Freitag, 12. November 2010

Kästner

 (R)
Liebe Marlena
Ach, das war eine Geschichte von Erich Kästner! An ihn hätte ich jetzt
wirklich nicht gedacht. Kästner war nun ja in der Tat einer, der viele
heimliche und unheimliche Geliebten hatte.
...
Erich Kästner, den ich im Übrigen sehr schätze, hatte nun bestimmt
seine Probleme mit den Frauen. Es ist bekannt - und sicherlich weißt
du das auch Marlena - dass er einen echten Mutterkomplex hatte.
Man kann das ja in seinen Kinderbüchern nachlesen, wie der
Mustersohn sich um seine tüchtige und sich aufopfernde Mutter
bemüht. Kästners Mutter, das muss seine unheimliche Geliebte
gewesen sein. Noch in fortgeschrittenem Alter hat er ihr täglich
geschrieben, täglich, meine Liebe, und hat ihr seine schmutzige
Wäsche geschickt und über all seine Liebschaften offenherzig erzählt.
Er konnte wunderhübsche, charmante Briefe schreiben, unser Erich
Kästner. Und so hat er sein Leben lang nicht geheiratet. Ich habe mal
ein Büchlein rezensiert, in welchem seine Freundin Kästners Briefe an
sie und ihren Sohn aus dem Tessin veröffentlicht hat. Kästner hatte
Alkoholprobleme und war im Tessin zur Kur. Allerdings hat er sich
dort regelmässig den Whisky im Teeglas servieren lassen.
Diese Briefe, so kann ich mich erinnern, waren sympathisch und
lebendig, wie man sich Kästner nun mal vorstellt. Aber eines hat
mich gestört. Er hat seiner Freundin und Mutter seines Sohnes
immer wieder Geld geschickt in kleinsten Portionen und hat immer
wieder von diesem Geld gesprochen. Das fand ich echt kleinbürgerlich
und irgendwie knauserig. Er war doch damals kein armer Mann mehr!
Aber sonst ist er schon ok, unser Kästner, ein grosser Humanist und
ein guter Pädagoge.
Es gibt eine eindrückliche Stelle in seinem biographischen Buch
"Als ich ein kleiner Junge war", wo er beschreibt, wie für ihn das
Weihnachtsfest stets eine Marter war. Die Mutter hatte Geschenke für
ihn und der Vater hatte Geschenke für ihn. Und er als sensibles Kind
hatte den Hochseilakt zu bestehen, seine Dankbarkeit und seine
Aufmerksamkeit auf beide Elternteile gleichmässig zu verteile, um
nicht den einen vor dem anderen zu vernachlässigen. Er muss das
gewesen sein, was man in der Familientherapie ein drianguliertes
Kind nennt, also ein Kind im Dreieck mit seinen Eltern, parentifiziert
und schwer mit Erwachsenenproblemen belastet. Es gibt ja heute
noch die Hypothese, dass er vielleicht ein unehelicher Sohn, das Kind
mit dem Hausarzt der Familie, gewesen sein könnte, dass also sein
Vater, ein einfacher Handwerker, nicht wirklich sein Vater gewesen
wäre. Aber, das wollen wir diesem guten Erich Kästner lassen, er hat
das beste daraus gemacht. Seine Jugendbücher sind heute noch
wundervoll zu lesen. Kürzlich gab es eine Fernsehsendung, in der
einige ehemalige Geliebte Kästners zu Wort kamen. Sie sind heute
alle Damen in hohem Alter und sehen nicht mehr allzu blühend aus.
Aber alle haben über ihn mit viel Respekt und Begeisterung
gesprochen, keine schien mir irgendwie enttäuscht oder beleidigt
gewesen zu sein. Er muss sie wirklich verwöhnt haben und muss
ein charmanter Liebhaber gewesen sein. Er wäre darin wirklich ein
gutes Vorbild für mich.
Dass sich also Kästner in seiner Geschichte als Künstler mit einer
deutlich jüngeren Frau beschäftigt, ist durch sein Leben gut
motiviert. Ich denke, die Frauen waren ihm insgesamt etwas
unheimlich und überwältigend. Und so ein junges hübsches
Fräulein war leichter zu "apprivoiser", zu einem Teil seiner selbst
zu machen. Er gibt seinem schweigsamen Fräulein zum Schluss
der Geschichte unendlich viel Macht. Je weniger sie sagt, desto
mehr ist er ihr ausgeliefert und mit ihr verstrickt.
...
Und die Moral der Geschichte? Soll ich mich hüten, mich in Zukunft
zu sehr in Texten, Gedanken und Erzählungen zu verausgaben?
Vielleicht muss ich mich mehr zurückhalten, mich mehr auf die
Zeichnung konzentrieren, und die grossen Worte beiseite lassen.
Doch irgend einmal wird die Zeichnung zu Ende sein. Und dann
werden wir sie über dem Sofa aufhängen. Über welchem Sofa, das
wird dann die grosse Frage sein!

Weißt du, warum ich Zeichnen und Malen sosehr mag? Weil man
dabei einen sogenannten "Flow" erleben kann. Ich vergesse die
Zeit, ich kann so vertieft sein in das, was ich tue, dass ich in einen
paradiesischen Zustand gerate. Es ist wie eine Ekstase, ein Art von Somnambulismus, oder wie kann man das nennen? Das gelingt
natürlich nicht jedesmal.
Manchmal bin ich auch sehr unzufrieden und verärgert, wenn mir
das Werk nicht gelingen will. Das geschieht vielleicht noch häufiger
als dieser Flow. Doch letzeres ist eine Art Jungbrunnen. Du fühlst
dich nachher so, wie du dich nach der Sauna fühlst, oder nach einem
Autogenen Training oder einer Akupunktursitzung. Du fühlst die
ganze Leichtigkeit des Seins.

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