Samstag, 6. November 2010

Tranceübung in NY

 date 9 November 2005 08:10
subject Re: Und heute?

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Da erinnere ich mich an eine lustige Übung, die wir damals im Kurs in NY gemacht hatten. Es galt, sich gedanklich eine Person aus dem Leben, die man kennt, vorzunehmen, um sie sich in gewissen Aspekten als Vorbild zu nehmen. Ich hatte die Aufgabe, die übung mit einem jungen Inder durchzuführen. Er war mit seinen grossen Augen und dem ständigen Lächeln im Gesicht einer der jüngsten Kursteilnehmer, und er hatte mir erzählt, dass er in London Wirtschaft studiere, wo auch sein Vater als Wirtschaftsberater tätig sei. Und so versuchte ich, so gut es ging, ihn durch diese Vorstellungen und Erlebnisse hindurch zu führen. Ich war erstaunt, wie lebhaft er reagierte. Seine Augen flackerten, wie das in der Trance oft geschieht. Aber sie flackerten so wild, dass ich den Eindruck bekam, er würde bald abheben und vom Stuhl mir gegenüber davonfliegen. Er war wirklich sehr durchwühlt und ich, wie das in diesen Tranceübungen auch üblich ist, hatte kaum Ahnung, woran er inhaltlich gerade dachte. So liess ich ihn also zum Abschluss der Übung vorsichtig wieder in unserem Raum auf diesem Stuhl landen und zu sich zurückkommen. Als er die Augen öffnete und wieder präsent war, erzählte er mir ganz begeistert, dass er die Gottheit Shiva zu sich eingeladen hatte. Donnerwetter, dachte ich mir, wenn ich gewusst hätte, welche Person er sich hier ausgewählt hat, dann wäre von meiner Seite wohl etwas mehr Respekt angebracht gewesen. Kurz und gut, ich war bloss erstaunt, dass ein Inder, auf die Aufforderung, sich eine Person vorzustellen, sich gleich eine Gottheit vornimmt. Offenbar leben sie dort mit ihren Göttern selbstverständlicher von du zu du als es hier in Europa die Christen tun.
Überigens hatte er ein andermal auch etwas Interessantes gesagt, was mir aufgefallen ist. Er meinte, dass er in diesem Kurs viel lerne. Aber er habe nicht den Eindruck, dass es neu sei. Vielmehr meinte er, er hätte dies alles schon gewusst, und der Kurs sei bloss dazu da, dies alles bei ihm wieder zu wecken. Fand ich sehr bemerkenswert, dass man Lernen so verstehen kann. Und ich glaube, dass man leichter lernt, wenn man so denkt. Es erinnert ja ein bisschen an Platons Theorie der ewigen Ideen. Auf jeden Fall hatte ich mir überlegt, dass wir Europäer für das Lernen hohe Mauern aufbauen, indem wir immer wieder betonen, wie neu das Neue sei, das wir lernen. Es gibt ja - andererseits - nichts neues unter der Sonne. Und wer in dieser Welt lebt und mit ihr verbunden ist, der ist mit allem schon irgendwie verwandt. Es ist sozusagen eine Betonung der allgemeinen Verwandtschaftlichkeit in dieser Welt. Und sie reicht bis hinauf zu den Göttern, und bestimmt auch hinunter zu den Tieren, wie wir dies von den Indern auch wissen.

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