Freitag, 25. Mai 2012

Pfingstwochenende


den 6 juni 2003 08:07
Re: Pfingstwochenende


Liebe Marlena

Nun ja, was meinst Du, Marlena, wieviel man an einem solch heissen Vorsommerabend - oder ist es schon wirklich Sommer - wieviel man trinkt. Es war echt warm in seiner Bibliothek und seine Lili hat die halbe Zeit gehechelt, als ob sie irgendwo am Strand in Rimini an der Sonne liegen würde. Ist sie hysterisch? Auf jeden Fall ist sie ein unruhiges Tier, das immerzu mit seiner Schnauze zwischen die Beine kommt und das Allerheiligste anschubst, weil sie wohl spielen möchte. Es ist ziemlich unangenehm und ich habe W aufgefordert, sie wirklich etwas zu erziehen. Ich mag das nicht besonders, und wenn es so weitergeht, werde ich einen Lokalwechsel vorschlagen. Wäre schade um seine schöne Bibliothek.

*

Du scheinst voll im Finale Deines Schuljahres. Und, wenn ich das richtig wahrnehme, sind alle ein bisschen in Euphorie: die Lehrkräfte ebenso wie die Schüler. Na ja, ich kenne das. es sind die schönsten Stunden in der Schule. Man geniesst sie rundum, obwohl sie eigentlich in den Räumen abspielen, wo man bislang vor allem Marter erlebt hat. Es ist dieses Aufatmen, das allen so gut tut.

Bei uns gibt es das auch ein bisschen, denn Ende Juni stehen auch bei uns die Sommerferien vor der Türe. Und dann sieht man unsere Leute nur mehr sehr selten bis gar nicht, und erst Mitte August fängt dann das neue Schuljahr wieder an. Die meisten kompensieren ihre vielen Überstunden. In früheren Zeiten war das eine Zeit, wo man sorglos lesen und aufräumen konnte. Heute bleibt während des Jahres in der Regel soviel liegen, dass man (respektive ich) durcharbeiten kann. Es geht also durch, aber alles - sagen wir - im zweiten Gang.

*

So hatten wir wieder mal ein Weekly. Ws Freundin war in einem Konzert und ist kurz vor 22h auch noch eingetroffen. W hat mir seine Arbeiten in der Garage und Gartenhaus gezeigt, die er in den letzten Wochen vollbracht hat. Er hat sich eine hübsche Werkstatt eingerichtet. Und vorne dran ist ein gedeckter Sitzblatz mit einem Kamin. Ich habe sofort angemeldet, dass wir dort mal abends ein Picknick machen sollten. Und W hat freudig zugesagt. Die Ecke des Gartens ist wirklich ziemlich gemützlich und auch durch Bäume abgedeckt, so dass man aus den Wohnblöcken, die jetzt dort stehen und schon bezogen worden sind, nicht direkt in Ws Pfanne sehen kann.

*

Und dazu steht ein längeres Wochenende vor der Türe. Ich bin noch gar nicht wirklich dazugekommen, mich darauf zu freuen. Es wird hauptsächlich regnen, wenn man den Prognosen glauben will. Das ist schade, macht aber keinen besonders grossen Unterschied. Na ja, doch ein bisschen. Schönes Wetter um Pfingsten wäre doch angenehmer. Ich werde wohl ein bisschen aufzuräumen versuchen, sowohl zuhause und hier im Büro. Man fühlt sich danach einfach leichter und neugeborener. Und manchmal findet man alte Dinge, die wirklich überraschend sind. Ich liebe es, alte Texte von mir zu finden. Ich kann sie dann lesen, als ob sie aus fremder Feder stammten, und ich kann sie dann irgendwie objektiver beurteilen als jene, die ich soeben geschrieben habe. Es wäre wirklich praktisch, man hätte einen Schalter im Kopf, mit dem man die Zeiten umschalten kann. Ich wäre schon mit einer völlig einfachen Kombination zufrieden: 10 Jahre zurück, Jetzt, 10 Jahre danach. Weshalb sind wir nicht ein bisschen raffinierter konstruiert? Weshalb haben wir nicht einen solchen Vor- und Rücklauf, wie sie jedes einfache Videogerät eingebaut hat? Das sollte doch nicht so kompliziert sein!

*

Na ja, ich habe - um offen zu sein - auch nicht wirklich erwartet, dass K oder Du das Buch von Tabucchi lesen würden. Ich tue das ja im Gegenfall auch nicht. Ich glaube, ich fange erst an, mich langsam einem Buch zu nähern, wenn es mir mehrere Leute empfohlen haben und wenn ich dazu auch vielleich in der Zeitung gelesen oder am Fernsehen gehört habe. Ich warne Leute, die mir Bücher schenken, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass ich sie in der Regel nicht lese. Es ist merkwürdig. Doch die Lektüre eines Buches braucht einen ganz bestimmten Einstieg. Das sollte man mal wissenschaftlich untersuchen. Würde der Buchindustrie sicherlich viel nützen, wenn man darüber mehr wüsste. Es gibt doch diese kleinen Karten in den Büchern, die man neu gekauft hat. Mit ihnen wollen die Verlage herausfinden, wie man dazu gekommen ist, gerade dieses Buch zu kaufen. Aber sie fragen bloss, wer das Buch empfohlen hat: Freund/in, Buchladen, Zeitungsinserat etc. Ich glaube, es spielen sehr viele unbewusste Faktoren mit, insbesondere natürlich auch die Aufmachung des Buches, das Bild auf den Klappen, das Format, die Reihe und was auch immer. Und das literarische Quartett war bestimmt ein sehr wichtiger Faktor.

*

Wir sind hier auch im Finale, was unseren Erziehungsdirektor betrifft. Nach 12 Jahren tritt er zurück. Wir haben in nächster Zeit eine Buchvernissage. Seine interessantesten Reden sind zusammengefasst und herausgegeben worden. Er hat all seinen Chefs ein Gratisexemplar versprochen. Leider kann ich nicht hingehen, weil ich zu diesem Zeitpunkt besetzt bin. Und schliesslich findet Ende Juni ein Abschlussapéro statt. Nun ja, wir sind alle gespannt, wie die neue Phase werden wird. Für mich ist es schon das dritte Zeitalter, und man sagt, das erste Zeitalter sei das goldene gewesen. So jedenfalls hatten die alten Römer gedacht. Ich werde sehen.

*

So wünsche ich Dir ein feines Wochenende. Hoffentlich ist Dein Haus jetzt wieder einigermassen so, dass Du es geniessen kannst.

Mit lieben Grüssen
...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen