Samstag, 5. Mai 2012

RE: Suddenly

Ämne: RE: Suddenly
Datum: den 6 maj 2004 07:14


Liebe Malou
Das Wetter hat immer noch kein Einsehen. Es ist trüb und nass, dass man in die Südsee auswandern könnte. Doch dort regnet es auch, nicht wahr? Also halten wir hier aus.
Gestern war Ss Geburtstag, und die Schwedin hatte am Vortag. Ja, es gab einen Moment, da ich mir dachte, ich dürfte mich nicht so sehr für Schweden interessieren. Aber da sie lange in England gelebt hatte, war das Britische ein akzeptables Thema. Zudem ist sie daran, in Spanien eine Wohnung bauen zu lassen.
Aus Schweden hatte ich nur vernommen, dass man im letzten Willen völlig frei ist, das Geld zu verteilen. In der Schweiz muss man 50% den nächsten Verwandten vererben. Sie hatte erzählt, kürzlich ihren letzten Willen gemacht zu haben, und dies - zum Leidwesen ihrer Familie offenbar - nach schwedischen Verhältnissen.

Ja, die Zeit ist eher hektisch im Moment. Wir haben nächste Woche eine grosse Sitzung mit allen meinen Mitarbeitern. Und das braucht ziemlich Vorbereitung. Ich werde sehen, was sich machen lässt.

Was Du über die Arbeitssituation erzählst, klingt wirklich bedenklich. Auch bei uns hier habe ich den Eindruck, dass in den letzten 10 Jahren die Administration überdurchschnittlich zugenommen ha. Ich glaube, vor 10 Jahren hatte ich noch zu 70% psychologische Arbeit gemacht, und bloss 30% Verwaltungsarbeiten. Heute ist es umgekehrt, und das ist einer der Gründe, weshalb ich mit meiner Arbeitsmotivation etwas Mühe habe. Auf der anderen Seite bin ich in der Psychologie etwas aus der Übung geraten. Ich meine, man muss in all den diagnostischen Verfahren und in den Abläufen ziemlich routiniert sein, damit es gut läuft. Und das bin ich nicht mehr. Und - last but not least - sind auch die Leute anders geworden und kommen zu uns wie Konsumenten, die ein Recht auf irgend etwas haben. Statt dass ihre Kinder sich in ihren Hintern zwicken und sich an die Arbeit machen, um zu lernen, wollen sie irgendwelche Therapien. Ich finde die Entwicklung nicht besonders gut. Und man fragt sich, ob es noch möglich ist, in dieser schnell sich verändernden Welt 30 oder 40 Jahre in der Arbeitswelt mitzutun. Es gibt so vieles, was sich verändert, ohne dass man es wirklich akzeptieren kann. Doch die Jungen können das, denn sie haben nie etwas anderes gesehen.
Na ja, lassen wir die Trauergesänge beiseite.

Vielleicht habe ich hier ein angenehmeres Thema? Ich habe gerade ein Buch rezensiert über Labyrinthe. Ich glaube, ich habe es ausgewählt wegen der hübschen Bilder. Labyrinthe in der Natur sehen so hübsch aus wie geometrisch gemusterte Teppiche. Und offenbar gibt es sie schon seit Urzeiten. Und dabei ist mir aufgefallen, dass einige davon in Schweden zu finden sind. So etwa Trelleborgs-Slott in Ulmekärr, Provinz Västergötland; Trojenborg auf dem Storeberg bei Göteborg; Feentanzplatz bei Ulmekärr, Västergötland, Schweden; Trägenborg in Ornunga, Västergötland.

Labyrinthe sind offenbar uralte Symbole der Selbstfindung. Sie begleiten den Menschen auf dem Weg in die Mitte. Und in der Tat ist es heute, da die Verhältnisse so veränderlich und unklar geworden sind, ist es deutlich geworden, dass die Menschen sich mehr und mehr auf sich selbst konzentrieren. Das ist wohl auch ein Aspekt des modernen Egoismus. Ich hatte mal einen hübschen Vortrag gehört von einem Auslandkorrespondenten des Schweizer Radios in Rom. Er meinte, dass der italienische Chaotismo, diese Omnipräsenz eines gewissen Grades von Chaos überall und jederzeit auch seine guten Seiten hat. Nur in einer solch chaotischen Welt gibt es die Möglichkeit grosser Menschlichkeit oder des überragenden Heldentums. In einer wohlgeordneten Umgebung wie die Schweiz, wo alles organisiert und geplant ist und meist funktioniert, bleibt der menschlichen Komponente nur mehr wenig Raum. Der Mensch wird da eine Funktion der Verhältnisse. Deshalb sind wir Schweizer solch uninteressante Leute geworden ….

Ach, die Klagelieder kommen schon wieder zum Vorschein. Deshalb lasse ich Dich.
Ich wünsche Dir einen trotz Regen schönen Tag
MlGuK
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