(Fortsetzung)
Am Samstag hat meine Mutter zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen.
Sie ist 80 geworden. Es sind etwa 30 Personen, die kommen. Wir
haben ein Essen im Hotel, dann einen kleinen Ausflug im Autocar
zu einem Ausblickspunkt. Dort gibt es offenbar Kaffee mit Kuchen,
wie die Deutschen sagen würden. Ich mag solche Familienschläuche
nicht sonderlich. Aber bei diesem hohen Geburtstag will ich ein Auge
zudrücken. Meine Geschwister haben mich gedrängt, ein paar Worte
zu sagen. In einem Kunstbuch habe ich kürzlich von einem
amerikanischen Maler gelesen: It is best to think of the faces as
mirrors. Nicht, dass das eine neue Erkenntnis wäre. Das wissen wir
in Europa schon seit Jahrhunderten. Aber wenn ein Amerikaner das
in so kindlich naiven Worten sagt, dann ist es fast wie eine neue
Erkenntnis. So habe ich mir gedacht, dass ich alle die Kinder und
Kindeskinder frage, was sie an ihrer Oma oder Mama schätzen.
Und das werde ich dann irgendwie vortragen. Unsere Mama, soviel
ist nach den bisherigen Gesprächen klar, ist eine vielgeliebte und
hochgeschätzte Oma. Die Kinder mögen sie besonders, weil es bei
ihr immer spannend ist. Sie nimmt sich Zeit, macht Anregungen zu
Spielen und Beschäftigungen, hat immer Utensilien, Papier und
Kleister bereit für Bastelarbeiten, und hat selbst viel Fantasie und
Fingerbegabung, um eigene künstlerische Dinge zu gestalten. Sie
macht schöne Zeichnungen im Freundschaftsalbum. Sie kann aus
Abfall einen virtuellen Blumenstrauss basteln. Und sie erzählt
Geschichten, die sie gleich aus dem vergangenen Tag heraus
kondensiert und am nächsten Tag fortsetzt. Es sind ihre daily
soapes, wie ich spasseshalber sage. Ich glaube, mich hat vor allem
ihre lebendige und plastische Fantasie beeinflusst, und sie hat mir
gezeigt, wie man sie im Leben nützlich gebrauchen kann, so dass
die Spielräume des Lebens offener und vielfältiger werden. Ich
glaube, als ich noch jung war, waren meine Möglichkeiten durch
die schwierigen Erlebnisse ziemlich begrenzt. Ich fühlte mich damals
auch irgendwie scheu und eingeengt. Vielleicht ist auch die Thematik
meines Studienabschlusses von ihren Anregungen beeinflusst? Man
bemerkt solche Dinge ja manchmal erst viel später im Leben. Auf
jeden Fall ist sie eine sehr anregende und intelligente Frau, die mit
viel Fingerspitzengefühl und Diskretion ihre Lebenserfahrung
entfaltet.
---
Mein Schwager T. hat mir erzählt, dass er zu ihr gehen würde, wenn
er eine Vertrauensperson suchte, um irgendwelche persönlichen
Lebensprobleme diskret besprechen zu können. Und er bewundert
an Oma, dass sie sich in ihrem Alter vor einigen Jahren noch einen
Computer gekauft hat, um ihre Briefe zu schreiben, was wegen ihrer
geschwächten Augen nicht mehr allzu leicht ist.
Ich glaube, die Kinder mögen an ihr vor allem diese grosszügige
und akzeptierende Lebendigkeit, diese inspirierende Präsenz und
Neugirde, mit der sie Anregungen gibt und die Ideen der jungen
Seelen in ihrer ganzen Unvollkommenheit akzeptiert. A. hat
zwinkernd gesagt, ein Spaziergang mit Oma und ein Spaziergang
mit uns, dazwischen lägen Welten. Und meine kleine Schwester
erinnert sich, wie sie ihr in allen Lebenssituationen, da sie zögerte,
Mut zugesprochen habe. Du kannst das, habe sie immer wieder
gesagt. Es war eigentlich S's Idee, an diesem Fest der Mama einige
schöne Sachen zu sagen. Und - so denke ich - werde ich es versuchen.
Mama selbst soll gewünscht haben, dass es ein lustiger Anlass wird.
Sie habe angeregt, dass man doch Witze erzählen solle. Und so habe
ich auch S angeregt, vielleicht einige zu finden. Wir werden sehen,
wie es herauskommt.
Ich muss noch meine ältere Schwester und ihren Sohn sprechen,
sowie meine zwei bellesoeurs (heisst das so, schreibt man das so??)
*
Und jetzt kommt langsam Müdigkeit auf. Ich werde heimgehen,
frühstücken, duschen, und dann - so Gott will - an die Sitzung eilen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit einem lieben Gruss
...
Sonntag, 7. März 2010
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