Sonntag, 7. November 2010

Novembergeist

Ämne : Novembergeist
Datum : Wed, 7 Nov 2001 08:57:46 +0100

Liebe Marlena
Ich habe ihn überlebt!!! Meinen Geburtstag, meine ich. Ich bin froh, dass die Leute nicht allzu viel Aufhebens gemacht haben. Das mag ich nämlich gar nicht besonders. Nun ja, ich habe einige nette Telefonate gehabt. Und abends sind wir - dh unsere Familie - zusammen in der Nähe essen gegangen. Es war klein und bescheiden, wie es sich in meiner Altersklasse gehört.
Deine Glückwünsche haben mich sehr gefreut. Und - um es klar und deutlich zu sagen - sie waren die ersten, die ich am Morgen empfangen hatte. Alle anderen Küsse und Wünsche und Glücksbeteuerungen kamen viel später an. Die roten schwedischen Rosen waren wirklich knallrot, und haben etwas lasziv hin- und hergewackelt. Ich danke Dir, Marlena, und ich bewundere, wie Du daran denken konntest. Ich vergesse leider solche Geburtstage allzu gerne.
Als S mir vor einer Woche sagte, ich solle den Dienstag abend reservieren, wir hätten da etwas vor, da habe ich bei weitem nicht an meinen Geburtstag gedacht.
Und schliesslich habe ich am späteren Morgen im Städtchen noch einen ehemaligen Mitarbeiter angetroffen. Er ist schon über 60 und arbeitet zu 80% oder vielleicht 60%. Auf jeden Fall hat er Zeit, mitten an einem Werktag mit einer grossen Tasche durch die Strassen zu schlendern und seine Kommissionen zu tätigen. Auf seine Einladung sind wir in einem kleinen Café verschwunden (etwas, was ich sonst hier absolut nie tue, weil ich vermeiden muss, dass die Leute reden und behaupten, die Beamten arbeiteten nichts und sässen bloss tageweise in den Restaurants herum), und er hat mir geklagt, wie sehr er unglücklich sei mit seiner heutigen Arbeit und wie gerne er zu uns zurückkommen würde. Nun ja, was soll man dazu sagen? Doch man hat in seinem Gesicht schon von weitem gesehen, dass er nicht glücklich ist. Er schien leidend. Mein erster Gedanke galt seinem Rücken. Ich glaube, bei physischen Schmerzen altert man schnell. Und er hat mir um die 10 Kameraden und Altersgenossen aufgezählt, die an Parkinson, an Prostatakrebs, an schweren Depressionen und leichter Impotenz oder an anderen fürchterlichen Krankheiten leiden. Kurz und gut, ich verliess das Café mit einem übermütigen kleinen Sprung über die Schwelle im himmlischen Gefühl, absolut jung und frisch, spritzig und gesund zu sein. Man fühlt sich selten so gut wie im Altersheim. Und das ist die Moral der trüben Geschichte.
Na ja, nebenbei habe ich einen alten weisshaarigen Kameraden gleich aus diesem Café treten sehen, der vor einem oder zwei Monaten pensioniert worden ist. Und ich hatte den penetranten Eindruck, dass er gelangweilt schon zeitig an trüben Novembermorgen in den Restaurants herumhänge, vielleicht gar zum Alkoholismus neige. Er schien mir sehr gelangweilt und mit leerem Blick, als ob er der Arbeit wie einer rassigen und langhaarigen südlichen Geliebten nachweine.
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Und draussen vor dem Fenster hat der November Einzug gehalten. Die Stühle und Tische unten im Cafè sind zusammengestellt. Die Blätter der Bäume bedecken den Boden. Es nieselt und ist kühl. Nicht kalt, aber kühl. Und der Wind bringt eine gewisse Unruhe in die ganze Szenierie. Die Leute eilen vorbei und schauen kaum um. Die schönen, warmen, und wie man sie genannt hat "goldenen" Oktobertage sind endgültig vorbei. Man kann im Städtchen wieder heisse Marroni kaufen. Kennt ihr sowas in Schweden? Es sind diese, auf offener Kohle gegrillten Edelkastanien, die bei diesem Wetter heiss so gut schmecken. Sie sind in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen, während es in meiner Jugend ein Arme-Leute-Geschäft war, sowas zu verkaufen.
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Ich danke Dir für Deine Wünsche. Sie wackeln immer noch knallrot vor meinen Augen. Und ich bin sicher, sie werden mich im kommenden Winter wie ein Antidepressivum begleiten und zu grossen Taten wie die oben erwähnten Schwellensprünge antreiben.
Mit einem Novembergruss
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