Mittwoch, 14. September 2011

Architektonische Gedanken

Ämne : Architektonische Gedanken
Datum : Datum: den 14 september 2001

Liebe Marlena
Ein regnerischer Samstag. Nun ja, eigentlich hat es nicht so viel geregnet. Aber die Atmosphäre ist feucht und ein bisschen triste. Und schlussendlich sind wir alle CNN-getränkt. Wir tropfen förmlich von CNN, diesem eindimensionalen Chor im tragischen Welttheater.
Aber es ist wirklich eindimensional. Es gab da lange Gespräche mit General Wesley Clark, jenem General, der anfänglich den Golfkrieg leiten sollte, und der immer noch aussieht wie ein überfleissiger Primaner. Er wurde dann seiner Funktion enthoben. Ich kann mich nicht mehr erinnern, weshalb. Ich glaube, er war zu kompromissbereit? Auf jeden Fall wirkt er anständig. Aber er ist General. Und Generale diskutieren das Problem mit Journalisten. Ist das nicht verrückt!! Er hat sich dauernd überlegt, wie man diesen Ben Laden in Afghanistan erwischen könnte, und wie schwierig das sein könnte.
*
Ich beschäftige mich im Moment mit den Zisterzienser und ihrer Architektur. Sagt Dir das etwas, Zisterzienser? Stichworte: 11. Jahrhundert; Gregorianische Reform gegen Cluny; Demut und Schlichtheit. Ach, Marlena, ich bin ein echter Anachronist.
*
Ist NYC nicht eine hybride Stadt? Stell Dir vor. In den beiden Türmen des World Trade Centers über 4'000 Tote! Im Pentagon keine 200 Tote! Wofür spricht das? Für hohe oder für breite Gebäude? In NY sind – so höre ich – um die 100 Gebäude durch die Ereignisse destabilisiert. Ein Nachbargebäude ist bereits zusammengebrochen. Was ist das dort? Eine Stadt? Eine Ansammlung von Kartenhäusern? Scheinarchitektur? Eine virtuelle Stadt? Wenn ein solches Haus durch ein Flugzeug total zerstört werden kann, was hat man sich dann beim Bau überlegt? Wo sind die Konstrukteure, die Architekten, die Finanziers? Man sucht jetzt diesen saudischen Ben Laden, also ob das die Lösung aller Probleme wäre. Ach, sie sind wirklich naiv, diese Amerikaner! Und man kann nur hoffen, dass es hinter dem Fernsehen noch einige Leute gibt, die weiter und breiter denken.
*
Die Zisterzienser haben innert einer kurzen Zeit unendliche viele neue Abteien gegründet. Es brauchte dazu immer einen Abt und 12 Brüder. Mit weniger ging gar nichts. Der Spiritus Rektor der Bewegung war bekanntlich Bernhard von Clervaux, der doctor mellifluus. In St. Peter in Rom gibt es ein Wappen aus Stein des Bernhard von Clervaux. Es zeigt, wenn ich mich richtig erinnere, einem Bienenstock. B.v.C. hat die alten Benediktinischen Klosterregeln wieder aufleben lassen, was allerdings die Cluniazenser auch schon getan hatten. Und er hat einen Idealplan für neue Klosterbauten entworfen. Wichtig war den Zisterziensern, auf jeden Prunk zu verzichten, Schlichtheit, Ruhe, Askese also. Das Mutterkloster stand in Cîteaux, woher auch der Name stammt. Es gibt auch in der Schweiz einige Zisterzienser-Gründungen. Und sie bestechen alle durch Schlichtheit.
*
Die achritektonische Anlage war zweigeteilt. Auf der einen Seite lebten die Mönche mit Abt und Prior, die (als erster Stand) allesamt Adelige waren. Und auf der anderen lebten die Laienbrüder, die man sich wohl eher etwas schmutzig und unhygienisch vorstellen muss. Auch in der Kirche nach dem Grundmodell der frühchristlichen Basilika, die ohne Statuen war und mit eckigen Pfeilern war, beteten die beiden Gruppen getrennt. In der Mitte des Hauptschiffes ist die Trennung. Es gibt dafür einen Namen, der mir im Moment nicht einfällt. Und die beiden Gruppen betraten die Kirche durch verschiedene Eingänge, sieben mal pro Tag notabene.
*
Der schönste Teil der Anlage ist aus meiner Sicht der Kreuzgang, das monastische Viereck. Er ist im Grunde ein Erbe der römischen Villa und des karolingischen Landhauses. Der Hof ist mit seiner Grünfläche das Herz der ganzen Anlage. Der quadratische Rasen wird durch ein Wegkreuz viergeteilt, was wohl einen symbolischen Sinn erfüllt. In der Mitte steht der Brunnen, wo sich die Brüder rasierten und ihre Tonsur erneuerten.
Die Kirche, oft dreischiffig, als Sinnbild der Auferstehung ad orientem gerichtet. Die Stirnwand ist einfach und gerade, also ohne Apsen und aufwendigen Altar, das Kreuz aus Holz, der Altar höchst spartanisch. In der Südwand gibt es eine Nische mit Wasserbecken. Das Querschiff stellt eine eigentliche Halle mit Kapellen dar. Es sind 2 bis 3 auf jeder Seite.
*
Das Klosterleben war ziemlich streng geregelt. Der Sakristan war der Chef über die Zeit. Er hatte die Glocken zu läuten. Tagsüber richtete er sich nach der Sonnenuhr, in der Nacht wohl nach einer Wasseruhr. Es gab dazu die grosse Glocke im Turm. Der Turm sollte – in Bescheidenheit - nicht aus Stein gebaut sein. Aber die Höhe war gerechtfertigt, indem der Glockenklang die Laien auf dem Feld zurückrufen sollte. Die Glocke rief ausserdem zur Messe und den Mahlzeiten. Die zweite Glocke erinnerte ans Stundengebet. Sie war gleich neben dem Schlafsaal der Mönche unter dem Dachstuhl angebracht, damit sie auch keiner überhöre. Schliesslich mussten die armen Kerle morgens ziemlich früh aus dem kargen Stroh. Sie sollten überigens – nach Benediktinischer Regel – in den Kleidern schlafen, konnten aber Schuhe ausziehen. Und dann gab es eine dritte Glocke im Refectorium, die der Prior zum Segen und zum Dankgebet vor und nach dem Essen zu läuten pflegte.
Zisterzienser-Klöster stehen meist in einem Tal in waldiger Gegend. Wald war – nach dem Modell der Eremiten – sozusagen die Wüste. Wasser wurde gebraucht für Mühle, Gärten und die Hygiene. Es gab einen Fischteich, worin Karpfen gezogen wurden, das Nahrungsmittel der Armen. Zisterzienser hielten sehr auf Selbstversorgung. Die Nähe zum Wasser schlug sich häufig auch im Namen der Abtei nieder: Heilbronn in Deutschland, Fontenay in F etc.
*
Diese Klöster stehen heute, nach 1000 Jahren bislang. Mehr oder weniger mindestens. Und das World Trade Center?
*
Ach, Marlena, das war wohl bloss eine kleine Notiz ins Tagebuch.
GK
...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen