Dienstag, 15. Mai 2012

Pfingstrosen ... und Ameisen

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Liebe Malou
Sie sieht noch ein bisschen jämmerlich aus, die Pfingstrose. Aber es
wird schon werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so difizil
sei, wie du gelesen hast. Na ja, vielleicht ist das in nordischem
Klima anders. Jedenfalls im Wallis sind sie sehr üppig gewachsen und
haben im Frühsommer geblüht wie Frauen im besten Alter. Schön, dass du
plötzlich zur Erfüllung deines Wunsches gekommen bist. Ich werde
dasselbe versuchen. Doch bei mir ist die Wahrscheinlichkeint nicht so
hoch, dass mir jemand eine Blume für den Garten bringt. Ich habe
keinen grossen Namen als Gärtner. Noch nicht, muss ich vielleicht
sagen. Vielleicht siehst du mich in 5 Jahren nicht mehr anders als mit
einer grünen Schürze und erdverschmutzten Händen. Wer weiss? Ich
kann mir das schon vorstellen, nicht als Ganztagesbetätigung, sondern
als Part-Time-Job sagen wir jeden Morgen von 7h bis 10h. Das ist für
mich die beste Zeit, im Garten zu arbeiten. Wenn dann die Sonne kommt,
dann verschwinde ich in der schattigen Wohnung. Dann werde ich mich
ins Atelier zurückziehen und mit den Modellen spassen, die sich ja
doch bis um diese Zeit eingefunden haben sollten ;__)) Und dann habe
ich auch diese Grosszügigkeit in der Hand, die sich dadurch einstellt,
dass der Körper von einer Anstrengung schon ein bisschen müde ist.
Diese leicht zitterige Bewegung ist das beste für die Öl-Malerei,
natürlich bei grösseren Formaten. Es gibt übrigens sehr schöne
Gemälde, die Pfingstrosen zeigen. Ich glaube, über sie bin ich
überhaupt zur Wertschätzung gekommen. Du siehst, welche Umwege ich
mache. Am ehesten kommt mir dabei Manet in den Sinn. Aber auch von
Corinth habe ich eins in Erinnerung, und bestimmt ist auch Renoir
nicht daran vorbeigekommen. Und jedes mal ist es diese satte,
sommerliche Üppigkeit, die im Vordergrund steht. Nicht die sengende
Sommerhitze, die alles austrocknet, sondern die mehr feuchte Wärme,
die die Pflanzen ins Kraut schiessen lässt.
Und dann wirst du natürlich Ameisen haben, die die Pfingstrosen auch
sehr schätzen. Ich glaube, sie haben einen süssen Saft, was die
Ameisen aufs Äusserste lieben. Wahrscheinlich fahren sie gemeinsam an
schönen Sommerabenden in diese Pfingstrosen und betrinken sich
tüchtig, singen zweideutige Lieder und flirten rundum nach
Möglichkeiten, die sich da ergeben. Nur die Königin bleibt reserviert
und nobel in ihrer Höhle sitzen, legt ab und zu ein Ei, und lässt sich
von ihren Mitarbeitern, wenn sie torkelnd zurückkehren, von ihren
Trinkfreuden und feuchten Abenteuern in den Pfingstrosen erzählen.
Dazu lächelt sie bestimmt so geheimnisvoll wie eine ägyptische Sphinx,
und man weiss nicht genau, ob dies Verachtung bedeutet oder ein
kleiner Rest von Begeisterung und mitempfundener Freude. Und bestimmt
wird sie dann die Augenbrauen heben und bedeuten, dass sie selbst, sie
als Mutter aller Mütter, sie als Eiermaschine des ganzen Stammes
sozusagen, dass sie selbstverständlich keinen süssen Drink riskieren
will.

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date 14 May 2005 08:17

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