Sonntag, 28. November 2010

Sonntagsgruss zu Advent



Ämne: Sonntagsgruss, vielleicht zum zweiten??

 Meine liebe Marlena
Lass mich Dir ein kurzes Mail schreiben. Ich habe deine lieben Worte der letzten Tage immer noch im Ohr. Und das ist es, was mich dazu drängt.
Es ist Sonntag Morgen und ich sitze im Büro und höre italienische Opern, so dass die Fachliteratur auf den Regalen ins Vibrieren gerät. Und dabei habe ich eine grosse Tasse Kaffee, einen Milchkaffee, nein eigentlich ein Capuccino (schreibt sich das so). Und an der Wand hängt immer noch Deine etwas altmodische Karte von Sorrento, die wirklich an die mondäne Welt der Vorkriegszeit erinnert. Es erstaunt mich noch heute, wie Du, liebe Marlena, aus all diesen vielen Badeorten, die es rund ums Mittelmeer gibt, gerade auf dieses Sorrent kommst. Es zeigt mir einfach, wie klassisch und solide Du denkst. Das gefällt mir sehr.
Aber eigentlich wollte ich Dir etwas Kleines von gestern Abend erzählen. Ich habe in unserer Stube angefangen, einige der Bücher zu rezensieren, die ich kürzlich auf der Bibliothek geholt habe. Das ist eine feine Tätigkeit. Du kannst in den Büchern schnuppern, kannst Dich anregen oder abstossen lassen, blätterst geniesserisch herum und fühlst dich wie der liebe Gott, der dann seinen Entscheid für Himmel oder Hölle geben kann. Nein, natürlich bin ich nicht so streng. Ich glaube, es gibt heute viele Arten von Lesern. Und es gibt viele Arten von Bücher. So ist nicht mehr ganz eindeutig, was gut und was schlecht ist. Ein Büchlein mit Witzen ist ja nun nicht gerade das, was man klassischerweise als "gutes Jugendbuch" bezeichnet hat. Doch dieses Büchlein, in der Autokolonne wegen Stau vor dem Gotthardtunnel aus dem Sack geklaubt, kann Gold wert sein. Ich wähle gerne Bücher für Jugendlichen zur Zeit: über Internet, über Malen und Zeichnen, Lern- und Übungshilfen für die Schule, Kunst, Biographien. Die Romane mag ich nicht so besonders, die dauern mir zu lange. Ich lese sie zwar nicht ganz, aber mehr oder weniger sollte man sich schon darin auskennen, wenn man sie kritisieren will. Im Moment habe ich einen neuen Roman von Gaarder namens "Maya". Der ist leider etwas dick. Du siehst, Marlena, wie ich oberflächlich schon denke. Und während ich also in meinen Büchern blätterte und mit einem Auge das Fernsehprogramm verfolgte, hat S auf dem grossen Tisch Adventkränze geflochten. Zwei für uns, einen für Onkelchen. Sie sind sehr schön geworden, und sie bringen etwas Stimmung in die Stube.
Im späteren Abendprogramm bin ich dann schliesslich auf eine TV-Sendung über die Abba gestossen. Ich meine, Du kennst die Musik der ABBAs sicherlich. Sie ist reinster Ohrenschmalz, dh einlullend, süsslich, heute noch mehr als damals. Damals war sie noch irgendwie neu dazu. Und sie zeigten viele Interviews mit den 4 Sängern. Ich war zwar nur mit einem Auge und einem Ohr dabei, aber sie waren ziemlich aufmerksam. Das war ja doch alles Schwedisch, und sowas liess mich aufhorchen. Eigentlich sind sie sympatische Leute. Die Frida, die Norwegerin, scheint heute in der Schweiz zu leben. Die Blonde war irgendwie der Blickfang der Gruppe mit ihrem schönen goldenen Haar. Manchmal hatten sie grässliche Kleider an, wirklich unverzeihlich. Aber sie waren ja doch sehr erfolgreich. Der grösste Export Schwedens seit die Million Menschen im 19. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert waren.
Aber was ich Dir wirklich erzählen wollte, war nur eine kurze Sequenz im Film. Es gab da eine Luftaufnahme von Stockholm. Ich konnte jenen Teil erkennen, den Du mir auf einem Foto geschickt hattest. Und ich hatte den Eindruck einer wunderschönen Stadt am Wasser. Und ich erinnerte mich des weiteren Bildes, wo die Nebel aus dem Wasser aufsteigen. Ach, ich kann nicht sagen, dass mir dies alles bekannt vorgekommen wäre. Aber es mutete mich doch sehr heimatlich an. Und ich glaube wirklich, dass ich das mal sehen möchte.
Ich will Dir jetzt aber nicht einen Besuch ankündigen und Dich damit beunruhigen, Marlena. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ihr dort oben in einer wunderschönen Stadt lebt. Und daneben gab es einige Luftaufnahmen über unendlich weite Wälder, so dass man geradezu wehmütig werden konnte.
Das wollte ich Dir sagen. Und ich fühlte Dir am Abend sehr nahe. Und es ist immer noch so, dass ich Dich fürs Leben gerne kennenlernen würde. Persönlich, face to face, kiss to kiss sozusagen.
Wie Du vor zwei Tagen formuliert hast, ist es mir ins Herz gegangen. Du hast geschrieben, wie Anna dich beobachtet, wenn Du enttäuscht vom PC kommst. Ach, das hat mich berührt und hat mir wieder gezeigt, wie exzellent Du schreibst. Du bist nicht nur eine gute Schreiberin, sondern auch eine perfekte Psychologin.
Ich wünsche Dir einen friedvollen Sonntag und ich umarme Dich herzlich
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