Date: Wed, 10 May 2000 07:35:34 GMT
Guten Morgen meine Liebe
Liebe Marlena
Gerade habe ich dein wunderschönes Mail gelesen und ich danke Gott, dass er mich in meiner Not erhört hat. Wir sind jetzt sozusagen zu dritt, ganz offensichtlich, und das ist vielversprechend. Und sicherlich wird er nicht mehr mit unnützen PCs um sich werfen müssen.
Ich habe jetzt nicht allzuviel Zeit, wenn ich dir dieses Mail noch zum Espresso schicken soll. Und wenn es zu spät wäre, dann vergib mir und freue dich darauf, wenn du nach der Arbeit heimkommst.
Zu meinem Brief an den lieben Gott. Ich höre, du hast in Prag geweint. Ich kann dir verraten, ich habe es auch. Aber es war nicht ein schmerzliches Weinen, sondern - wie soll ich sagen - eher eines in Sehnsucht. Ich habe mich zwar gefragt, ob ich dir jetzt nicht Sorgen mache, da du wenig Zeit hast, dich damit zu befassen oder gar eine Antwort zu finden. Aber ich bin dir sehr dankbar dafür, wie du es aufgenommen hast. Ich war mir nicht sicher, ob ich dich verletzen oder irritieren würde. Ich bin sehr froh, dass du so ein grosses Herz hast, so dass auch noch dieses Mail drin Platz findet. Es ist wirklich wunderschön mit dir zusammen zu sein, Marlena. Und was ich über leere Versprechen gesagt habe, du bestätigst es, es ist genau wie ich es mir gedacht habe. Es ist sehr lieb gemeint. Und natürlich wirst du dir denken können, dass es Frustrationen macht auf der anderen Seite. Und was du sonst dazu sagst, stimmt auch haargenau. Ich war mich anfangs nicht sicher, ob das ein guter Weg wäre. Aber es hat mir die Möglichkeit gegeben, etwas freier darüber zu reden. Viele Dinge hätte ich dir nicht direkt sagen können. Oder es hätte dann lange Abschnitte gegeben, umständlich formuliert und gedreht und gekünstelt, dass du von der Lektüre ganz müde geworden wärst. So habe ich das zur Chefsache gemacht. Unsere Mausfreundschaft ist sozusagen Chefsache. Das ist doch wohl ein guter Stern, den wir uns ausgesucht haben.
Ja, wenn du spontan und ohne grosse Überlegungen schreibst, so bin ich es noch mehr, habe ich manchmal das Gefühl. Ich akzeptiere fast keine Grenzen und lasse meinen Fantasien allerfreiesten Lauf. Und die weißt, was herauskommt. Manchmal ist es ganz schön und gut gestaltet, manchmal ist es vielleicht auch glatter Unsinn. Vielleicht manchmal kann es auch verletzen. Aber dich versuche ich schon darin zu berücksichtigen, so dass du nicht unter die Räder kommen solltest. Denn meine Gedanken und Fantasien sind ja sozusagen Geschenke für dich. Ist natürlich ein hoher Begriff, Geschenke, aber so mach ich es irgendwie.
Vielleicht noch kurz zu Dürrenmatts Rede. Du meinst, es wäre besser, sie zu hören. Das ist echt Marlena, ich glaube, ein bisschen kenne ich dich schon. Das ist ein schönes Gefühl. Aber bei Dürrenmatt ist das - wie soll ich sagen - natürlich auch so wie du sagst. Dabei ist er im Grunde kein besonders guter Redner. Du weißt, er war recht dick. Er war, glaube ich, zuckerkrank. Dann war er von Bern, und die Berner haben in der Schweiz den Ruf, sehr langsam zu sein. Er sprach also ein miserables Hochdeutsch, langsam, mit diesem etwas groben und stumpfen Bernerakzent. Das klang für unsere Ohren noch eine Spur ironischer. Weil es sehr linkisch wirkte, und von den Gedanken her aber doch recht fein konstruiert war. Ach Dürrenmatt, ich habe Redepassagen ganz schwach in meiner Erinnerung. Ich habe ein paar Intervies mit ihm im Kopf. Und von denen her kann ich sagen: ich war immer erstaunt, wie er gewöhnlich und langsam und suchend redet, es klingt fast ein bisschen enttäuschend und man hätte nie gedacht, dass dies nun der grosse Dürrenmatt sei.
Nun, meine liebste Mausgeliebte, will ich dieses Mail in den Wind hinaus halten, damit es dir zuflattert, und hoffe, dein Espresso sei noch warm. Vielmehr heiss. Das wäre ein echter Genuss.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag. Du bist wirklich meine ferne Geliebte, Marlena. Was wird bloss daraus werden?
G+K+M
...
Mittwoch, 3. März 2010
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen