Prag noch einmal
Fri, 26 May 2000 05:40:10 GMT
Liebe Marlena
...
Du wirst es vielleicht für eine Ente halten, aber ich muss dir sagen, gestern Abend war ich für eine gute Stunde in Prag. Nun, es gab eine Sendung am Fernsehen, und die hiess "Karel Gott führt durch das musikalische Prag". So irgendwie. Du wirst ihn doch kennen, diesen Gott, mit seiner göttlichen Stimme. Er hat einen solchen Anschlag, der sehr süsslich wirkt. Ich habe das immer für eine tschechische Spezialität gehalten, denn die italienischen Tenöre zeigen das nicht. Es sind diese Mellismen, die wie ich glaube aus dem Osten kommen und dir ans Herz zu gehen versuchen. Man hört sie ja auch bei der arabischen oder der persischen Musik, und wohl auch bei den Türken. Ja, bei den einen geht es wirklich ans Herz und bei anderen weniger. Karel Gott ist ja der Liebling der Schwiegermütter, ist er das nicht?
So hat also Gott gesungen und im Hintergrund, oder auch in speziellen Szenen hat man Bilder von Prag gesehen. Normalerweise hätte ich diese Sendung nicht mit solcher Aufmerksamkeit angeschaut. Aber gestern wollte ich ein bisschen etwas von diesem Prag erhaschen, das du so gelobt hast.
Angefangen hat er natürlich mit der Karlsbrücke, die ich nun ja schon von deiner lieben Postkarte kenne. Sie sei die zweitälteste Brücke Europas. Und sie erinnert mich ein bisschen an die mittlere Brücke Basels, oder aber jene vor der Engelsburg in Rom. Dort hat es auch beidseits schöne Statuen. Im übrigen erinnerte ich mich, dass Kundera eine Romanpassage in einem Haus unmittelbar bei dieser Karlsbrücke spielen lässt. Gott hat nun erzählt, dass man diese Brücke besonders robust und stabil bauen wollte unter Kaiser Karl IV, und dass er befahl, in den Mörtel Eigelb zu geben. Und die Bauern der Region sollen tonnenweise Eier herbeigeschleppt haben. Aber keines der Eier sei je im Mörtel gelandet. Alle hätten sie so aufgefressen. Und deshalb sei die Brücke heute eben ein bisschen wackelig.
Auch die landschaftliche Situation Prags hat mich ein bisschen an die Schweiz erinnert. B, wo ich arbeite, liegt zum Beispiel ganz ähnlich so zwischen den Hügeln wie Prag. Und ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer tschechischen Ärztin, die mir sagte, sie fühle sich hier so wohl, weil die Landschaft sei wie in Tschechien.
Karel hat dann auch erwähnt, dass Prag einst das Zentrum des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation gewesen sei, also das Herz Europas, und dass dort die erste Universität Europas entstanden sei, wo man Deutsch ohne Akzent gesprochen habe. Und er hat auf Mozarts Pragreise hingewiesen, die ja von Mörike beschrieben worden ist (das Buch wollte ich lesen, als du in Prag warst, aber ich hatte dann doch nicht die Zeit), wo er die Uraufführung seines Don Giovanni feierte und von den Menschen als Liebling von Prag gefeiert wurde. Eine Szene spielte im hübschen Jagdschloss Veltrusy mit seinem wunderschönen französischen Garten. Und den rosengarten Konopiste erwähnte er speziell für Liebende, weil er einen intimen und sehr romantischen Charakter hat. Man sah den Wenzelsplatz und einige Ansichten des respektablen Nationalmuseums. Und schliesslich wurde auch das Schloss Konopiste 50 km ausserhalb Prags gezeigt, das Kronprinz Ferdinand ausgebaut hatte, mit seinem englischen Garten. Angefangen und geendet hat die Sendung mit dem Kloster Strahof, aus dessen wunderschöner barocken Bibliothek. In solche Bibliotheken bin ich verliebt. Wir haben ähnliche in St. Gallen und in Einsiedeln. Ich könnte dort stundenlang verweilen zwischen den alten Büchern. Und dann sah man noch den Lucerna Saal, den er mit dem Pariser Odeon verglich und wo er scheinbar seine Karriere angefangen hatte und immer wieder aufgetreten ist.
Ja, Marlena, es scheint mir eine sehr schöne Stadt, Prag, nicht zu gross, mit diesen wunderhübschen Bürgerhäusern. Und die Barockbauten können mich ohnehin immer wieder begeistern. Das Strassenpflaster, das du so unvergesslich geschildert hast, haben sie nicht so detailliert gezeigt, dass ich hätte schlitteln mögen. Aber man konnte auf der Karlsbrücke auch die unendlich vielen Touristen sehen. Es ist wirklich grässlich, wie sie wie die Heuschreckenschwärme daherkommen und mit ihren Augen alles kahlsehen. Es ist eine Seuche, der moderne Tourismus. Und natürlich machen wir mit, weil wir auch gerne solche Städte anschauen.
Karel Gott ist ein Tenor, und er hat einen Witz über die Tenöre erzählt. Er meinte, es gäbe ebensoviele Tenorwitze wie Blondinenwitze. Da war also ein altender Tenor, der ein bisschen Probleme hatte mit seinem Gedächtnis. Aber er schaffte seine Arbeit im allgemeinen noch ganz gut. Doch einmal stand er wieder auf der Bühne, der Dirigent gab ihm den Einsatz, aber er blieb stumm. Nochmals gab ihm der Maestro - diesmal deutlicher - den Einsatz: nichts. Die Soufleuse lag schon beinahe auf der Bühne und zischte ihm die Stichworte: Una furtiva lacrima...., die übrigen Sänger wollten ihm unter die Arme greifen und zischten die Zeilen una furtiva lacrima. Mit verzweifeltem Blick grollender Stimme gab der alternde Tenor zurück: mein Gott, nicht den Text, die Melodie!!!
So habe ich nun doch noch etwas von unserem Prag mitbekommen. Und ich kann mich umso mehr auf Rom konzentrieren.
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Donnerstag, 18. März 2010
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