Dienstag, 20. September 2011

ein Gnadenbild

Ämne: dona
Datum: den 6 mars 2003 16:36

Liebe Marlena
Ach, wie bist Du eine optimistische Optimistin (im Gegensatz zu allen
pessimistischen Optimistinnen; das schlimmste sind - unter uns gesagt - die
pessimistischen Pessimistinnen)? Du denkst, man könne meine
Situation mit einer Schaufel retten, so einer Schneeschaufel aus Aluminium,
mit der man nach einer Schneenacht den Wagen wieder auszugraben und
wiederzufinden versucht? Nein, ich glaube nicht das ein solch bescheidenes
Instrument genügt. Du müsstest mit einem grossen Baugerät heranfahren, mit
einem riesigen Schaufeltraktor, mit dessen grossem Greifarm man gleich ganze
Tonnen von Material erfassen und wegheben kann. Nein, so ein Schäufelchen
würde sich ausmachen wie ein Spielzeug in meiner Situation.

Das Bild, das Du im Kopf zu haben scheinst, ist ein Heiligenbild, ein
Andachtsbild vielleicht. Möglicherweise auch ein Gnadenbild, welches
bekanntlich wirkt wie eine Reliquie, in deren Umkreis sich jede Menge Wunder
ereignen. Ja, es ist ein Gnadenbild, von dem an speziellen Tagen des Jahres
Tränen herunter fliessen und auf den Papieren landen, die sich in der Folge
wie in Schmerzen krümmen und biegen. Manchmal fliesst gar Blut, so dass auf
den Akten grosse rote Flecken wie Vulkantrichter erscheinen. Dieses
Gnadenbild und die Wunder, die sich drum herum ranken, würde die Menschen in
höchste Aufregung versetzte, wenn sie es denn nur sehen könnten. Vielleicht
entsteht über die Jahrhunderte später mal ein Wallfahrtsort??
*
Du hörst, ich habe immer noch die Gedanken im Kopf, die ich dienstags im
Museum gehört hatte. Ein kleiner Gedanke ist mir wieder in Erinnerung
gekommen. Damals, im Spätmittelalter, war der Handel und Verkehr mit
Reliquien eine grosse Sache. Und offenbar hatte man in Jerusalem auch die
Dornenkrone Christi gefunden. Diese Krone wurde unter einem bestimmten Papst
von Rom nach Frankreich überführt. Der französische König, Ludwig XII (oder
vielleicht XII?) holte diese Krone an der Grenze ab und empfing sie, wie man
einen König empfangen würde. In einem feierlichen Triumphzug wurde das
stachelige Ding nach Paris überführt. An jedem Ort, wo sie übernachtet hat,
liess der König eine Kirche bauen. Und in Paris fand diese aussergewöhnliche
Reliquie in der Ste. Chapelle ihren angemessenen Ort. Diese wunderschöne
Kapelle war das würdige Gehäuse für ein solch aussergewöhnliches 'Souvenir'.
Die Mutterkirche in Rom ist die Kirche Sta Croce di Gerusalemme.
Ist das nicht eine wunderschöne Geschichte über die Inbrunst der
katholischen Kirche und ihrer Menschen? Sie brauchte nicht einmal wahr zu
sein, und wäre dennoch schön als Geschichte.
*
Mit einem lieben Gruss
...

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