Donnerstag, 24. Mai 2012

Sommerferien, Iran, Geburtstagsfeier und Handy

(ungekürzt)

Ämne: Nasser Freitag
Datum: den 8 juni 2001 14:26

Liebe Marlena
Na ja, der Tag der Lehrkräfte ohne Schüler scheint ja nicht sehr effizient und effektiv gewesen zu sein. Ich weiss ungefähr, wie das ist, und wie man sich agbends fühlt. Das ist auch der Grund, weshalb ich kaum je an irgendwelche Symposien, Fortbildungs- oder Informationsveranstaltungen gehe, wo viele Leute sind. Du hast völlig recht, man kann dabei wirklich nur Hinterköpfe studieren und kommt zu tristen Ergebnissen. Deshalb bleibe ich viel lieber zuhause oder im Büro und nehme mir ein Buch vor.
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Und dann sagst Du, ab Mittwoch nächster Woche hättest Du "auch" Ferien. Was meinst Du denn mit "auch"? Wer sind denn die anderen? Wer spricht denn heute schon von Ferien? Wir haben doch erst eben Juni angefangen. Ferien werden im Juli kommen. Aber doch nicht heute schon!! Die Hitze ist doch wohl bei Euch im Norden auch noch nicht so hoch, dass man nicht mehr im Schulzimmer sitzen und Ovid übersetzen oder Integral-Rechnungen lösen könnte? Ich meine, gibt es denn irgend welche vernünftigen Gründe, Sommerferien schon im späteren Frühling anfangen zu lassen? Sommerferien müssten doch, wenn der Name zutrifft, irgend was entfernt mit Sommer zu tun haben! Alles andere sind vielleicht Frühjahrsferien, Vorsommerferien, verlängerte Wochenende an Auffahrt und Pfingsten vielleicht. Aber doch nicht gleich Sommerferien! Und schon Ende Mai darüber reden zu lassen? Das ist ja echt verschoben. Das ist ein enormes time-lag, das ihr dort oben in Schweden habt. Das ist ja wie in den Verkaufsläden, wo sie die Osterhasen aus Schokolade bereits in den letzten Januartagen in die Fenster stellen. Nein, so was von verkehrter Welt!
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Auch wir horchen etwas aufmerksamer auf Informationen aus dem Iran. Im Moment gibt es Wahlen. Und Chatamy (wie schreibt man das bloss??) wird wieder gewinnen, obwohl alle Menschen enttäuscht sind und vielleicht weil die Opposition weiss, dass er mit grosser Zurückhaltung regiert. Wir sind mal gespannt, wie das ausgehen wird. Und unsere Reisegruppe natürlich auch. Wir werden sehen, und hoffen natürlich, dass die Verhältnisse einigermassen stabil bleiben. Ich glaube, dass die Menschen - mindestens die Menschen in den Städten - mehr Öffnung des Landes und mehr wirtschaftliche Entwicklung möchten. Aber die Mullahs lassen es sich gut gehen in dieser Situation. Und sie haben die Situation einigermassen unter Kontrolle. Zwar hat man mir schon letztes Jahr erzählt, die Mullahs seien in der Zwischenzeit ziemlich verhasst bei der Bevölkerung. Sie würden sich nicht mehr auf die Strasse wagen, weil die Menschen sie beschimpfen. Und ich meine festgestellt zu haben, dass im letzten Sommer vor allem in Teheran wirklich kaum je ein Mullah zu sehen gewesen war. Nur in Isfahan habe ich Mullahs gesehen, als ich mich einmal vom Bazar in eine theologische Schule verirrt habe. Das war überigens eine heikle Situation. Irgend ein Irrer hat mich dort in der Schule erblickt und wollte unbedingt, dass ich mich neben ihn auf die Bank setze. Er zog zu diesem Zweck einen sorgfältig gefalteten Plastiksack aus seiner Hose und bereitete ihn auf der Steinbank aus - als ob er sich lange auf diese Situation vorbereitet hätte -, damit ich meine Hosen nicht beschmutzen sollte. Für einen Moment war ich bereit, mich hinzusetzen. Und so fing er eine Diskussion an und begann über Khomeyni zu schimpfen, dass ich, noch bevor ich in die Kritik einstimmen konnte, misstrauisch wurde. Wollte er mich provozieren, damit ich hier in diesem hübschen Hof der theologischen Schule unvorsichtigerweise Dinge äussern würde, aufgrund derer man mich verhaften könnte?? So hielt ich mich vage zurück und beschränkte mich darauf, die Schönheit des Landes und die guten Sitten zu loben. Und dann empfahl ich mich rasch, obwohl der Kerl mit seinem miserablen Englisch liebend gern noch weiter diskutiert und seine Verschwörungstheorie dargelegt hätte. Ich erhob mich und eilte ohne links und rechts zu sehen dem Ausgang zu. Und kaum war ich draussen, kam ein junger Typ und wünschte gleich noch einmal, mit mir zu diskutieren. Er lud mich in ein und diesselbe Schule ein. Das erschien mir dann alles doch eher verrückt, so dass ich vorgab, ich sei leider in höchster Eile, um nicht einen Termin zu verpassen. Nun ja, man weiss nicht genau, was man davon halten soll. Das ganze System macht einen misstrauisch. Und andererseits weiss man, dass die Iraner gerne mit Fremden reden und sich bloss über die Welt informieren lassen möchten. Sie lieben den Kontakt über alles. Sie sprechen Fremde auf der Strasse mit "Hello Mister" an, wie in einem echten Entwicklungsland. Das wäre vor 25 Jahren niemals geschehen. Und es ist wirklich erstaunlich, dieses Verhalten, wenn man bedenkt, wie wohlerzogen die Perser sind. Ob arm oder reich, sie wissen stets, wie sie sich zu verhalten haben. Sie sind wirklich sehr gut erzogen und rücksichtsvoll im Kontakt.
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Die Geburtstagsfeier gestern Abend war schön. Mein Freund ist Professor für Bilogie und führt heute, in seinen älteren Jahren ein Institut, welches die universitäre Interdisziplinarität der Wissenschaften zum Ziele hat. Er hat in den letzten 10 Jahren viele interdisziplinäre, oder wie er es vorzieht zu nennen, transdisziplinäre Vorlesungen und Veranstaltungen organisiert. Dieses Institut war eine Stiftung, die von unserem Kanton finanziert worden ist. Und mein Chef ist heute noch Stiftungspräsident und sehr stolz auf diese Initiative. Und ich glaube, dass dies auch wirklich eine sinnvolle und zukunftsträchtige Offensive gewesen ist und heute noch ist.
Wir waren 50 Leute und trafen uns in einem gepflegten Hotel auf dem Land. Zum Apero standen wir draussen auf der Terasse herum und nippten an den Champagne-Gläsern. Das nenne ich das Defreezing einer Einladung, und für mich ist sie in der Regel der angenehmste Teil. Die Gesellschaft war ziemlich gemischt, reichte von alt bis jung, vom Professor bis zum Studenten, vom Einheimischen bis zum Nigerianer. Und es gab - neben einem vorzüglichen Essen mit Fisch - eine sehr ruhige und entspannte Athmosphäre. Alle waren wir zufrieden und glücklich, wie es mein Freund und seine Frau mögen. Ich hoffe, mein 60stes Geburtstagsfest werde auch einmal so seren und abgeklärt verlaufen.
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Ich muss Dir leider mitteilen Marlena, dass ich kein Handy habe. Schon viele Menschen wollten mir so ein Ding andrehen. Ich war bisher erfolgreich in meiner hartnäckigen Abwehr. Solch eine "elektronische Kröte" kommt mir nicht in den Sack, pflege ich zu sagen, und dabei die Augenbrauen zu heben. Bisher hat das 100% gewirkt. Ich weiss wirklich nicht, warum ich ein Handy brauchte. Nein, ich leiste mir das Privileg, kein Handy zu haben und in einer splendid-isolation vor mich hin zu leben. Allerdings weißt Du, dass man aus dem Iran auch im Internet nicht leicht kommt. Die Anschlüsse sind teuer und oft so besetzt, dass es nicht möglich ist. Auf jeden Fall hat letztes Jahr ein Verwandter, der uns seine Einrichtung zeigen wollte, es nicht erreicht, ins Netz zu kommen. Und wie ich kürzlich hörte, hat man in Teheran etliche Internet-Cafés schliessen lassen. Ich glaube, wir müssen uns auf Rauchsignale beschränken.
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Und jetzt muss ich dringend nochmals an die Arbeit. Es ist Freitag Nachmittag und regnet wieder in Strömen. Ich weiss wirklich nicht, womit wir das verdient haben.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
Allerliebste Grüsse
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