Sonntag, 21. März 2010

Fast-Unfall

Subject: Schwesterherz
Date: Sat, 20 May 2000 06:13:10 GMT


Meine liebe Marlena

Ach, es ist schön, wieder mit dir zusammen zu sitzen und ein bisschen zu erzählen. Ich habe zwar erwartet, dass ich in meinem Inbox ein grösseres Mail von dir finden würde. Doch mindestens habe ich bemerkt, dass du an mich gedacht hast.

Wo soll ich denn anfangen? Ach ja, Freitag Morgen hat für mich mit diesem Fast-Unfall begonnen, auf dem Zebrastreifen (vielleicht nennt man das so in Deutsch?). Er hat mich wirklich beinahe überfahren und es war eine Frage von Zentimetern Ich wollte ihm nachher beinahe die Scheibe seines Autos einschlagen, habe mich aber dann ein bisschen zurückgehalten. Er war ein Franzose, vielleicht 25 oder 30. Ich habe bemerkt, dass er selbst auch erschrocken war. Er hat einfach geschlafen, nichts als geschlafen am Morgen um halb sieben.

Als meine Töchter noch mit dem Velo zur Schule gefahren sind, habe ich sie immer gewarnt, dass morgens die Autofahrer zur Hälfte noch schlafen. Sie meinen es nicht böse. Noch schlimmer. Sie haben überhaupt keine Absicht. Sie sind blind. Sie fahren dich blind zu tode ohne böse Absicht. Das ist das schlimmste. Wenn eine Absicht da wäre, könnte man sich danach richten und ausweichen, kalkulieren und so weiter. Aber nein, sie fahren blind in dich hinein.

Sag deiner Anna, sie soll besonders morgens aufpassen mit dem Velo. Die schwedischen Autofahrer werden nicht viel anders sein als die schweizerischen.

Was hättest du denn gemacht, Liebste, wenn er mich zu Tode gefahren hätte. Du hättest von mir einfach nichts mehr gehört. Was hättest du gedacht. Was hättest du getan. Na ja, immerhin hättest du noch meine Adresse, hättest fragen können, was denn mit mir los sei. Und dann hättest du noch Blumen für mein Grab schicken können. Ist doch eine schöne Vorstellung. Wenigstens auf meiner Seite! Aber vielleicht ein bisschen makaber für einen frischen Samstag Morgen. Also wechseln wir das Thema.
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