Ämne: RE: Suddenly
Datum: den 6 maj 2004 07:14
Liebe Malou
Das
Wetter hat immer noch kein Einsehen. Es ist trüb und nass, dass man in
die Südsee auswandern könnte. Doch dort regnet es auch, nicht wahr? Also
halten wir hier aus.
Gestern war Ss Geburtstag, und die Schwedin
hatte am Vortag. Ja, es gab einen Moment, da ich mir dachte, ich dürfte
mich nicht so sehr für Schweden interessieren. Aber da sie lange in
England gelebt hatte, war das Britische ein akzeptables Thema. Zudem ist
sie daran, in Spanien eine Wohnung bauen zu lassen.
Aus Schweden
hatte ich nur vernommen, dass man im letzten Willen völlig frei ist, das
Geld zu verteilen. In der Schweiz muss man 50% den nächsten Verwandten
vererben. Sie hatte erzählt, kürzlich ihren letzten Willen gemacht zu
haben, und dies - zum Leidwesen ihrer Familie offenbar - nach
schwedischen Verhältnissen.
Ja, die Zeit ist eher
hektisch im Moment. Wir haben nächste Woche eine grosse Sitzung mit
allen meinen Mitarbeitern. Und das braucht ziemlich Vorbereitung. Ich
werde sehen, was sich machen lässt.
Was Du über die
Arbeitssituation erzählst, klingt wirklich bedenklich. Auch bei uns hier
habe ich den Eindruck, dass in den letzten 10 Jahren die Administration
überdurchschnittlich zugenommen ha. Ich glaube, vor 10 Jahren hatte ich
noch zu 70% psychologische Arbeit gemacht, und bloss 30%
Verwaltungsarbeiten. Heute ist es umgekehrt, und das ist einer der
Gründe, weshalb ich mit meiner Arbeitsmotivation etwas Mühe habe. Auf
der anderen Seite bin ich in der Psychologie etwas aus der Übung
geraten. Ich meine, man muss in all den diagnostischen Verfahren und in
den Abläufen ziemlich routiniert sein, damit es gut läuft. Und das bin
ich nicht mehr. Und - last but not least - sind auch die Leute anders
geworden und kommen zu uns wie Konsumenten, die ein Recht auf irgend
etwas haben. Statt dass ihre Kinder sich in ihren Hintern zwicken und
sich an die Arbeit machen, um zu lernen, wollen sie irgendwelche
Therapien. Ich finde die Entwicklung nicht besonders gut. Und man fragt
sich, ob es noch möglich ist, in dieser schnell sich verändernden Welt
30 oder 40 Jahre in der Arbeitswelt mitzutun. Es gibt so vieles, was
sich verändert, ohne dass man es wirklich akzeptieren kann. Doch die
Jungen können das, denn sie haben nie etwas anderes gesehen.
Na ja, lassen wir die Trauergesänge beiseite.
Vielleicht
habe ich hier ein angenehmeres Thema? Ich habe gerade ein Buch
rezensiert über Labyrinthe. Ich glaube, ich habe es ausgewählt wegen der
hübschen Bilder. Labyrinthe in der Natur sehen so hübsch aus wie
geometrisch gemusterte Teppiche. Und offenbar gibt es sie schon seit
Urzeiten. Und dabei ist mir aufgefallen, dass einige davon in Schweden
zu finden sind. So etwa Trelleborgs-Slott in Ulmekärr, Provinz
Västergötland; Trojenborg auf dem Storeberg bei Göteborg;
Feentanzplatz bei Ulmekärr, Västergötland, Schweden; Trägenborg in
Ornunga, Västergötland.
Labyrinthe sind offenbar uralte Symbole
der Selbstfindung. Sie begleiten den Menschen auf dem Weg in die Mitte.
Und in der Tat ist es heute, da die Verhältnisse so veränderlich und
unklar geworden sind, ist es deutlich geworden, dass die Menschen sich
mehr und mehr auf sich selbst konzentrieren. Das ist wohl auch ein
Aspekt des modernen Egoismus. Ich hatte mal einen hübschen Vortrag
gehört von einem Auslandkorrespondenten des Schweizer Radios in Rom. Er
meinte, dass der italienische Chaotismo, diese Omnipräsenz eines
gewissen Grades von Chaos überall und jederzeit auch seine guten Seiten
hat. Nur in einer solch chaotischen Welt gibt es die Möglichkeit grosser
Menschlichkeit oder des überragenden Heldentums. In einer
wohlgeordneten Umgebung wie die Schweiz, wo alles organisiert und
geplant ist und meist funktioniert, bleibt der menschlichen Komponente
nur mehr wenig Raum. Der Mensch wird da eine Funktion der Verhältnisse.
Deshalb sind wir Schweizer solch uninteressante Leute geworden ….
Ach, die Klagelieder kommen schon wieder zum Vorschein. Deshalb lasse ich Dich.
Ich wünsche Dir einen trotz Regen schönen Tag
MlGuK
...
Samstag, 5. Mai 2012
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