: Danke gleichfalls!
Date: Fri, 12 May 2000 10:38:45 GMT


Liebe Marlena

Noch bin ich ganz durcheinander und gehe im Büro ratlos auf und ab.
Ach, du hast es gut mit deiner Arbeit, meine Liebe, wenn du mal in der Klasse stehst, dann musst du arbeiten, vierzig Augen oder mehr zwingen dich dazu. Du kannst nicht entrinnen, du kannst deine Gedanken nicht gehen lassen. Das ist vielleicht anstrengend, aber doch, am Schluss hast du gearbeitet. Ich hingegen gehe auf und ab und ab und auf, und mein Körper ist ein bisschen heiss, als ob das Fieber gleich käme. Vielleicht habe ich wirklich eine Chesterfield-Erkältung. Doch der Husten ist wieder weg, die Maladi hat mich wohl doch warm behalten.

Und ab und auf und auf und ab. Ich höre jetzt italienische Opernmusik, du weißt wie sie klingt, sehr melodramatisch, manchmal ergreifend, sehr italienisch, theatralisch, barock muss man eigentlich sagen. Es kommt einem nahe, aber nicht so, dass man auch gleich weinen könnte.

Ich werde am Mittag rasch zur Bibliothek gehen und schauen, ob sie Barbaras Biographie haben. Wahrscheinlich würde ich nicht die ganze lesen, aber ein paar Auszüge.

Weißt du, was ich mir gedacht habe: bring das Bild von Prag nach Rom mit, klar, und komm nicht in letzter Sekunde zum Flughafen. Komm eine Viertelstunde früher, ich bitte dich. Ach, ich male mir dies alles so aus, und ich werde einen Dumont Führer für Rom holen. Dumont sind die besten, nach meiner Erfahrung. Ich habe auch noch zwei oder drei andere Bücher über Rom. Alles werde ich studieren, damit du keine freie Minute haben wirst. Du kannst die Verantwortung für die Musik übernehmen, oder sonst was, Essen und Trinken, Drinks. Nein, eigentlich sollten wir nicht solche Aufteilungen machen. Aber ich habe mir vorgestellt, dass ich mit dir auf dem Petersplatz tanzen wollte, mitten auf dem schönen Platz, den Michelangelo gestaltet hat, mitten unter diesen flatternden und schmutzigen Tauben, und ohne Whiskey Glas in der Hand. Die ganze Welt wird sich drehen, und es wird eine absolut katholische Geste sein.
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Du siehst, es ist wie mit dem Treffen zwischen Dir und A., ich male mir schon alles so aus, dass es für dich gar nicht sehr angenehm ist. Darum will ich es dabei bewenden lassen.
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Der Chat gestern war für mich absolute Spitze, vielleicht etwas lang, wenn sie hier meine Telefonrechung sehen, aber sonst wirklich sehr schön. Ich habe dich noch nie so nah gehabt, Marlena, es war eine echte gegenseitige Liebeserklärung und noch vieles dazu. Und du hast vieles gesagt, so dass ich dich besser verstehe und sozusagen exakter liebe.
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So wollte ich dir sagen, dass ich hier ganz aus dem Konzept geraten bin und den Faden zu meiner Arbeit kaum finde. ...

Und unser Management-Kurs ist mir wieder in den Sinn gekommen. Das waren ja alles Kaderleute aus der Verwaltung, Männer und Frauen, Polizisten und Dienstleiterinnen und Pressesprecherinnen und so fort. Und zum Schluss sassen wir alle in einer Runde und jeder musste eine Person auswählen und diese Person sollte ihm sagen, was ihm aufgefallen sei an ihm, irgend etwas Persönliches, eine Anerkennung, ein positives Bild. Und ich war so erstaunt, wieviele Personen mich als Person gewählt haben, und sie meinten ich sei eine Art von weise und ruhig und gerecht und stehe über den Dingen. Soviele wollten sich von mir charakterisieren lassen. Ich fühlte mich stolz, aber auch etwas geniert angesichts soviel Anerkennung. Und ich habe bei mir gedacht, dass es auch schön sei, etwas älter zu sein. Die Leute akzeptieren dich mehr mit deinen weissen Haaren, habe ich mir gedacht.

Und jetzt stehe ich hier wie ein kleiner Junge, und niemand kann mir sagen, was mit mir geschehen ist.

Ich habe mir Sorgen gemacht zu sehen, dass du vor 4 Uhr in der Früh schon wieder auf warst. Und dass du ja noch 3 Stunden gearbeitet hast nach unserem Chat, und ich bloss Wein getrunken. Ja, meine Liebe, ich hätte dir so gerne bei deiner Arbeit geholfen, hätte ich nur gekonnt. Es wäre mir wirklich ein grosses Vergnügen gewesen, denn, wie du sagst, diese Maladi gibt auch viel Energie, wenn man sie denn richtig einsetzen kann.
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Du hast Camus zitiert, ...

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