Donnerstag, 11. März 2010

Kunst und Rilke

Subject: Schwesterherz
Date: Sat, 20 May 2000 06:13:10 GMT

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Gestern um etwa 22Uhr bin ich mit meinem Kollegen heimgefahren. ... Wir diskutieren ab und zu etwas über Philosophie. Ich habe zwar den Eindruck, er hat nicht viel Ahnung, er bleibt immer mehr im Allgemeinen und belässt es beim name dropping. Aber er liebt es und ich auch. Ich hatte immerhin schon im Gymnasium Philosophie, eine gute und solide katholische Einführung vor allem in die Begriffe. Und dann hatte ich Philosophie als Fach in meinem Studium. Verglichen mit ihm bin ich geradezu ein Professional. Und so habe ich ihm zwei Bücher gezeigt, die ich zufällig in meiner Mappe mitgeführt hatte, um in der Eisenbahn ein bisschen zu lesen. Üeber Nietzsche kamen wir dann auf Rilke zu sprechen. Und offenbar hat sich U einmal mit der Pathologie Rilkes beschäftigt. Er war wirklich psychisch sehr leidend - milde gesagt - und nicht sehr lebenstüchtig, der arme Rainer Maria Rilke. Offenbar sei er in dieser oesterreichischen Militärschule auch misbraucht worden von Kameraden. Nun ja, grosse Kunst gibt sich vielleicht nur aus einem Leiden am Leben. Wer glücklich dahinlebt, gut isst und sich problemlos nachts im Bett vergnügt, der macht keine Kunst. Der kriegt gar nie die Spannung zusammen, die es einfach für eine grosse Leistung braucht. Doch vielleicht ist das eine alte, eine existenzialistische Definition des Künstlertums, etwas zur Zeit der Impressionisten bis zum Weltkrieg. Wenn man die jungen Künstler heute sieht, dann sind das teilweise ja merkwürdige Gestalten. Und teilweise sind es eigentliche business-Menschen.

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