Mittwoch, 3. März 2010

Ganz verrückt :-D

Subject: Ganz verrückt :-D
Date: Tue, 09 May 2000 22:13:31 +0000


Doch, mein lieber Mausfreund,

ich glaube es wäre der richtige Augenblick für dich nach Prag zu reisen. Denn siehst du, eine Stadt durch Maladi gesehen ist etwas ganz anderes als sie nur als Tourist zu betrachten. Man ist ganz offen für alle Eindrücke und all das schöne dringt tief in dein Bewusstsein.. on ne voit bien qu'avec le coeur ... das gilt sogar einer Stadt.

Was ich dir noch von Prag sagen wollte und was mich nicht aus dem Staunen liess waren gerade die Häuserfassaden. Ich konnte mich nicht satt sehen daran. Normal schaut man sich die berühmten Gebäude ein bisschen extra an, aber hier konntest du jederzeit den Blick heben und mit Genuss ein gewöhnliches Wohnhaus betrachten. Und dann waren da auch die Strassen, ich meine das Pflaster auf den Strassen. Diese Kopfsteinpflaster, manchmal mit so kleinen Steinen dass es mehr war wie ein Mosaik, und die durch die Jahrhunderte so geschliffen waren dass man meinte auf Edelsteinen zu wandern. M hat mich darauf aufmerksam gemacht dass dies im Winter ein Problem sein muss, denn es war schon so glatt genug. Und dann kamen wir auf die Idee dass wir gerne im Winter den Vaclavplats runterrodeln würden.. stell dir das vor ;-) zwei Oberstudienräte in respektablem Alter auf einem "tefat" (weiss nicht auf Deutsch) diesen schönen Platz runterflitzen zu sehen..

Ich habe an deine Worte gedacht dass ich versuchen sollte A.von ihren Architektplänen abzubringen. Aber, Schatz, wenn du diese Pläne verhindern willst dann kannst du sie doch nicht nach Prag fahren lassen. Eine mehr stimulierende Umgebung für einen Architekten kann ich mir kaum vorstellen.

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Gelacht habe ich heute über den Satz: ".. die Leute hier würden sich wundern wie der liebe Gott mit seinem Abfall umgeht", aber deinen Brief an den lieben Herrgott habe ich ernst genommen obwohl er auch mit etwas Humor geschrieben war. Ich habe ihn am Abend in meinem Hotelbett gelesen und er hat mich zu Tränen gerührt. Wenn ich ehrlich sein soll waren es mehr als ein paar Tränen ..

Natürlich habe ich auch, in einem langen Gespräch mit Gott, versucht einige Dinge aus deinem Brief zurechtzulegen. Aber es war bestimmt nicht notwendig, denn er weiss schon alles, nur fehlt ihm eben manchmal die Zeit in meine Richtung zu schaun. Darum finde ich es eigentlich sehr gut, deine Idee mit dem Mail. So kann er sich damit befassen wenn ihm mal ein bisschen Zeit übrig bleibt und ich brauche nicht ein schlechtes Gewissen zu haben weil ich ihn von wichtigeren Dingen ablenke.

Spass beiseite, Liebling, es war eine wunderschöne Art mir einige wichtige Dinge zu sagen die du mir nicht so schonungsvoll direkt hättest sagen können. Ich bin dir dankbar dafür.

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Kennst du den Witz von der alten Frau die man fragte "Was denken sie denn davon?" und die antwortete: "Wie soll ich wissen können was ich denke bevor ich gehört habe was ich sage?" Manchmal geht es mir fast so. Ich bin sehr spontan. Was ich sage kommt direkt vom Herzen und ich denke nicht immer nach was es für Konsekvenzen haben kann. Wenn ich sage dass ich ein Mail schreiben werde dann ist es weil ich wirklich die Absicht habe eins zu schreiben. Wenn mich dann irgendetwas daran hindert bin ich genauso traurig wie du.Ich kalkuliere selten, was ich möglicherweise manchmal tun sollte. Vielleicht bin ich nur zu faul dazu. Es ist schön sich selbst zu sein und nicht eine Rolle spielen zu müssen.

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Ich muss dir noch von dem Abend erzählen, als ich glaubte A. zu sehen. Wir hatten irgendwo im Zentrum gegessen und es war schon ziemlich spät als M plötzlich sagte: Gehen wir einmal sehen ob das Mädchen aus der Schweiz antreffbar ist. Ich hielt den Atem an denn ich hatte mich schon lange danach gesehnt das tun zu können. Wir kannten schon die Adresse, die Nummer 9 mit dem Portal der zu einem kleinen Innenhof führte. Als wir schon ganz in der Nähe waren begegnete uns eine Gruppe von jungen Leuten die, wie ich meinte, sich auf Schweizerdeutsch unterhielten. Ich suchte nach A's Zügen unter ihnen.. aber sie war nicht dabei. Neben dem Eingang stand noch eine Gruppe von Mädchen. Sie sahen so aus wie eben Mädchen oft aussehen in dem Alter wenn sie sich etwas extra zurecht gemacht haben. Und dann entdeckte ich SIE. Ein einsames Mädchen, das auf der Strasse ganz vor dem Portal stand. Sie war nicht dieselbe Sorte."Das könnte sie sein", sagte ich zu M und er kam mir im Augenblick vor wie ein Agent mit geheimem Auftrag.

Das Mädchen stand ganz allein dort aber sah keineswegs verlassen aus. Irgendwie schien sie mir, in ihrer dezenten Kleidung, eine Klasse eleganter als die anderen. Auch wirkte sie natürlich unbeschwert. Ich dachte mein Gott, wenn dieses liebe Wesen dort ..'s Tochter ist ... Aber warum steht sie dort allein? Auf wen wartet sie? Ich war immer noch nicht sicher dass es A. war aber ich wünschte es mir sehr.

So gingen wir rüber auf ihre Seite. Ich sprach sie auf Englisch an und fragte ob hier
...

Nun sehe ich dich vor mir. Du lachst dass du fast vom Stuhl fällst ... Ich lache auch, denn jetzt finde ich die Situation ganz verrückt. Ich habe mir zu Hause noch einmal das Bild von A.angeschaut.. und natürlich kann sie es nicht gewesen sein. Wieso sollte sie auch sagen dass sie nicht den Namen ihrer Pension kennt.. Aber die Einbildung kann sehr stark sein und vielleicht projizierte ich für einen Augenblick alle meine schönen Gefühle für dich auf dieses "dein Kind".- Was hätte ich selbst getan wenn sie "ja" gesagt hätte? Natürlich hätte ich sie gefragt ob sie A. kennt u.s.w.

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Was ganz anderes.
Ich glaube wie du, dass es besser gewesen wäre die Rede von D. zu hören als zu lesen. Die Artikulierung war sicher dabei nicht unwichtig und ein (wie bei mir) langsames durchlesen lässt sie nicht richtig zur Geltung kommen.
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Verzeih mir, wenn ich manchmal Worte aus dem "real-life" verwende, die ich laut §5 nicht gebrauchen sollte. Wir haben doch unser schönes Wort "Maladi" was eigentlich viel besser sagt worum es geht ;-) Auch das Wort "sehnsuchen" finde ich so wunderschön. Man müsste es in die Deutsche Sprache einführen und alle Liebenden würden es gebrauchen. :-)
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Ach, bitte mein lieber Mausfreund, modelliere dich nicht. Das schöne mit unserem Mailen ist doch dass wir ganz offen und unverstellt sein können. Dein Horoskop ist schön und wie gern würde ich herausfinden wollen ob es stimmt ;-) "Herausfinden" ist wohl nicht das richtige Wort, denn eigentlich weiss ich schon, dass es so ist.
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Es ist schon wieder spät geworden und ich muss schliessen für heute. Lass uns morgen wieder unseren Espresso zusammen trinken, ja :-)

Ich umarme dich
Marlena

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