den 10 september 2001 22:23
Re: na ja ... einfach so
(4)
Es ist lustig, mein Vater hat nie viel geslesen. Als Ingenieur hat er sich auf Facts konzentriert. Nein, es ist falsch zu sagen, er hätte nicht viel gelesen. Er hat ganze Sonntagnachmittage Fachzeitschriften gelesen, ohne Begeisterung, unterbrochen mit kleinen Schläfchen auf dem Sofa in der Stube. Manchmal hat er sich auch Energie angegessen, indem er in der Küche eine ganze Hand voll Haselnüsse holte und genüsslich zermalmte. Nein, er hat immer viel gelesen, auch Zeitung. Aber Literatur hat er kaum zur Kenntnis genommen. Nur zwei Autoren hat er still bewundert: Hemingway und Churchill. Er hat 8 Bände Churchill auf dem Büchergestell stehen gehabt. Und er hat einige Sachen von Hemingway gelesen. Ich glaube, er hat die beiden als maskuline Typen gesehen. Rauh, aber herzlich. Rilke wäre für ihn nie in Frage gekommen. Rilke ist zu fein, zu gefühlhaft, fast ein wenig feminin. Hypochondrisch und hysterisch, sozusagen. Nein, Rilke, das hätte mein Papa nie lesen können. Dann eher noch Dürrenmatt. Aber er hat es mit den Zeitungen und den Fachzeitschriften über Elektroenergie und Energieversorgung und so fort bewenden lassen. Ich hätte in einem gewissen Alter gerne mit meinem Vater diskutiert. Aber er lebte in einer anderen Welt, der Welt der Technik und der Zahlen. Kurz, nachdem meine Mutter gestorben war, nahm er mich häufiger mit auf die Baustelle im Ackersand, wo unter seiner Oberaufsicht ein neues Elektrokraftwerk gebaut wurde. Ich erinnere mich, wie ich dort über die Fundamente gestolpert bin. Du weißt vielleicht, wie hart und aggressiv frischer Beton sein kann. Er kratzt dir die Schuhe auf. In der alten Turbinenhalle war alles blitzblank und die Maschinen machten einen grossen Lärm. Die Männer grüssten meinen Vater mit einer gewissen Unterwürfigkeit. Er mochte das, hatte ich den Eindruck. Und er hat wohl nie bemerkt, dass man mit dem Wallisern viel besser vorankommt, wenn man sie als Seinesgleichen versteht, wenn man den Kumpel in ihnen anspricht, wenn man mit ihnen ein Glas Wein trinkt. Sie sind liebe Kerle, die Walliser. Wenn man sich als Herr aufspielt, dann torpedieren sie die Situation hinten herum. Nein, ich glaube, mein Vater hat es mit den Wallisern nie besonders gut verstanden. Er war zu exakt, zu korrekt, zu formell. Er war ein Schweizer aus dem Norden. Er hat immer gedacht, die Walliser seien etwas bequem und faul, wollten nur das Leben geniessen. Ich glaube, er war nicht besonders glücklich im Wallis. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Aber ich bin sicher, dass ich selbst glücklicher war. Das bestimmt.
*
Siehst Du, Marlena, ich habe...
Donnerstag, 8. September 2011
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen