Schloss Lenzburg Foto: Chris
...
So haben wir den Silvester Nachmittag in der Krone verbracht.
Vielleicht
muss ich dir dazu erklären, dass das Hotel Krone, das beste Haus in
Lenzburg, gerade unterhalb unseres ehemaligen Wohnhauses steht. Als
Junge habe ich aus dem Fenster oder dem Garten immer auf diese Krone
heruntergesehen. Ich war im Kindergartenalter, als sie die
Gartenwirtschaft hinter dem Haus zu einem grossen Fest- und Theatersaal
umgebaut haben. Ich habe stundenlang den Arbeitern zugeschaut, wie sie
den Beton in diesem zweiräderigen Karren in die Höhe gefahren haben.
Ich glaube damals gab es noch nicht diese grossen Kranen. Nein, sie
haben überall aus Holzbrettern Fahrbahnen auf Gerüsten gebaut, um mit
diesen Karren den Beton zuführen zu können. Das fand ich faszinierend.
Und ich glaube, diese Erlebnisse von meinem Kinderfenster aus haben
auch ein wenig mitgewirkt, dass ich dann später erst einmal Architekt
werden wollte.
Gleich
zwischen unserem Garten, der am Schlossberg oben erhöhht lag, und der
Krone führte in einer tiefen Schlucht die Hauptstrasse von Zürich
nach Bern. Und die Krone war bekannt, weil hier die Strasse eine Ecke
von 90 Grad schlug. Man kann nicht sagen, eine Kurve, damals war es
wirklich eine Ecke. Und an Sonntagen wälzte sich eine Kolonne von
Fahrzeugen um diese Kronenecke. Und wir Kinder standen mit den
Nachbarn, Herr Senn, oben am Geländer und schauten hinunter. Er
rauchte seine Zigarre und wir zählten die Autos oder merkten uns die
Kantonswappen auf den Nummerschildern. Damals hatte man den
motorisierten Verkehr noch nicht mit so viel Misstrauen betrachtet.
Und
gelengentlich, wirklich nur ab und zu – aber es waren für einen
Jungen die Höhepunkte – gelegentlich also kam ein Lastwagen mit einer
langen Ladung Baumstämmen. Und die hatten immer ihre liebe Not, die
Kurve um die Kronenecke zu krigen. Manchmal mussten sie vor- und
rückwärts „sägen“, um nicht die Hauswand zu demolieren. Das war immer
eine interessante Angelegenheit.
Und
einmal, ich bin immer noch bei der berühmten Lenzburger Krone, einmal
turnte auf dem Dach der Krone ein verrückter Mann herum. Das Dach lag
etwa auf gleicher Höhe unseres Gartens. Ich war damals wohl in der
ersten Schulklasse. Und so sah in vis à vis diesen Mann, und aus dem
Dachfnester stieg ein zweiter, der notdürftig mit einem Seil befestigt
war und sprach dem anderen zu. Ich verstand eigentlich nicht, was da
los war. Ich glaube, ich hatte das Gefühl, das wäre jetzt ein
Kriminalfall. Die Polizei verfolgt einen Täter, der auf das Dach
geflüchtet war. Aber später sagte man mir, dass der Mann verrückt sei.
Onkelchen
erinnert sich auch noch an diesen Vorfall. Er war lange Jahre
Kommandant der Lenzburger Feuerwehr und damals mussten sie mit einem
Falltuch (nennt man das so?) ausrücken und das ganze Spektakel
absichern. Immerhin ist die Krone drei Stöcke hoch. Ich kann mich
bloss noch erinnern, dass ich sehr aufgewühlt war nach diesem
Schauspiel. Nun ja, dass Menschen auf Dächern herumklettern und sich
von anderen Menschen wieder herunterholen lassen, das war nun wirklich
eine Neuigkeit. Und vielleicht hat das ja mitgespielt, dass ich
später dann doch das Fach Psychologie gewählt habe. Denn neuerdings
sind es die Psychologen, die andere Menschen von den Dächern
herunterreden.
Siehst du
Marlena, man kann immer einen roten Faden konstruieren, wenn man denn
möchte. Das vielleicht, wenn überhaupt etwas, gibt der eigenen
Biographie einen Sinn. Denn Sinn ist ja heute Mangelware.
Alles
in allem, meine liebe Marlena, wenn du so mit Informationen aus der
Krone in Lenzburg kommst, dann triffst du mich mitten ins Herz. Das
vielleicht war es, was ich dir sagen wollte.
...
Ich küsse dich mit einem Ding, das sich anhört wie ein Champagner-Korken.
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