Lieber ...,
Du wünschst mir eine gute Zeit, und heute Abend habe ich sie. Ich bin
nämlich Strohwitwe. Bin ich ja eigentlich immer, aber heute gehört das
Haus nur mir und ich kann dir nach Herzenslust schreiben, gerade in
dem Moment wenn ich Inspiration habe, d.h. jetzt. :-)
Ich habe mit großem Interesse deine Schreibpläne wahrgenommen und bin
erstaunt wie wissenschaftlich du ans Werk gehst. Es wäre schön, wenn
du damit Erfolg hättest und das wünsche ich dir aus vollem Herzen.
Doch glaube ich immer, dass das schönste Buch von dir deine Memoiren
sein müssten. :-) Doch wenn du einmal einen Namen hast...
Beim lesen deines Mails musste ich an die Zeit zurückdenken, als Anna
noch klein war und abends vor dem Einschlafen immer wollte, dass ich
ihr etwas vorlesen sollte.. Oft war ich schon sehr müde nach einem
strengen Arbeitstag, zu müde um etwas zu lesen, aber noch nicht zu
müde um etwas zu erzählen. Du kennst sicher die Bücher über Pettson.
Ich denke sie müssen auch ins Deutsche übersetzt sein. Und zu diesen
Büchern habe ich immer neue Kapitel aus meiner Fantasie erzählt.
Findus, der Kater, hatte plötzlich ein kleines Liebchen im Wald
gefunden, mit der er sich heimlich traf, Pettson selbst kriegte von
mir eine "faster Olga" (faster ist Tante = Vaters Schwester). Diese
kam oft ohne Ankündigung und schaute bei ihm nach dem Rechten. Auch
eine kleine Mausfamilie habe ich erfunden, die abends, wenn Findus
endlich eingeschlafen war, hervorkam und in der Küche nach Nahrung
suchte. Ich musste mich nicht einmal anstrengen beim erzählen. Es kam
alles so spontan zustande.
*
Du erzählst von den Mahlzeiten in deinem Büro und dabei denke ich mit
Nostalgie zurück an die schönen Stunden, die ich zusammen mit Kollegen
in der Schulkantine verbracht habe. Unsere Schule war sehr gross und
an einem normalen Arbeitstag traf man meist nur Kollegen aus demselben
Fachbereich. Es gab eine Zeit, wo wir ein gemeinsames Lehrerzimmer und
gemeinsame Pausen hatten. Man konnte also täglich mit den meisten
anderen Lehrern dort zusammenstrahlen und Gedanken austauschen. Dann
kam jemand auf die Idee, die Lehrer sollten in jedem Fach ihr eigenes
"Kaffeezimmer" haben und auch die gemeinsamen Pausen verschwanden. Und
so blieb dann eigentlich nur noch die Kantine, wo man "die anderen"
treffen konnte. Natürlich gab es auch Leute, die sich eigenes Essen
mitbrachten, aber die wussten sicher nicht was sie verpasst haben in
der Kantine. Das Essen war hervorragend. Ein Salatbüffet dazu zwei
wahlfreie warme Speisen (viele nahmen von beiden), Milch, Bier oder
Mineralwasser. Und nachher noch Kaffee mit einem kleinen Gebäck dazu.
Und das alles für etwas mehr als 3 Euro. Aber das schönste dabei waren
doch die Leute und die fröhliche Stimmung.
*
Jetzt mache ich eine kleine Pause. Muss mir etwas zu essen machen...
Wartest du? Oder läufst du mir wieder davon? ;-)
So, bin wieder hier. Als Nachspeise habe ich mir eine Tasse Tee
gemacht und dazu gibt es Lussebullar (ein besonderes Luciagebäck)
Gestern konnte ich nicht einschlafen. Weiss eigentlich nicht warum.
Als ich schließlich auf die Uhr sah, war es schon nach 3 Uhr morgens.
Dann muss ich doch noch ein paar Stunden geschlafen haben. Um halbzehn
musste ich los. Der alte Herr mit dem neuen Hörapparat musste nochmals
ins Krankenhaus, um das neue Gerät zu kontrollieren. Aber gegen
halbzwölf war ich schon wieder zu Hause.
Er ist ein sympathischer Mensch und nicht ungebildet, obwohl er nicht
studiert hat. Habe ich dir gesagt, dass er 3 Punkte eingraviert hat in
der Falte zwischen Daumen und Zeigefinger? Ich will nicht K davon
erzählen, denn es kann bedeuten, dass er mal im Gefängnis gesessen
hat. Man nennt dieses Zeichen "luffartecken" (vagabondenzeichen). Es
kann auch anderes bedeuten und vielleicht war er einst nur ein Junge,
der sich selbst so was eingravierte um though (tuff?) zu sein. Ich
glaube ich frage ihn nächstes Mal danach.. :-)
Heute hatten wir endlich wieder etwas kühles Wetter mit Temperaturen
gleich unter Null. Die letzten Tage waren ziemlich trostlos mit Wind
und Regen. Dann bevorzuge ich diese kalte Luft. Aber der Himmel ist
grau.
*
Neulich haben wir über die "sehr reichen" gesprochen. Klar finde ich
es auch verrückt wie sich einige Menschen so sehr bereichern können in
unserer Gesellschaft. Die Schuld gebe ich denen, die es zulassen. Aber
besonders starke Gefühle gegen die reichen Leute aufbringen kann ich
nicht. Ihr Reichtum tut mir nicht weh. Dagegen leide ich sehr, wenn
ich höre dass Fanatiker wieder unschuldige Menschen in die Luft
gesprengt haben, was leider so gut wie täglich vorkommt.
Übrigens, wenn ich schon bei dem Thema töten bin. Gestern ist an der
Universität hier ein Lehrer von hinten überfallen und erstochen
worden. Heute früh ist er an den Verletzungen gestorben. Den Mörder
hat man noch nicht gefunden. Unprovozierte Überfälle werden immer
häufiger bei uns in Schweden. Und meist sind die Täter Jugendliche.
Oft filmen sie das ganze mit ihren Mobilkameras und legen es dann ins
Internet um damit zu protzen. Es ist schlimm.
*
Ich habe nochmals den Artikel "Das lange französische Gedicht"
durchgelesen. Der erste Teil kommt mir etwas kryptisch vor. Ich
vermisse eine Logik (vielleicht bin ich auch nur zu dumm um sie zu
sehen) aber der Artikel weckt Fragen und ich würde gern diese Cécile
Wajsbrot bitten mir zu erklären wie sie dies und jenes meint. Mir
kommt dabei ein schwedisches Zitat in den Sinn: "Das dunkel gesagte
ist das dunkel gedachte". Ihr Bedauern über den mangelhaften
Literaturunterricht erkenne ich. Das gilt auch für unser Land. Doch
man versucht es nun zu ändern. Ich muss unwillkürlich an das
beigefügte Bild denken. Vielleicht sind wir nun schon am letzten
Stadium der Entwicklung gelandet.
Nein, ich mache nicht Spass. Ich meine es wirklich.
*
Du schreibst immer so schön, mein lieber Mausfreund. Auch heute noch
bist du ein Glückspender in meinem Leben.. eine Droge, von der ich
abhängig geworden bin. Es freut mich, dass es dich trotz deines
schönen RL immer noch als Mausfreund in meinem Leben gibt.
*
Siehst du, es ist schon wieder etwas spät geworden. So lasse ich dich
nun und wünsche dir eine gute Nacht bzw. einen guten Morgen.
Mit lieben Gs und Ks
Malou



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