Samstag, 21. Januar 2017
Secondo
den 11 november 14:05
Secondo
Liebe Marlena
Heute morgen war ich ziemlich kurz angebunden. Ich war wirklich unter Druck und konnte nicht länger schreiben. Irgendwie hatte ich mich um 1 Stunde verschlafen. Ich fuhr los, in der Meinung, es sei Viertel vor Sieben. Und dabei war es Viertel vor Acht. Na ja, kann passieren. Offenbar war ich wieder eingenickt. Vielleicht muss ich wirklich wieder früher ins Bett Gestern war es 23.00h. Am Fernsehen lief ein feiner Film aus der welschen Schweiz, den ich sehr gerne bis zu Ende gesehen hätte. Dann habe ich mich mitten drin losgerissen und bin verschwunden. Schade. Die Welschschweizer hatten zur Zeit meiner Studienjahre sehr gute Regisseure und man konnte sie in Zürich in den Kinos sehen. Sie spielten immer wieder mit mehr oder weniger denselben Schauspielern. So fühlte man sich zuhause.
* düsterer Tag
Heute haben wir hier einen echt düsteren Tag. Der Hochnebel sitzt unverrückbar zwischen den Hügeln und die Farben sind düster bis grau. Das ist die Zeit, einen Whisky zu trinken. Oder eine Zabaione, eine warme Weinschaumcrème. Kennt Ihr das in Schweden? Ihr seid das richtige Land und die richtige Region für eine Zabaione. Man kann sie auch raffinierter schreiben, wie etwa Zabaglione. Dann schmeckt sie noch deutlich besser! Meine Mutter pflegte an kalten Winter Sonntag Nachmittagen, vielleicht nach einem Spaziergang, eine solche Crème zu machen. Und sie ist wunderbar, weil sie die Sinne belebt und den Körper aufwärmt. Man sollte die Crème wirklich literarisch mehr Ehre angedeihen lassen. Man sollte ein Requiem für die Zabaglione schreiben. Das wäre echt schön.
* die Tauben
Soll ich Dir auch ein bisschen über die Tauben erzählen? Das tue ich immer, wenn mir sonst nichts in den Sinn kommt. Sie sitzen drüben auf dem Dach, nicht nur auf der obersten Krete, sondern teilweise auch auf der schiefen Dachfläche auf den Ziegeln. Wie schaffen sie es bloss, nicht abzurutschen? Sie scheinen sich zu putzen, stecken ihre Schnäbel seitlich in ihr Federkleid und hängen herum, erzählen wohl leise kichernd wüste Witze und quere Anekdoten. Sie halten sich wirklich sehr still, viele scheinen gar zu dösen und hängen wahrscheinlich ihren warmen Sommerträumen nach, denken von ihren zarten süssen Freundinnen am blauen Sonnenhimmel oder von kleinen Flirts im halbdunkel schattiger Gassen. Ach, Taube müsste man sein. Es muss herrlich sein, die Welt mehrheitlich von oben zu betrachten. Und von alten Mütterchens gelegentlich mit Brosamen und Kuchenresten überfüttert zu werden, ist auch ein ziemlich erfreulicher Gedanke.
* lieterarische CD
Ich habe zum Geburtstag als Geschenk eine literarische CD erhalten. Gerade läuft sie auf meinem kleinen Radio hier im Büro. Es handelt sich um 84 Charing Cross Road, eine Freundschaft in Briefen von Helene Hanff. Das Buch ist 2002 in Hofmann und Campe erschienen. Es handelt sich um einen charmanten transantlantischen Briefwechsel zwischen der New Yokrerin Helene Hanff und den Angestellten eines Antiquariats in Londons Charing Cross Road von 1949 bis 1969. Sie tauschen Erstausgaben, seltene Gedichte, Freundlichkeiten, Sticheleien, geräucherten Schinken und das Rezept von Yorkshire Pudding aus.
* Yorkshire Pudding
Yorkshire Pudding ist ein nettes Stichwort. Als ich als Gymnasiast in Bornemouth in meinem Sommerurlaub war, um Englisch zu lernen, hatten wir jeweils am morgens Schule, um am Nachmittag an die Beach gehen zu können. In der Schule gab es eine kleine Kantine. Dort habe ich mir dann ein Eierbrötchen gekauft und bin mit dem Bus zum Strand gefahren. Das habe ich geflissentlich so gehalten. Aber ab und zu nahm ich mir die Freiheit, schon morgens an den Strand zu fahren. Das Gefühl war einfach schön, zwischendurch nicht in die Schule zu gehen. Das war dann wie Feiertag. Und einmal, als ich dann nächsten Morgen wieder brav und fleissig im Klassenzimmer sass, verkündete die Lehrerin - eine eher rundliche und sehr expressive, d.h. schon fast hysterisch laute Person - sie hätte ja gestern die Aufsätze zurückgebracht und sie hätte den meinigen vorgelesen. Ich erschrak erst und versuchte mich zu erinnern, worüber ich geschrieben habe und ob das wirklich vorlesenswert gewesen sein könnte. Ich glaube, die Aufgabe hatte exakt darin bestanden, über Yokrshire Pudding einen Aufsatz zu schreiben. Und ich schrieb einen über den Minenarbeiter Jack, der morgens zwei Eier isst (Go to work on an egg, so lautete die Werbung im TV) und dann mit dem Velo zu seiner Grube fährt. Er kommt mir heute sehr einsam vor, dieser Jack, war Single und lebt irgendwo in einem dunkeln Zimmer. Und am Wochenende isst er dann eben Rumpsteak mit Yoskshire Pudding. Der putzigen englischen Lehrerin hat das so sehr gefallen, dass sie ganz aufgeregt war. Und ich versuchte mir - nach dem ersten Schock - im Stillen vorzustellen, was denn meine Klassenkameraden geschrieben hätten, die sie nun nicht vorzulesen gedachte. Es fällt mir heute auf, dass ich überhaupt nicht stolz war über diesen Vorfall, sondern eher peinlich berührt. Ich fand es ein bisschen ungeheuerlich, dass sie meinen Aufsatz vorträgt, ohne mich zu fragen und ohne mein Beisein. Na ja, so schlimm war es auch wieder nicht. Aber der Yorkshire Pudding hat sich damit tief in meinem Gedächtnis eingebrannt.
* Coney Island
Und wenn ich davon erzähle, kommt mir das Beach von Coney Island in den Sinn. Ich bin an einem Abend etwa um 5 hinausgefahren. Die Stimmung am Meer ist immer merkwürdig. Es gab nicht viele Leute. Eher Schwarze mit Kindern und mit Kinderwagen. Der Wind bliess. Die grossen Möven holten sich, was sie fanden. Reste im Sand von den Leuten, die schon wieder nach Hause gekehrt waren. In der Ferne ein Riesenrad. Auf der anderen Seite ein Stadion wo sie Karaoke sangen, wie mir schien. Auf dem Peer draussen einige junge Leute, die mit kleinen metallenen Küchennetzen zu fischen versuchten. Sie banden ihren Köder ins Netz, worin man sonst Kartoffeln oder Zwiebeln lagert, und liessen das Netz auf Grund. Wenn sich ein Fisch hineinbewegte, zogen sie in Windeseile und im Ruck hoch. Ich weiss nicht, ob das so funktionieren kann. Aber sie haben es immer wieder versucht und oben auf dem Peer die Leute vollgespritzt.
* Cees Nooteboom
Ich glaube, ich liebe es, allein durch die Welt zu trampen, zu streichen und in der Luft zu schnuppern. Das genau war die Gemeinsamkeit zwischen Bornemouth und Coney Island. Neben dem Meer, natürlich. Cees Nooteboom, kennst Du ihn, den holländischen Schriftsteller, der immer auf Reisen ist und dabei schreibt? Na ja, einen Teil des Jahres verbringt er im warmen Mittelmeer, um zu schreiben. Aber sonst ist er unterwegs. Ich glaube, er ist erfolgreich, weil viele Leute vom Abenteuer des Reisens träumen. Ich habe vor nicht zu langer Zeit ein Büchlein im Antiquariat gefunden, wo er seinen Aufenthalt in Teheran und Isfahan beschreibt. Aber damals war er noch jung, und der Text ist kein Meisterstück. Kürzlich ist er 70 geworden.
*
Ich wünsche Dir einen guten Abend.
Mit lieben Grüssen
...
PS: ja richtig, Krebsforscher ist Klein, das hattest Du gesagt. Ich habe seinen Namen vorher nie gehört.
Ueberigens habe ich die Karte mit den beiden Gläsern gesehen und Deine Glückwünsche. Merci, meine Liebe. Es ist schön, wenn es mit jedem Jahr tiefer wird. Wenn das gelingt? Schreiben hat ja auch seine Grenzen, nicht wahr? Aber wir tun unser Bestes.
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