Ach, ich habe soeben Deinen Brief nochmals gelesen. Ich kann das gar nicht alles verstehen, weshalb er mich so beeindruckt. Er ist einfach wunderschön und hat so eine Weite. Weite macht mich immer ein bisschen melancholisch. Sowohl die räumliche als auch die zeitliche Weite.
Ja, und dann überlege ich mir, was Du Dir denn von einem Mann wünschst. Einerseits magst Du einen aufgedrehten Typen wie Alois, einen hochtourigen Italienier im Quadrat, oder einen Draufgänger wie jenen Schauspieler, wie heisst er schon, derjenige aus dem Kuckucksnest ..
Und bei mir hast Du auch die Vorstellung (oder vielleicht den Wunsch) gehabt, ich sei ein ruhiger Braunbär am Schreibtisch, der sich bloss jede halbe Stunde zu einer Bewegung entschliesst, und der vielleicht seine wildesten Aktionen vornehmlich in der Fantasie austobt.
Aber eines kann ich Dir vielleicht noch sagen, meine liebe Marlena, in diesem grossen Quiz. Ich glaube, ich bin ruhiger, als man mich aus meinen Briefen und Sätzen und Fantasien vermutet. Vielleicht würdest Du wirklich erschrecken, wie langweilig ich manchmal sein kann.
...
Und ich freue mich auf den Moment, da wir uns im Süden gelegentlich treffen. Und ich werde Dein Porträt malen. Das ist ein Risiko. Damit kann man Menschen oft nur enttäuschen. Denn sie halten sich ohnehin immer noch für viel schöner und sympathischer, als man es auf die Leinwand bringen kann. Meine Porträts sollen nicht wirklich schön sein. Sie sollen die Persönlichkeit zur Darstellung bringen. Und das darf manchmal schon ein wenig karikaturistisch sein. Nicht zu sehr, aber ein wenig.
Doch an Deinem Porträt werde ich ewig malen, so dass Du immer wieder vorbeikommen musst. Es wird meine "Unvollendete" werden und bleiben. Immer werde ich noch dieses oder jenes verbessern wollen, hervorheben oder in den Hintergrund drängen. Und ich freue mich wirklich auf die entspannten Gespräche, die wir haben werden. Ich höre schon Deine wunderbare Kristallstimme durch den Terpentingeruch bis zu mir dringen. Ach, es wird wunderbar werden. Und dann und wann machen wir in meiner rudimentären Küche einen feinen starken Kaffee und knabbern an einem Biskuit. Es könnte alles so schön sein, Marlena.
Und so maladiere ich noch ein wenig vor mich hin.
...
Dienstag, 16. November 2010
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