Ämne: Re: rainy days
Datum: den 23 november
Liebe Marlena
Noch immer ist es hier trüb und regnerisch. Und zudem kühl, aber doch nicht so kalt, dass es frieren würde. Jetzt, um 0700h ist es noch dunkel. Und vor meinem Fenster hängt seit Neuem ein grosser, leuchtender Weihnachtsstern. Gestern müssen sie diese Dinger aufgehängt haben. Sie brauchen dazu diese schweren Fahrzeuge mit der schwebenden Platform. Und dann hängen sie den Himmel voller Sterne, damit die Geschäfte besser gehen. Ist sicherlich in Schweden so wie in der Schweiz. Man hat statistisch festgestellt, dass diese Weihnachtsbeleuchtung die Menschen dazu bringt, mehr zu konsumieren. Es ist, wie es eben heute ist, alles ein bisschen künstlich und elektrisch und plastisch.
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Ach, die Wörter Elend und miserabel braucht man hier auch. Aber man will sie doch nicht im Mund einer schönen Frau hören. Das Elend ist wirklich ein unsägliches Leid, eine hoffnungslose Situation. Ach, ich kann es einfach nicht hören aus Deinen Mails. Das Elend ist doch auch etwas, das nicht vorbei geht, dass immer und eben hoffnungslos herrscht. Ach Marlena, ich weiss nicht genau, wir brauchen das Wort nur für allerschlimmste und weite Disasters. Aber doch nicht für uns selbst. Man sagt vielleicht, "das Eldend" in Afrika und meint den Hunger, oder die Aidsepidemie, oder Ebola. Das "Elend" der Strassenkinder in Südamerika. Das "Elend" der Landbevölkerung im zaristischen Russland. Man sagt, in der Schweiz gäbe es kein "Elend" mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in meinem Zusammenhang von Elend sprechen würde. Elend ist sozusagen unheilbar und menschenunwürdig.
Und wie Du denn Deinen Zustand oder Deine Situation nennen solltest, das weiss ich auch nicht. Ich weiss bloss, es soll nicht Elend sein. Es kommt ja eben darauf an, was Du damit meinst.
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So sollte man doch eher vom Glück reden und von den Chancen, die man hat. Man muss das Glück vielleicht herbeireden. Gerade gestern habe ich mit B. eine kleine Diskussion gehabt. Sie kam nach hause und fühlte sich sehr unzufrieden, obwohl sie die Hausaufgaben für die kommende Prüfung bereits gemacht hatte. Und ich wollte diese Unzufriedenheit gar nicht richtig anhören, sondern meinte, man sollte immer eine Position finden, deren Summe schliesslich positiv ist. Man muss sich selbst manipulieren. Das Leben ist nicht einfach glücklich oder unglücklich an sich. Auch zum glücklichen Leben gehören eine Menge Unglück. Aber man soll das nicht so anschauen. Man soll auf einer letzten Ebene ein positives Schlussresultat haben. Und das haben die Menschen auch. Hör Dir an, wie die alten Leute vom Krieg reden. Auch diese allerschlimmste Zeit scheint ihnen doch alles in allem viel Glück gebracht zu haben. Es ist geradezu paradox, wie sie den Krieg verwenden können, das eigene Glück zu schmieden. So scheint der Hintergrund des Unglücks, sagen wir sogar des Elendes, besonders geeignet, davor sein eigenes Glück zu sehen. Ja, ich weiss, Marlena, ist alles leicht gesagt. Und es sind viele Worte. Und das Leben ist wiederum ganz anders. Ach, das weiss ich doch!
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Sei wieder froh Marlena, sei meine Marlena, die stark ist und die so sehr die positiven Seiten des Lebens sehen und geniessen kann. Schau auf das Schöne, Marlena, denn das macht Dich wirklich schön.
Ich küsse dich froh, meine Liebste.
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