Dienstag, 23. November 2010

NZZ - lesenswert

Ämne: Bildung??
Datum: den 25 november

Liebe Marlena
Heute ist mein NZZ Tag. Draussen ist es kühl und ein wenig nebelig. Und hier im Büro lasse ich meine Callas singen, trinke einen Kaffee und lese mich durch die Neue Zürcher Zeitung, die, wie Du sagtest, voller Inserate sei. Das ist sie tatsächlich. Aber es hat auch eine Menge ausgezeichneter Artikel. Und die sind wirklich lesenswert. Eigentlich habe ich nicht genug Zeit, alles zu lesen, was ich lesen möchte. Oft reisse ich noch Seiten heraus und bewahre sie da und dort auf. Du kannst Dir vorstellen, dass das mit der Zeit eher unübersichtlich wird. Überall, an den unmöglichsten Orten, liegen diese Zeitungsseiten herum und wollen gelesen sein. Es ist ein wenig ein Kampf gegen die Sintflut.
Doch heute Morgen gab es zwei Artikel über die Bildung. Das muss uns doch interessieren. Dietrich Schwanitz schreibt über "Bildung als Stellvertreterin Gottes", ein schon fast reisserischer Titel. Er Prof. für englische Literatur in Hamburg und hat kürzlich ein Buch herausgegeben mit dem Titel "Bildung. Was man wissen muss". Er versucht darin, die zentralen Wissensbestände darzulegen aus Geschichte, Kunst, Literatur, Philosophie. Er hat eine spezielle Fähigkeit zur Übersicht, und es ist für einen europäischen Menschen ein sehr instruktives Buch. Es ist geradezu eine Repetition des Abitur.
Hier nun will er Bildung begründen. Er versteht sie als Kompensation, in deutscher Variante als Innerlichkeit gegen Kommunikation, Authentizität gegen Oberflächlichkeit und Kultur gegen Zivilisation.
Eine besondere Bedeutung gibt er - na ja, als Literaturwissenschafter - dem Roman als literarische Gattung. Der Roman ist die öffentliche Form intimer Kommunikation. Er ist die Schule der Empathie und eine Einführung in die Liebe. Gleichzeitig ist der Roman als literarische Form aber auch eine Modell der Sinnbildung in einem weiten Sinne, bis hinüber zur Geschichtsphilosophie. Der Roman zeigt - im Bildungsroman - anhand des Weges der Irrtümer das Entstehen der Identität als sinnvolle Form.
Heute ist Bildung eine Kompensation der Folgen der Arbeitsteilung und eine Kompensation der Individualisierung. Sie erlaubt wieder eine Verständigung zwischen den Teilsystemen und bietet dem Individuum ein erweitertes Stilrepertoire. Bildung ist also heute besonders wichtig für die soziale Integration.
Und Bildung ist an Schrift gebunden. Schrift kompensiert Abwesenheit und kondensiert Sinn. Schrift hat eine eigene Gesetzlichkeit als Konzentration auf das Thema, als logischer Aufbau, als Kohärenz. So werden Texte zu Sinnwelten.
Bildung und Schrift erlauben Sinnverstehen. Das ist anders als die heutige Tendenz zum multimedialen operativen und prozeduralen Verständnis der Welt.
Wichtig sind heute Filterprogramme, um aus der Sintflut die relevanten Erkenntnisse machen zu können. Und wichtig ist Verlernen. Denn Wissen veraltet schnell, aktuelles Wissen besonders schnell. Wissen soll dem Überraschungs-Management und der Schock-Absorption dienen.
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PUUUUH, Marlena, jetzt habe ich Dich erschlagen. Hol Dir einen Kaffe und fasse dich wieder. Ich durchschaue das auch noch nicht alles in den vielen Verästelungen. Aber eins weiss ich: Bildung soll heute die Geistesgegenwart schärfen. Und ich glaube, die Jungen haben das schon begriffen. Deshalb mögen sie kein Latein und keine Geschichte. Das ist alles noch das alte Vorratswissen, das wir noch lernen mussten.
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Ich schreibe Dir mehr, wenn ich es besser begriffen habe. Jetzt kommt die Sonne hervor. Wir haben heute Besuch.  ...

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