Montag, 16. Januar 2017
Re: Happy day
den 6 november 09:14
Re: Happy day
Liebe Marlena
Merci für Deine Gratulationen. Sie freuen mich, obwohl ich mir aus meinem Geburtstag nicht wirklich viel mache. Vielleicht kommt das daher, dass man im katholischen Wallis offiziellerweise den Namenstag mehr feierte als den Geburtstag. Und darauf hatte ich mich eingestellt.
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Gestern abend waren wir essen. Es war der einzige mögliche Termin, um alle dabei zu haben. Dazu kam auch A's Freund, der Architekt. Er hatte uns für unseren Abflug in die Türkei mit dem Auto nach Kloten gebracht und hatte sich ein spezielles Essen dabei verdient.
Wir waren in der Kunsthalle, ein eher gehobenes bürgerliches Restaurant. Ich glaube, S. ist immer da, wenn sie in der Stadt isst. Man kennt sie dort und sie gibt Trinkgelder wie in alten römischen Zeiten. Aber es war gut und um 22.00h waren wir schon wieder zuhause und konnten ziemlich normal ins Bett. Das mag ich in meinem vorgerückten Atler.
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Und heute höre ich, wie Du immer noch ein feuriges Ding bist, das allen - vor allem allen Männern - einheizt und die Meinung sagt. Vielleicht kennst Du die Geschichte von Winkelried? Sie ist mir dabei in den Sinn gekommen. Besonders, als Du sagtest, die andern sollten eigentlich auf ihr Recht bestehen, denn sie ärgern sich noch mehr als Du. Winkelried war ein alter Innerschweizer. Und als sie damals gegen die Oesterreicher Krieg führten, und als sie dabei waren, der Übermacht des Ritterheeres, welches mit seinen langen Lanzen einen entscheidenden Vorteil im Kampf hatte, zu unterliegen, soll es dieser Winkelried gewesen sein, der sich in die Reihen der Lanzen geworfen haben soll, um ein riesiges Bündel davon zu umarmen und so seinen Hintermännern eine Gasse zu schaffen, um sich vorzukämpfen. Gutwillige Zungen behaupten, er hätte vorher zurückgeschaut und gerufen: Sorgt für meine Frau und meine Kinder. Böswillige dagegen meinen, er hätte gebrüllt: Wer hat da gestossen? Ich habe im Gymnasium auch mal eine solche Szene erlebt, dh. ich war auch mal Winkelried. Aber davon erzähle ich Dir ein andermal.
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Das Bild mit Dir vor dem Stockholmer Rathaus im Abendrot, daran kann ich mich nicht erinnern. Bist Du sicher, dass Du es mir geschickt hast. Es klingt ja so romantisch. Und ich bin neugierig, welches Bild Du als das wirklich und unzweifelhaft Deine autorisiert hast. Ich glaube, Du bist eine Person mit vielen Gesichtern. Sie sind schwer zu porträtieren. Sie sind echte Knacknüsse für die Künstler. Aber eins kann ich Dir sagen. Dein Mund ist genau der Deiner Anna. Oder natürlich umgekehrt, wie man will.
Ich träume immer noch vom Porträtieren. Ich habe in NY im Central Park lange den Porträtisten zugeschaut. Einer schien mir besonders gewandt, und die Leute kamen serienweise und liessen die Termine für sich reservieren. Er trug irgendwie einen italienischen Namen und sah auch so aus. Bei seiner Arbeit rauchte er andauernd irgendwelche dünnen kleinen Cigarillos. Und die Farbe, die auf seiner Palette wie Schuhwichse aussah, trug er mit einem grossen Pinsel auf, indem er die Züge fein verschmierte. Es wirkte alles weich und anschmiegsam. Es ist nicht so, dass das mein Stil wäre. Diese Art von Freundlichkeit könnte ich nicht durchstehen. Aber ich muss zugeben, dass er die Gesichtszüge seiner Opfer sehr gut traf. Und diese waren überglücklich, sich wieder zu erkennen, und dazu in solch vorteilhafter Pose. Er hatte wirklich eine Gewandtheit und eine grosse Routine. Und er fing bei seinen Werken allgemein an, mit den grossen Zügen. Das war der entscheidende Unterschied zu den anderen Porträtisten. Die meisten fangen mit Details an, mit den Augen viele, mit dem Mund oder mit der Nase, und dann setzen sie das Porträt Stück für Stück fort. Er fing ganz allgemein und diffus an und wurde immer konkreter und detaillierter. Ich glaube, das ist der richtige Prozess. Im Kurs, den ich besucht hatte, um eine Einführung ins Modellieren zu erhalten, lernte ich, dass man bei einer Skulptur immer gleichzeitig überall arbeiten soll. Und das leuchtet mir sehr ein. Es ist wie ein Koch kurz vor der Anrichte. Alle Pfannen brodeln und dampfen. Und man rennt von einer zur anderen, rührt hier ein wenig, gibt dort noch etwas Salz bei, wendet den Inhalt in der dritten. So ergibt sich schliesslich ein zusammenhängendes Ganzes, und nicht ein Stück, das sich sperrig und unproportional gegen den Blick des gesunden Menschenverstandes wehrt. Na ja, sicherlich weißt Du, was ich meine. Ein Werk muss sein wie eine gute Tomatensauce: gut vermischt und durchgekocht, nicht so, dass man die einzelnen Zutaten noch sicher bestimmen kann.
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Vielleicht kannst Du mir Dein Porträt vor dem Stockholmer Rathaus im Abendrot senden? Oder vielleicht sogar ‚nochmals’ senden? Natürlich auch wegen des Abendrots und wegen des Rathauses!! ;--)
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I’ve learned … that we schould be glad God
doesn’t give us everything we ask for.
Ja, dieser Gedanke stammt auch von Oscar Wilde. Ich habe ihn mir kürzlich herausgeschrieben. Er meinte sinngemäss, dass die Mildtätigkeit Gottes eben gerade darin besteht, gewisse Gebete nicht zu erhören. Und recht hat er. Ich meine Wilde, nicht den lieben Gott. Ob letzterer auch Recht hat, darüber sollen wir nicht verhandeln! Er hat es, unter uns gesagt, nicht immer und überall.
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Ach, weißt Du, was ich gestern vernommen hatte. Ich glaube, es war im Fernsehen auf einem oesterreichischen Kanal, den ich angelassen hatte, um mein Nickerchen zu machen. Ich habe gehört, dass Konrad Lorenz an einem 7. November geboren worden war. Deshalb hatte ich mich immer verwandt gefühlt mit ihm. Na ja, es gibt auch andere, denen ich mich völlig fremd fühle, obwohl sie in meiner Nähe geboren sind. Man kann vielleicht nicht immer drauf gehen. Aber es ist wie mit dem Glück und dem Unglück. Man muss nur das in Erinnerung behalten, was stimmt.
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Ich danke Dir für die frühen Morgengrüsse und die Glückwünsche. Die guten Wünsche von meiner schwedischen Mausfreundin sind mir ganz besonders lieb.
Und ich wünsche Dir auch einen schönen 6. November.
Mit Grüssen und Küssen
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