Mittwoch, 21. September 2011

A propos Gnadenbild

Ämne: freimo
Datum: den 7 mars 2003 10:06

(Fortsetzung)

A propos Gnadenbild. Ich kannte diesen Begriff bisher nicht. Nach all dem,
was ich gehört habe, handelt es sich dabei um so etwas wie einen
Selbstläufer, eben wie eine Reliquie. Bild und Hintergrundgeschichte treten
mit der gläubigen Bevölkerung in einen Dialog. Und was daraus wird, kann
niemand so genau vorhersagen. Es ist die Bevölkerung als Gruppe, nicht so
sehr die Einzelpersonen nach unserem modernen Verständnis. Die Gruppe hat
doch wohl eine schöpferische Kraft für Wunder und Wunderdinge, über die der
kritische Einzelne nicht verfügt, nie verfügt hat. Wer schon mit Gruppen
gearbeitet hat, Lehrkräfte, Vorgesetzte, Pfarrleute etc., die wissen, dass
in einer Gruppe Ideen und Gedankenkonstellationen entstehen können, die ein
Einzelner einfach nicht zustande bringt. In einer solchen Glaubenswolke
können Überzeugungen und Vorgänge entstehen, die von aussen betrachtet wie
Wunder aussehen. Und das sind sie, bis die eindimensionale wissenschaftliche
Akribie sie auf irgend ein paar lapidare Kausalbeziehungen reduziert haben
wird. Wenn es Wunder gibt, so liegt das an den Menschen und ihrem Glauben,
nicht an der Welt, obwohl die Menschen natürlich auch zu dieser Welt
gehören.
Als Junge hatte ich immer gedacht, Glaube wäre eine blosse Vorstufe des
Wissens. Ich hatte also denjenigen Glauben im Sinn, den man hat, wenn man
nicht sicher ist und noch nicht weiss. Das ist sozusagen ein defizitärer un
passiver Geisteszustand.
Heute ist mir klarer, dass der religiöse Glaube etwas viel aktiveres ist.
Glaube ist in der Tat eine gestaltende Kraft im Umgang mit Vor-urteilen,
also mit Urteilen, die bereits entschieden sind, wenn wir erst anfangen
bewusst zu urteilen. Kant würde sagen: Aprioris! Und so genommen stehen
unsere modernen Naturwissenschaften, von denen alle glauben, sie seien
absolut logisch und vernünftig, ebenso auf einem vorlogischen
Glaubensfundament. Auf diesem Glauben der absoluten Mess- und
Vorhersagbarkeit, der totalen Kontrollier- und Manipulierbarkeit unserer
Welt entstehen dann Geschichten wie beispielsweise diejenige, die erzählt,
wie ein Stein, den man fallen lässt, in so vielen Sekunden auf dem Boden
aufschlägt. Solch banale Erzählungen sind eigentlich keine Erzählungen mehr,
sondern nüchterne Protokolle im absoluten Präsens. Doch die anderen, die
sog. religiösen Glaubensgrundlagen erlauben Geschichten wie jene der
Dornenkrone, die im Triumphzug von Rom nach Paris gereist sein soll. Das
sind Geschichten, an denen man sich 'laben' kann, um dieses altmodische Wort
zu gebrauchen. Das sind keine dürren Protokolle, die nicht mehr hergeben als
das, was ohnehin schon jeder weiss. Na ja, mehr oder weniger. Kannst Du
folgen, Marlena?
*
Heute bin ich wieder 'ausfällig' geworden. Ich habe mich in Gedanken
verirrt, die - na ja - man nicht in Anwesenheit einer schönen Frau
ausbreiten sollte. Dabei fällt mir auf, wie heute Morgen die Tauben im
Schwarm am blauen Himmel ihre Runden machen. Das scheint ihre
Morgengymnastik. Und jedes Mal, wenn sie in der Kurve ihre Unterseite gegen
die Sonne wenden, scheint der Schwarm weiss auf. Es sieht hübsch aus, und
ich bin sicher, sie träumen dabei von Venedig.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit einem lieben Gruss
...
PS. Weshalb Marlena schreibst Du sooft Mails, in denen du schreibst, dass Du
im Moment aus irgendwelchen Gründen nicht schreibst. Erkläre mir das. Es
muss etwas mit der weiblichen Psyche zu tun haben.

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