Subject: Du mein Feuerwerk !
Date: Tue, 09 May 2000 13:28:35 GMT
Liebe Marlena
Ach meine Liebste, du überschüttest mich mit Mails, dass ich da stehe wie ein Geburtstagskind voller Glanz in den Augen. Ist das jetzt die Folge davon, dass ich dem lieben Gott mein Leid geklagt habe? Nun ja, vielleicht hat er mich wirklich erhört und ein bisschen Mitleid gehabt mit dem armen Kerl. Hat er dir etwas zugeflüstert? Doch meine Liebe, es war nicht bloss Humor, es war auch etwas Not darin. Na ja, das gehört zum Humor. Es ist wirklich wunderbar, soviel von dir zu hören. Du bist so lebendig wie nie zuvor, jetzt im Moment wirklich lebendig. Und das ist fast wie in den Flitterwochen ;---)) (Was bedeuten zwei Münder )) ? ). Hoffentlich positiv mit ein bisschen Augenzwinkern!
Aber höre, meine Liebe, ich möchte nicht dass du dich zusehr stressen lässt. Ich möchte nicht, dass du bis in den Morgen hinein Mails schreibst. Und ich will absolut nicht, dass du mit Medikamenten nachhelfen musst. Das wäre das allerletzte. Und meine Liebe, Tabletten und Alkohol zu kombinieren, das ist doch wohl Gift. Da hast du dein Mail ja praktisch mit Blut geschrieben. Ach, meine Liebe, soweit darfst du nicht gehen.
*
Mit Vergnügen habe ich also von eurem Valborgismässoafton gehört. Das kennen wir nicht hier in Mitteleuropa. Ist das die Walburgisnacht, die auch im Faust eine Rolle spielt, wo die Hexen tätig sind? Es ist schön zu hören, welch gute Erinnerungen du an diesen schönen Brauch hast. Und ich stelle mir die Männerchöre mit den weissen Mützen vor, und die Feuer. Und dann der Majmiddag, das muss unser DIES ACADEMICUS sein, der Tag, an dem die Universität feiert und die Ehrendoktoren ernennt und im Münster einen Gottesdienst zelebriert, all die Professoren im klassischen Ornat. Wir haben in unserem Club zwei Professoren, und beide sind sie jeweils dabei. Es ist wirklich lustig, sie anzusehen. Doch ich habe sie bloss auf Fotos gesehen. Ich habe wenig Beziehung zur Universität Basel, weil ich ja nun in Zürich studiert habe.
*
Es ist gut, dass du mir die Situation vor deiner Abfahrt geschildert hast. Ich habe dir schon alles vergeben. Nun, eigentlich gibt es nichts zu vergeben. Das muss ja ein echt hartes Gedränge gewesen sein, die Packerei, die Feierlichkeiten, deine Familie. Es tut mir sehr leid für dich. Aber du verstehst mich vielleicht auch ein bisschen. Weißt du, ich kann ziemlich gut vergessen und vergeben. Mindestens habe ich diesen Eindruck von mir. Wenn ich dann wieder was von dir höre, ist alles vergessen und vorbei und ich bin nicht mehr böse oder enttäuscht. Aber tief unten akkumulieren sich die kleinen Quantchen an Unzufriedenheit. Mindestens diese Erfahrung habe ich bei mir in den letzten - sagen wir 30 - Jahren gemacht. Deshalb muss ich etwas Sorge tragen, damit unsere Balance hinhält.
Doch Marlena, das sollst du auch wissen. Ich habe mir wirklich vorgenommen, etwas ruhiger zu sein, nicht sosehr zu drängen. Ich habe ja auch gehört jetzt, dass die Skorpione so fordernd sind. Aber ich will mich nicht zurücklehnen und dem Skorpion freie Bahn geben, ich will mich auch etwas modellieren. Und wir sind beide erwachsene Personen und wir sollen uns so nehmen und akzeptieren, wie wir sind. Vielleicht merke ich mit der Zeit, dass du in wenigen Worten mehr schreibst als ich in vielen Sätzen. Und ich lerne dabei gelassen zu sein, was ja ein kleiner Schritt in Richtung Weisheit wäre. Ich versuche wirklich auch, für mich daraus zu lernen.
Wenn du mir am Sonntag von deiner knappen Zeit etwas geesagt hättest, so wäre ich zu dir gekommen und hätte dir mit den Kleidern im Schlachtfeld geholfen. Ich wäre vielleicht mit einer Rot-Kreuz-Binde am Arm herumgehüpft und hätte dich ein bisschen moralisch unterstützt und Infusionen verabreicht. Wenn nicht in der Tat so doch in der Moral. Und S hätte sich echt gewundert, denn ihr helfe ich kaum mit Kleidern und Packerei. Aber sie ist ja auch nicht berufstätig. So, siehst du, sind die Männer. Nun ja, ich will mich nicht zuviel verraten, sonst sinkt mein Stern bei dir am Himmel. Und das wäre doch schade.
Ach, ich hätte so gerne am Sonntag mit dir einen Abschiedschat gehabt. Nun, das hatten wir eigentlich, nur war es so plötzlich vorbei. Das hat mich sehr frustriert. Und dich sicherlich auch.
*
Ich habe eine Überraschung für dich, Marlena, aber ich sag sie dir erst, wenn wir uns mal im Chat treffen. OK ? Du musst dich leider gedulden. Aber es wird schon kommen, meine Liebe. Und mittlerweile lache ich wie ein Maienkäfer.
*
Für die Art, wie du in Prag angekommen bist nach 30 Stunden Busfahrt und unausgeschlafen. Man kann sagen "ich war gerädert", oder "ich war wie gerädert". Das bezieht sich zwar auf eine mittelalterliche Art der Marter, als man die Schuldigen (oder Unschuldigen) auf ein grosses Rad gebunden und ihnen dabei die Glieder gebrochen hat. Das passt an sich gut, weil beide Male das Rad die Causa gewesen ist.
Nun, meine liebe Reisebegleiterin, wenn ich M gewesen wäre, dann wärst du bestimmt nicht so gerädert gewesen, dann hätte ich dich auf Federn gebettet. Dann hättest du in den 30 Stunden sicherlich an meiner Schulter etwas geschlafen, oder wir hätten uns sonst ein bisschen zusammen gekuschelt und in die Nacht hinaus geschaut. Und wir wären erstaunt gewesen, wie kurz die Fahrt gedauert haben würde. Und wir hätten uns am Dienstag Morgen gewünscht, gleich weiter zu fahren nach Wien oder so, ohne Ende, einfach, um mal zu schauen, ob die Welt wirklich rund sei, wie es immer behauptet wird. Das waren echte Strapazen, die du hast durchstehen müssen. Hauptsache, es hat sich ausbezahlt, das alles auf sich zu nehmen. Wie bist du überhaupt zu deiner Gunst gekommen. Hat man dich gefragt oder hast du dich gemeldet? Es war ja nicht eigentlich deine eigene Klasse, nicht wahr? Und ich hatte den Eindruck, dass du auch gar nicht viel darüber informiert warst vorher? Ich hatte in Erinnerung, als ob ihr da und dorthin reisen würdet. Und ich hatte auch geglaubt, du hättest mir gesagt, sie seien jünger, deine Reisebegleiter.
A. war beeindruckt, wie sauber es in Prag war, und wie unfreundlich die Einheimischen. Ich glaube, das habe ich schon gesagt. Aber ich kenne diese Unfreundlichkeit von den Leuten aus Zermatt, was ja auch ein grosser Touristenort ist. Wenn man das ganze Jahr bezahlende Gäste um sich hat, wird man ein bisschen verwöhnt. Entweder gehen sie einem auf den Wecker, weil man nicht direkt etwas an ihnen verdient. Oder man verdient an ihnen, aber dann fahren sie ja ohnehin dann wieder weg. Es ist besser, momentan zu verdienen als längerfristig mit ihnen was aufzubauen.
Im Café Kafka wäre ich natürlich gerne gesessen und wir hätten an einem Mélange geschlürft. Doch wir hätten lieber über andere Dinge gesprochen als über Kafka. Er ist ja sowas von absurd und hoffnungslos. Da wünschte ich mir optimistischere Themen. Wir hätten zum Beispiel über den Neid der Schweden sprechen können. Das hat mich amusiert, wie du das erzählt hast. Mein erster Gedanke dabei war nämlich, eine Schweizerin aus der Schweiz hätte genau dasselbe von den Schweizerkollegen gesagt. Die Menschen sind sich überall ziemlich ähnlich. Und ihr dürft euch dort oben nicht in Sicherheit wiegen, ihr wärt die besseren Neider. Das seid ihr bestimmt nicht. Da gibt es andernorts auch gute Weltmeister. Neid, davon bin ich überzeugt, er ist ziemlich gut verteilt auf dieser Welt. Darauf beruht schliesslich unser Wirtschaftssystem, ist sozusagen der Motor der Welt. Und du willst doch nicht etwa Malrena, du willst doch nicht den Motor des Weltkraftfahrzeuges einfach abstellen und die Karre so im Dreck stehen lassen?? Das willst du doch nicht im Ernst!
Da kommt mir gerade wieder unser Dürrenmatt in den Sinn. Ich weiss, die Rede ist nicht so leicht zu verstehen und auch ein bisschen lang. Ich habe bloss gedacht, vielleicht kannst du mal einen Teil im Unterricht verwenden oder vielleicht auch bloss für dich, in einer ruhigen Stunde, die ja nun, wie ich weiss, selten sind. Immerhin redet Dürrenmatt über die Schweiz und die Schweizer, allerdings mit sehr kritischem Unterton. Auf jeden Fall fand ich es lustig, dass er auch gerade mit unserer Metapher, dem Gefängnis, operiert. Und ich bin diesmal seinen Gedankengängen sehr aufmerksam gefolgt, als ob er mich nachgeahmt hätte, der gute alte Dürrenmatt, und ich wollte schauen, wie gut er das tut. Ich hatte den Eindruck, er fantasiert ganz ähnlich wie ich, oder ich wie er, ist vielleicht bescheidener gesagt. Und er kommt auch zu so komischen Schlüssen und Formulierungen. Was würdest du sagen, Marlena, er erreicht beinahe mein Niveau, der gute Friedrich, oder etwa nicht? Auf jeden Fall weiss ich noch, als ich zum ersten mal von dieser Rede gehört hatte. Ich war begeistert, sie war für mich wie eine Bombe. Heute, nachdem ich sie kopiert, und damit ziemlich detailliert und langsam nochmals gelesen habe, fand ich sie nicht mehr in jeder Hinsicht überzeugend. Aber immer noch lustig und ironisch, wie Dürrenmatt eben war. Er war schon ein grosser metaphysischer Denker. Und dazu hat er auch noch ein bisschen gemalt. Und viel Wein getrunken. Irgendwie stehe ich ihm nahe.
*
So möchte ich dir nochmals sagen, meine Liebste. Ich mag jedes deiner Mails. Ich bin wirklich sehr gierig nach ihnen. Ich höre gerne von dir. Es sind für mich viele Anregungen drin und auch Neuigkeiten, die ich noch nicht gehört hatte, und natürlich sind sie voller Maladi, das ist wie der Krokant, das gewisse Etwas. Es ist ja schliesslich alles, was ich von dir habe, diese maladischen Mails.Sie sind sozusagen mein Futter über die Woche hinweg. Aber du sollst dich auch nicht stressen und übernehmen damit, ich bitte dich Marlena. Wenn du keine Zeit hast, dann schick einen kleinen Gruss, wie du es ja bisher netterweise gemacht hast. Und wenn du nicht sicher bist, versprich sie nicht. Es ist leichter für mich. Meine Vermutung ist richtig, nicht wahr, dass du sie mir versprichst, weil du sie machen möchtest und mich glücklich sehen wolltest, aber dann am nächsten Tag oder so reicht die Zeit doch nicht? So müsste es doch etwa laufen? Ich glaube, bei einem oder zwei längeren Mails pro Woche bin ich schon sehr glücklich. Ich etwarte niemals, dass du so viel schreibst wie ich. Es wäre ja auch verrückt, und für soviel Unsinn hättest du gar nicht die Kapazität.
Ich danke dir, mein Liebes, und ich danke dir vor allem für diese Mausfreundschaft, die du nur mit Kopfwehtabletten zu durchstehen scheinst. Sei ein bisschen nachsichtig mit mir, aber ohne Tabletten, bitte.
Mit unzähligen Ks und Gs und mit M
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Dienstag, 2. März 2010
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