Date: Wed, 7 May 2003 08:22:21 +0200
...
Gestern war ich über Mittag in Basel. Es war ziemlich warm, und ich bin über
den Rhein nach Kleinbasel gefahren. Das ist der neuer Teil der Stadt, dort,
wo die ärmeren Leute gelebt haben. Heute ist dort die Atmosphäre so wie
irgendwo im Ausland. Es gibt viele Frauen mit Schleier, viele türkische
Restaurants, auch zunehmend Schwarze. In der Dämmerung der
Mittagswärme so zu flanieren, als ob ich im Ausland wäre, das habe ich
genossen. Zufällig bin ich schliesslich an ein Buchantiquariat geraten, und
konnte nicht widerstehen, in der staubigen Höhle zu schnuppern. Der Raum
war vollgestopft mit Gestellen, die bis zur Decke reichten, so dass nur sehr
enge Schluchten übrig blieben, worin man sich durchzwängen musste. Ich
liess mir die Felswand mit den Kunstbüchern zeigen. Die Bände standen
dichtgedrängt. Und wehe, wenn du einen herausgezogen hattest, du
konntest ihn kaum wieder zurückstellen, denn die übrigen Bände schlossen
schnell die Reihe, als ob sie ihre Plätze eifersüchtig verteidigten. Und einige
musste ich herauszerren, wenigstens, um die Preise kennen zu lernen. Die
Preise waren, um es kurz zu machen, 30 bis 50% zu hoch. Ich dachte, er
glaubt, Unikate oder Erstausgaben in seinem Laden zu führen. Da war ein
Fotoband über Ferdinand Hodler, den bekannten expressionistischen
Schweizermaler, für Fr. 120.- Die Fotos waren zwar gut, ich hatte die
meisten davon noch nie gesehen. Aber ein Buch für Fr. 120.- aus einem
Antiquariat. Na ja, vielleicht für eine Ausgabe aus den Zeiten Gutenbergs.
Aber doch nicht ein Band aus Mitte letzten Jahrhunderts.
Ich habe mir dann zuviel Gedanken gemacht, wie schnell ich wieder raus
soll, wie ich mich verabschieden sollte. Sollte ich etwas über die Preise
sagen? Soll ich gleich gehen oder noch etwas umschauen? Würde ich
vielleicht unerwarteterweise noch etwas Lustiges finden? Kurz und gut,
ich zog mich nach etwa 10 Minuten aus der Unterwelt zurück, ging rasch
an ihm vorbei, der beim Eingang in ein Buch vertieft gemütlich in einem
Lehnstuhl lag. Ich liess ihn nicht fragen, ob ich was Bestimmtes gesucht
hätte. Aber ich glaube, er war nicht mal enttäuscht. Er verabschiedete sich
kurz und wandte sich dann wieder seinem Buch zu. Kunststück, der Kerl
hat einiges zu tun, bis er seinen Laden leergelesen hat!
...
Als ich um etwa 15h wieder im Büro angekommen war, hatte ich das Gefühl, einen warmen Sommertag in der Stadt verbracht zu haben. Weißt Du, was ich damit meine. Wenn es wirklich warm ist, dann ist man ein bisschen dämmerig, schwebend, in sich verschlossen, mit reduzierter Empfindlichkeit und ohne grosse Interessen. Dämmerig ist wirklich das beste Wort. Man kann dann vor sich hin sein wie ein Tier. Und das ist schön. Der Zwang, zu denken, ist für einen Moment ausgeschaltet. Die Leitungen sind leer und hängen durch. Das ist wunderbar!
Freitag, 12. November 2010
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen