Datum: den 9 maj 2002 17:13
Liebe Marlena
Heute ist Auffahrt. Das wird beu Euch nicht anders sein als bei uns.
Eigentlich ein Feiertag. Da kommt mir in den Sinn, dass auch Mohammed
aufgefahren ist, und zwar von Jerusalem, von der berühmten Moschee mit der
goldenen Kuppel. Und er sei geradewegs in den 7. Himmel gefahren, der
Glückliche. Kürzlich habe ich gelesen, dass er dort oben die Hand von Ali
gesehen habe, die Hand also seines Schwiegersohnes, wenn ich richtig
orientiert bin. Was sonst noch geschehen ist, weiss ich nicht mehr. Er hatte
dort wohl mit Gabriel geschäftlich zu tun. Und er habe Allah Auge in Auge
gegenüber gestanden! Immerhin, der Kerl!
So sitze ich heute im Büro und versuche, einige Bücher zu rezensieren. Ich
habe gestern 53 Stück aus der Bibliothek mitgenommen. Es muss eine
Affekthandlung gewesen sein. Und jetzt steht dieser hohe Turm vor mir im
Büro auf dem Pult und sieht aus, als ob ich hoffnungslos mit Arbeit
überschüttet sei. Na ja, bin ich ja auch. Im liebe diesen gewissen Eindruck
der Unordentlichkeit inmitten der Bücher. Habe ich Dir mal erzählt, wie
Piagets Büro in den letzten Jahren ausgesehen hat. Ich glaube ich habe das.
Es war ein Schock, mitanzusehen, wie er im Papier ersoffen ist. Aber
offensichtlich fühlte sich das alte Männchen dort heimisch.
Normalerweise nehme ich mir Bücher zuerst vor, die mich besonders
ansprechen. Das sind originellere Bilderbücher, oder Sachbücher über ein
Thema, was mich besonders interessiert. Dieses mal habe ich zwei
Taschenbücher über Vögel. Beide finde ich exzellent. Das eine behandelt 80
verschiedene Singvogel-Arten in unseren Gegenden. Alle sind beschrieben und
werden auf einem klaren und scharfen Farbfoto porträtiert. Und auf einer CD
kann man sich ihren Gesang, die Rufe und Wanrrufe anhören. Seit Jahren
versuche ich mir in Erinnerung zu rufen, wie damals in meiner Jugend die
Nachtigall geklungen hat. Meine Oma hatte reklamiert, dass sie nicht
schlafen könne, so laut und intensiv muss der Klang gewesen sein. Und ich
hatte sie kaum gehört. Jetzt habe ich hier ein Tonbeispiel, und ich muss
sagen, ja, genau so war es. Es erinnert mich an warme Sommernächte,
vielleicht mit Vollmond, da ich mit den Kollegen noch beim Gartentor weiter
diskutierte. Die Erinnerung vermischt die Stille der Nacht, die leicht
alkoholisierte Stimmung, der laue Geruch der Luft, die Sorglosigkeit
angesichts des Wochenendes und dieses wunderbare Schlagen der Nachtigall zu
einem Gesamtkunstwerk. Ich weiss auch noch, wo im Garten sie meist war. Wir
hatten eine Reihe von Apfelbäumen, die das Steinweglein säumten. Und dort
muss sie gewesen sein. Sie kann nicht hoch auf dem Baum gewesen sein,
sondern ungefähr auf meiner Ohrenhöhe. Offenbar baut sie ihr Nest meist am
Fuss eines Strauches, also eher tief. Die Nahrung besteht aus Insekten und
anderen Kleintieren und wird auch überwiegend am Boden gesucht. Im Herbst
nimmt sie auch Beeren und Samen. Sie lebt nicht überall in Mitteleuropa,
aber gerne in Gärten und Parks sommerwarmer und trockener Gebiete. Wir
hatten dort auch ein Mirabellen-Baum. Ich glaube, so heissen sie. Sie waren
kleine gelbe Steinfrüchte, die mit dem Sonnenschein scharlachrot gesprenkelt
wurden, nicht rundum, sondern bloss an gewissen Stellen. Sie schmeckten
wunderbar, besonders, wenn sie noch ein wenig unreif und knackig waren. Und
der Baum schenkte uns jedes Jahr viele Kilos.
Der Gesang der Nachtigall (Luscinia megarhynchos), die ja sehr unscheinbar
aussieht, besteht gewöhnlich aus 4 Teilen: Auf die leise Einleitung folgt
ein Abschnitt mit melodischen, auf- und absteigenden Figuren; die nächste
Phrase besteht aus rhythmischen, einsilbigen Wiederholungen (Schlagen),
worauf meist ein Finale angehängt wird. Charakteristisch sind im zweiten
Teil Serien lauter, anschwellender Pfeiftöne. Der Warnruf ist ein
ansteigendes "hüit", der Erregungsruf ein gezogenes, tiefes Knarren, das
auch mit dem Wanrruf kombiniert wird "hüit-trrrk".
Überigens, der Gesang der Amsel ist auch sehr schön. Aber die Nachtigall ist
reiner, etwas eleganter, und eben eindrücklicher, weil in der Stille der
Nacht so solitär. Aber die Amsel ist ein guter Ersatz. Und sehr ähnlich ist
der Gesang des Sprosser (Luscinia luscinia) , der sogenannten "östlichen
Nachtigall", deren Brutgebiet sich von einer Linie Dänemark-Ungarn bis
Westsibierien erstreckt. Im breiten Grenzgebiet von Schleswig-Holstein über
Brandenburg bis Tschechien kommen sowohl Nachtigall wie Sprosser vor. Der
Sprosser bevorzugt feuchtere Gebiete, meidet geradezu trockene Standorte. Er
sieht aber praktisch aus wie eine Nachtigall und ernährt sich auch gleich.
Habt Ihr in Schweden Sprosser?
Spasseshalber habe ich mir vorgestellt, die paar Minuten Nachtigallen-Gesang
immer wieder zu kopieren und aneinander zu reihen, um ein 8 stündiges
Tonband für die ganze Nacht zu haben. Das wäre dann die perfekte Illusion.
Vielleicht würde der Gesang andere Nachtigallen anlocken, und dann hätten
wir im Garten ein solches Pfeifkonzert, dass kein Mensch mehr schlafen kann,
ein Nachtigallen-Open sozusagen. Lustiger Gedanke, nicht wahr?
Da kommt mir in den Sinn, dass Deine Anna doch sosehr an Vögeln interessiert
ist. Ich gebe Dir hier die Daten der beiden Büchlein.
Singvögel (mit Kasette); Lohmann Michael u. Roché Jean C., blv
Verlagsgesellschaft München 2002
Vögel Beobachten; Bezzel Einhard, blv Verlagsgesellschft München 2002
Sie kosten je weniger als 20 DM, das ist doch, besonders inklusive CD, sehr
günstig.
Vielleicht habt Ihr allerdings in Euren Breitengraden andere Vögel als wir
hier.
*
Jetzt lass ich die Vögel noch etwas zwitschern im CD-Player, und dann muss
ich heim. Der Hunger meldet sich langsam.
Einen schönen Feiertag wünsche ich Euch
Gruss
...

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