den 14 september 2001 19:29
Saturday evening feaver
Liebe Marlena
Klingt nicht gerade sehr weltabgewandt, wenn Du sagst, Du würdest den Abend nicht ohne Männer verbringen. Wow, ich glaube, das wird eine anstrengede Nacht. Kann ja auch nicht anders sein, nachdem Du auf diese Horde sooo lange hast warten müssen, wie wir unsererseits auf ein echtes Harem hätten warten müssen.
Ja, ich habe mir einen gemütlichen Tag gemacht. Habe gelesen, geschlafen und bin über Mittag für etwa drei Stunden nach Basel gefahren. Ich hatte das Gefühl, ich sei lange nicht mehr dort gewesen. Um 12 Uhr, gleich in meiner Buchhandlung, haben sie für 3 Minuten einen Moment des Schweigens eingehalten. Ich habe mir ein Fotobuch gekauft mit journalistischen Bildern aus den letzten 150 Jahren. Auf der Frontpage sitzt die pummelige Königin Viktoria mit all ihrem Fleisch. Und dies in einer Haltung, wie sie dem ganzen Jahrhundert ihren Namen eingeprägt hat. Und dann bin ich noch bis hinüber zum Rhein gewandert und wieder zurück durch die Altstadt. Es war eher kühl, aber trocken. Und die Welt schien ihren üblichen, wackeligen Gang zu gehen.
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Jetzt sitze ich wieder zuhause und überlege, wie ich den Abend denn verbringen sollte. In der Stadt ist für mein Alter absolut nichts los. Es gibt vielleicht ein paar Lokale für jüngere Leute. Aber in meinem Alter gehen sie nur in die Stadt, um in ein paar ausgesuchten Lokalen zu essen. Nein, ausgehen um zu essen, das finde ich nachgerade öde.
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Vielleicht sollte ich in meine Bibliothek gehen und etwas aufräumen. Ich habe heute die Heizung eingestellt, und mittlerweile sollte die Temperatur erträglich sein. Ich habe noch viele Dokumente herumliegen, die ich in meine Files einordnen sollte. Und dann könnte ich ja auch gleich die Küche vorbereiten, um nächste Woche malen zu können. Aber danach ist mir momentan nicht zumute.
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Möglicherweise sollte ich etwas zeichnen heute Abend? Ich habe vor ein paar Tagen N und P einen illustrierten Brief geschrieben. Und sie haben begeistert geantwortet. Die beiden sind unsere Freunde im Tessin, und sie haben dann B und mich eingeladen, zu ihnen zu fahren, um wieder mal unser Menue aufzubessern. Nun ja, im Moment suchen wir eigentlich eher gute Diäten als richtig opulente Menues!
Zeichnen ist insofern gut, als einem andere Assoziationen kommen als wenn man schreibt. Striche haben eine Nähe zu anderen Strichen, und nicht zu Gedanken. Und das ist es doch, was ich meinte. Kürzlich hast Du Dich darauf bezogen, wie sehr ich glaube, dass sich die Welt ändert. Das meine ich wirklich. Auch bei den NY-Ereignissen reden die Politiker unablässig, dass wir erst jetzt im 21. Jahrhundert stehen würden. Wie absurd? Braucht es solch ein monströses Ereignis, um die Seite im Buch der Jahrhunderte zu drehen? Das ist nur möglich, wenn die Änderungen in unserem Kopf vor sich gehen müssen. Und das ist es wirklich. Die Änderungen müssen hier oben passieren. Es ist eine neue Art des Denkens, was die neue Zeit charakterisiert.
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Aber ich glaube nicht, dass die Politiker die Seite schon gewendet haben. Ich finde es sonderbar, dass in dieser Zeit die UNO absolut keine Rolle spielt. Man hört sie mit keinem Wort. Die Amerikaner hingegen treten mit starken Worten vor die Kamera und sprechen von Antwort, von Selbstverteidigung, aber auch von Bombardements. Und dass sie sehr schnell dazu bereit sind, das haben wir in Jugoslawien zur Genüge gesehen. Die Europäer für sich hätten in Jugoslawien niemals so kompromisslos bombardiert.
Hier – nach den Ereignissen in NYC - der UNO eine spezielle Rolle zuzugestehen, das wäre doch das neue Denken des 21. Jahrhunderts! Die UNO ist die Institution für die Welt-Innenpolitik. Wenn die Amerikaner nun - vielleicht sogar mit den Europäischen Alliierten - mit militärischer Gewalt die Sache zu lösen versuchen, dann wird das die Gewaltspirale mit Sicherheit steigern. Und wir wissen jetzt alle ziemlich genau, wie verletzbar hochindustrialisierte und hochtechnisierte Nationen sind. Ein einziger Terrorist kann schon eine grosse Katastrophe veranstalten. Was denn ist die UNO, wenn sie hier schweigt? Man sucht jetzt Staaten im Hintergrund, die man mit den Ereignissen in – vielleicht weitläufig konstruierte – Verbindung bringen kann. Doch für Konflikte zwischen Staaten ist doch die UNO gedacht. Oder irre ich mich da so sehr?
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Ich glaube, es braucht noch etwas Zeit, bis das 21. Jahrhundert beginnt.
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Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
GK
Dienstag, 13. September 2011
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