(ungeküzt)
date 29 September 2006 12:58
subject Altweibersommer
Liebe Malou
Heute haben wir herrliches Herbstwetter. Ich war in Bern. Im
Mittelland sind wir zwar durch den Nebel gefahren. Aber in Bern selbst
war es dann wieder wunderschön sonnig. Das ist der Altweibersommer!
Die Stadt ist voller Leute. Wie läuft so eigentlich die Wirtschaft,
wenn alle Menschen in den Strassencafés sitzen, Zeitung lesen oder
einander das Fernsehprogramm vom Vorabend nochmals nacherzählen? Klar,
es sind viele ältere Menschen, die so herumflanieren. Aber es gibt
auch viele Junge, die herumhängen und nicht wirklich viel tun. Nu ja,
jedenfalls habe ich das auch gemacht und so die Wirtschaft ebenso
boykottiert. Ich war, du darfst dreimal raten, beim Staufacher. Das
ist der grösste Buchladen Berns. Sehr hübsch gemacht in verschiedenen
Altstadthäusern. Wenn man so, wie ich daherkam, d.h. Sozusagen als
Ausländer, wenn man also ohne Ortskenntnisse hineinwagt, dann kann man
sich verlieren. Es gibt so viele Stockwerke und Räume und wieder Gänge
in neue Räume und dann noch ein verglaster Übergang zwischen zwei
Häusern, um schliesslich auch noch in ein Café zu gelangen. Man kann
sich nicht vorstellen, dass diese Bücher alle gelesen werden. Wirklich
nicht. Wir sind doch in einer Zeit des Aussterbens er Bücher. Na ja,
es wird immer Bücher geben, aber später vielleicht nur noch für
Wissenschaftler und Bibliophile. Alle übrigen Bücher werden
liquidiert, weil die Menschen ohnehin am PC sitzen und fernsehen,
chatten, seriös e-banking oder intensiv flirting machen.
Kurz und gut, ich bin in diesem grossen Gebäude über alle drei
Stockwerke und kreuz und quer geirrt. Irgendwo habe ich sogar eine
Verkäuferin gehört, die noch echtes Walliserdeutsch gesprochen hat.
Ich hatte gerade keine Frage auf der Zunge, sonst hätte ich wohl. Ich
würde sagen, sie ist von Brig, oder Glis oder Naters. Das ist ja
eigentlich alles ein und dasselbe. Und natürlich bin ich mit einem
Sack voller Bücher hinausgegangen. Ein dickes Geschichtsbuch über die
Antike, zwei Porträts über Christo und über Schiele aus dem
Taschen-Verlag, ein wissenschaftliches Buch über den Darwinismus und
eine kleine Biographie über Hobbes. A. hat nächste Woche Prüfung
und muss sich mit Hobbes auseinandersetzen. Von ihm stammt ja die Idee
des ‚Gesellschaftsvertrages'. Das heisst jeder Einzelne kommt mit
jedem Anderen darin überein, dass sie die Macht an einen Souverän
abtreten. Das kann ein König sein oder eine Versammlung. Das ist eine
geniale Art, die Dinge anzuschauen. Hätte dafür bestimmt einen
Nobelpreis verdient. Rousseau und Locke haben diesen
‚Unterwerfungsvertrag' dann ja auch übernommen. Ich habe gestern Abend
mit A diskutiert und argumentiert, dass gerade in einem Land wie
Iran diese Idee nicht verwirklicht worden ist. Dort verstehen sich die
Regierenden nicht als beauftragt durch das Volk, sondern sie fühlen
sich bloss als die durch das Volk Privilegierten. Sie haben sozusagen
noch einen gesellschaftlichen Naturzustand, in dem jeder gegen jeden
kämpft und der Stärkste natürlich dann einfach den Löwenanteil
davonträgt.
Ich finde diese Fragen interessant. Und ich stelle fest, dass man
solche Dinge in einem katholischen Kollegium einfach kaum gehört hat.
Wir sind in der Geschichte auch nicht soweit gekommen. Die Aufklärung
mit der französischen Revolution, für die bestand dort absolut kein
Interesse. Und von Darwin wurde kein Wort gesprochen. Siehst du, welch
rückständige Bildung ich mit mir herumschleppe, Malou? Die Katholiken
haben mich wirklich ein bisschen handicapiert in meinem Leben, und die
Muslime wohl auch! Du hörst richtig, im Moment bin ich ein Protestant
mit einer Neigung zum Liberalismus.
Na ja, daneben lese ich gerade ein Büchlein über die Globalisierung.
Und dort werden auch Fragen der Demokratie diskutiert. Du siehst, ich
bin mittendrin in der Weltrevolution. Und ich schwimme nach Kräften
und japse zwischendurch nach Luft. Es ist wunderbar, wenn man lesen
kann, wozu man gerade Lust hat. Das ist das wirkliche Paradies. Unser
Lehrer am Gym hatte uns immer geraten, viel zu lesen, weil wir später,
wenn wir mal erwachsen wären, keine Zeit mehr dazu hätten. Aber leider
haben wir ihm das nicht geglaubt. Was wir nicht geglaubt haben, ist
nicht ganz klar. Vielleicht, dass wir nie erwachsen würden? Vielleicht
dass es unmöglich sei, ein ganzes Leben zu leben und keine Zeit zu
haben, wo doch das Leben aus nichts anderem als aus Zeit besteht? Na
also, wir haben uns jedenfalls mehr auf den Strassen herumgetrieben
anstatt zu lesen. Heute wäre das ok. Heute lernt man auf der Strasse
mehr als in der Schule. Aber damals war die Welt noch umgekehrt.
Damals hat die Schule noch Alltagserfahrungen geordnet und zu
kompakten Wissensblöcken gepresst.
Und jetzt gehe ich meine kleine Siesta machen. Das ist unbedingt
nötig, schliesslich bin ich sozusagen Patient.
Mit lieben Grüssen und Küssen
...
Donnerstag, 29. September 2011
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen