Date: Tue, 09 May 2000 05:17:13 GMT
Liebe Marlena
Es war wundervoll, dein Mail, eine wirkliche Familiensparpackung, wundervoll. Und dazu noch ein kleiner Apéro, so dass man vor soviel Appetit ganz wahnsinnig wird. Ich danke dir herzlich und ich weiss, dass du dir die Zeit von deinem Schlaf hast stehlen müssen. Nicht bloss umarmen würde ich dich jetzt!
Ich bin erstaunt, dass du die ganze Zeit in Prag gewesen bist. Ich habe gedacht, ihr reist kreuz und quer durch Europa, und für Prag würde es dann einen oder zwei Tage reichen. Und sogar unter diesen Umständen hatte ich gehofft, du würdest A. sehen. Ach, weißt du, sie hat das kaum wahrgenommen. Sie war so beschäftigt mit Prag und ihrer Klasse, sie hat mir bloss nebenbei erzählt, dass sie keinen Anruf bekommen habe. Ich muss dir auch sagen, dass sie mein Mail aus der Schweiz auch nicht bekommen hat. In der Tat haben sie das Hotel morgens um etwa 10h verlassen und sind dann erst abends spät wirder zurückgekommen. Weißt du, meine Liebe, ich habe vielleicht deine kurze Notiz etwas missverstanden. Ich habe herausgehört, dass du dir überlegst, ob du sie überhaupt aufsuchen sollst oder nicht. Du hast gesagt, ein bisschen fehle dir der Mut oder ähnlich. Und darum wurde ich ganz ungeduldig und wollte dich unbedingt dazu bewegen, es doch zu tun. Wenn ich gewusst hätte, dass du es schon so oft versucht hast, dann wäre meine Reaktion eine andere gewesen. Ich konnte dich im Moment überhaupt nicht verstehen. Ich habe mich gefragt: ist sie so scheu? Geniert sie sich vor meiner Tochter? Möchte sie das kleine Geschenklein nicht annehmen? Geniert sie sich vor ihren Kollegen? Es sind mir hundert Gedanken durch den Kopf. Und ich konnte die Welt nicht mehr verstehen.
Ach, ich glaube nicht, dass es eine gute Idee wäre für mich, jetzt nach Prag zu reisen. Ich würde dich überall vermissen. Das wäre eine verlorene Situation, die ich mir lieber nicht zumute. Nein, das könnte ich wirklich nicht. Deine Schüler mit dem Jahrgang 81 waren überigens genau gleich alt wie diejenigen von ... Die unseren waren vielleicht etwas mehr geführt. Sie hatten am Vormittag eine Führung und konnten jeweils den Nachmittag allein verbringen. Die einzige Bedingung war, dass sie mindestens zu Dritt zusammenbleiben. Das finde ich, war ein gutes Arrangement. A. war natürlich immer mit ihrer Freundin zusammen. Sie verstehen sich gut und fühlen sich in der Klasse als etwas Besonderes. Die übrigen Schüler hätten nur schulische Interessen, seien Streber, während sie - nun ja - sozusagen ein bisschen mehr vom Leben verstünden, so redet sie.
Für A. war das verpasste Treffen überhaupt kein Problem, da mach dir keine Sorgen. Es war es nur für mich, und ich habe mir auch etwas Vorwürfe gemacht, warum ich denn daraus eine solch grosse Geschichte mache. Aber es wäre für mich ein kleines Künststücklein gewesen, wenn es zustande gekommen wäre, habe ich immer gedacht. Und wir hätten beide im Leben immer an diesen Moment zurückdenken können, und meine Tochter als Go-between, ohne genau zu wissen, was sie da tut. Das wäre doch eine enorm romantische Konstruktion gewesen Ach, es hat eben nicht sollen sein! (Redensweise, nicht perfektes Deutsch). Nun ja, wir können trotzdem daran zurückdenken, aber der Moment hat eine etwas andere Koloratur. Irgendwie hasse ich es, wenn etwas nicht gelingt. Und hier hatte ich den Eindruck, es müsste doch gelingen, es sei doch nicht eine so schwierige Sache. Und so habe ich an dir gezweifelt, dass es dir überhaupt ernst sei, und dass du vielleicht wirklich jeden Kontakt mit dem real-life meiden wolltest und was das überhaupt alles soll! Es tut mir leid, Marlena, aber es hängt natürlich damit zusammen, dass ich dich als Person nicht so rundum kenne.
Du kannst dir schon ausmalen, wie das zustande kommt. Wenn ich mit einer Person spreche, so überprüfe ich im Verhalten, wie ich das Gesprochene zu interpretieren habe. Einige Menschen übertreiben viel, andere untertreiben, die einen flunkern, die andern meinen alles sehr ernst und 100% wahrheitsgemäss, und wieder andere sind wechselhaft, reden mal so und mal so. Bei dir hatte ich festgestellt, dass du manchmal etwas versprichst, was du nicht halten kannst oder nicht willst oder wie auch immer. Verstehst du, es ist einfach schwer zu interpretieren. Ich weiss, es können die Umstände sein, es kann die momentane Stimmung sein, es kann so vieles bedeuten. Aus einem Brief ist es einfach nicht zu interpretieren. Und das macht mich dann ziemlich verrückt, und ich versuche, die leeren Stellen mit meiner Fantasie auszufüllen. Ich nehme es dir auch nicht übel, wenn ich weiss, dass es so ist und warum es so ist. Aber anfangs war ich manchmal sehr enttäuscht, wenn du ein Mail versprochen hast und dann ist keines bei mir angekommen. Verstehst du, ich habe mir auch versucht zu erklären, dass etwas dazuwischen gekommen ist, dass du keine Zeit mehr hattest, dass du zum Schluss vielleicht zu müde warst und so weiter und so fort. Ich kenne das Leben doch auch. Und trotzdem ist man enttäuscht und fängt an, an der Person zu zweifeln. Jetzt bin ich vielleicht schon etwas vorsichtiger geworden. Wenn du mir sagst, du würdest morgen ein Mail schreiben, dann denke ich, nun ja, wir werden sehen.
Verstehst du mich richtig? Es ist nicht oft vorgekommen, dass ein versprochenes Mail nicht gekommen ist. Ich will es nicht übertreiben. Aber ich bin sehr empfindlich, weil ich wirklich mit Sehnsucht darauf warte. Du weißt, wie das ist, wenn man das Inbox öffnet und oben steht: "Mail 0". Man könnte den Laptop zum Fenster raus werfen und die Leute hier würden staunen, wie der liebe Gott heutzutage mit seinem Abfall umgeht.
Ach, Marlena, ich will ja nicht, dass wir mehr Probleme als Freuden haben in unserer Mausfreundschaft. Aber ich möchte, dass sich nicht zuviele Probleme und Zweifel akkumulieren. Das ist das einzige, was ich will, damit unsere Mailfreundschaft eine gesunde Basis hat.
Eigentlich nur zusammen mit der physischen Präsenz kann ich das Gesagte einigermassen interpretieren. Das ist der Grund, warum ich so schnell auf die Idee gekommen bin, dich treffen zu wollen. Ich habe mir gedacht, wenn ich weiss, wie sie ist, welches Temperament sie hat, wie sie mit ihren Gefühlen umgeht, wie genau sie meint, was sie sagt und all das, so habe ich mir gedacht, würde ich deine Briefe wohl besser verstehen. Manchmal gibst du für mich mehr Fragen auf als Antworten. Und ich kann mir daraus einfach keinen Reim machen. Auch in diesem schönen langen Mail machst du anfangs Andeutungen, dass es dir nicht gut ginge, dass es dir sogar miserabel gehe, dass du Tabletten "und anderes" brauchst. Aber meine liebe Marlena, wie kannst du mir so etwas schreiben!!! Das macht mich doch wahnsinnig. Entweder musst du genau schreiben, was es ist und woher es kommt. Oder du musst darüber schweigen. So wie du es machst, ist es unmöglich. Es macht mich verrückt. Ich mache mir Sorgen. Ich frage mich, ob ich das Problem verursache? Was es ist? Ob es langandauernd oder kurz ist? Ob ich etwas dagegen tun kann? Verstehst du, der Kopf fängt an zu arbeiten und arbeiten und er kommt zu keinem Schluss, einfach weil die Informationen fehlen.
Siehst du, meine liebe Mausfreundin, das ist eben mein Problem. Es ist es immer ein bisschen gewesen. Aber ich wollte auch nicht immer davon reden. Das wäre auch sehr anstrengend, in den Mails stets an dieser Frage herumzudiskutieren. Deshalb kommen meine Zweifel vielleicht periodisch. Und darum wohl habe ich beim lieben Gott Hilfe gesucht!
Zurück nach Prag. A. sagt, was sie erstaunt hat, war, wie sauber die Stadt und wie unfreundlich die Prager seien. Das hänge wohl mit den vielen Touristen zusammen. Und doch, in Florenz hätte es auch viele Touristen, doch die Florentiner seien freundlicher. Und sie war überrascht von den vielen Stilarten der Häuser. Das hatte sie wohl besonders bemerkt, weil sie momentan eine Arbeit über Architektur schreibt.
*
Liebste Marlena, ich muss jetzt mit dem Auto weg, es ist gleich 0715h. Aber mein Brief ist noch nicht zu Ende. Eigentlich müsste ich ihn bis abends beiseite legen. Aber ich möchte doch auch, dass du heute morgen was kleines zum Kaffee hast. So sende ich dieses Bruchstück.
Ich danke Dir für dein liebes Mail. Es war wirklich ein guter Schluck Feuchtigkeit. Und es hat mir enorm wohl getan. Und ich habe absichtlich während der Lektüre nochmals Barbara laufen lassen, obwohl sie mir schon bald mal ein bisschen nachläuft.
Ich wünsche Dir einen wunderschönen Tag unter all diesen blühenden Bäumen, wie du sie beschrieben hast.
Ich bin für dich da.
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