Date: Wed, 7 May 2003 08:22:21 +0200
Liebe Marlena
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Ich glaube, das schliesst genau an unsere kleine Diskussion des
Lebensglückes, die Dir erscheint wie ein Gespräch zwischen Schüler und
Lehrer. Letztere Aussage hat mich übrigens erstaunt, und eigentlich hat sie
mir auch nicht gefallen. Weshalb Lehrer und Schüler? Könnte ich Dir irgend
etwas beibringen? Nein, das ist niemals so. Wenn meine Sätze vielleicht
etwas lehrerhaft klingen, dann deshalb, weil ich mich selbst zu überzeugen
suche. Ich suche doch Erkenntnisse, oder zumindest Aussagen, die
einigermassen hinhalten. Und dann mag es ein wenig klingen wie in einer
Lektion. Aber es ist, streng genommen, eine Auto-Lektion.
Ich glaube, die beiden Aspekte, die Du erwähnst, sind wirklich sehr
zutreffend. Einerseits wählen wir den Filter nicht ganz alleine. Aber, und
das behaupte ich einfach so in die frische Morgenluft hinaus, ohne beweisen
zu können, ich behaupte, dass man sich anstrengen sollte, den Filter selbst
zu wählen. Das gilt gerade für Menschen, die vielleicht bei Geburt eine
leicht dunkle Variante in die Hand gedrückt bekommen haben. Wir sind
vielleicht nicht ganz frei. Aber wenn irgendwo noch eine kleine Wahlchance
besteht, dann doch hier und dann muss man sie nutzen. Und wenn das
gelingt, dann ist es so, wie wenn man beim Gehen mit einem Fuss einen
leicht kräftigeren Schritt tut als mit dem anderen. Das ändert die
Gehrichtung nur ganz wenig, wirklich nur minimal , vielleicht 1 oder 2°.
Aber nach 20km ist man dennoch an einem völlig anderen Ort als wenn
man das nicht getan hätte. Man muss doch als Mensch nach diesen kleinen
Lücken der individuellen Freiheit Ausschau halten, vor allem in Zeiten, da
sie einem in einem Genom, in einem 'Buch des Lebens' - wie sie sagen -
festschreiben wollen.
Und Dein zweites Argument ist jenes, dass es vielleicht genügte, 'nicht
unglücklich' zu sein, damit die schönen Momente eine Chance haben. Das
finde ich sehr feinsinnig gedacht. Der Gedanke gefällt mir überaus gut. Ich
glaube, ich habe so was ähnliches bei John Stuart Mill gelesen, der sich
Gedanken gemacht hat, was das Ziel des Staates sei. Und, wenn ich mich
richtig erinnere, war sein formuliertes Ziel das möglichst grosse Glück für
möglichst viele. Und das Glück besteht für Mill in der Vermeidung von
Unglück. Oder so ähnlich. Mill war im Leben ein Langweiler, aber in seinen
Gedanken war er exzellent. Nein, jetzt erinnere ich mich genauer, ich habe
es bei einem antiken Römer gelesen. Der Name kommt mir im Moment
nicht. Aber ich war erstaunt gewesen, weil das Image dieses römischen
Lebensphilosophen eigentlich ziemlich ruiniert war unter heutigen
Menschen. Man hält ihn für einen puren Lustmenschen, während er doch
eigentlich ein sehr vernünftiger Unglückvermeider war. Seine Anhänger
wurden Schweinchen genannt, und ich glaube, es war vor allem die
Katholische Kirche, die ihn schlecht gemacht und alles Negative angedichtet
hat.
Du entpuppst Dich als Millianerin. Ja, nicht unglücklich zu sein,
bedeutet ja eine Art von Freiheit. Und in dieser Freiheit ist man offen, für
die schönen und glücklichen Momente des Lebens. Das ist wirklich die
Philosophie, die ich in meinem fiktiven Roman vertreten würde. Brauchte
man dazu zwei Figuren, die eine, die das schafft und die andere, der es
misslingt.
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