Donnerstag, 5. Januar 2017

Re: D'accord ...


Subject: Endlich geschafft!

Liebste Marlena
Herzlichen Dank für dein schönes französisches Mail. Es ist wirklich schön, wie du das kannst. Ich habe alles sehr gut verstanden, vielleicht ein oder zwei Verben, die ich erraten musste. Es sind so schnörkellose und direkte Sätze, die du machst, so dass ich den Eindruck habe, wenn ich es so könnte, könnte ich es auch. Verstehtst du, wie ich meine. Du hast die französische Struktur im Kopf, ich hingegen nehme das Deutsche und übersetze. Und mein Deutsch hat nicht diese selbstverständliche Form.

Schön für euch, bald die Italiener in Aktion zu sehen. Man muss das wirklich, in der Theorie sind sie nur halb so aufregend. Aber in Aktion sind sie ein kleines Weltwunder. Und vor allem, wenn diese hübschen blonden Mädchen aus dem Norden kommen, dann machen sie ein Aufsehen und eine Staatsaktion, dass man nur staunen kann. Ich hoffe nur, ihr seht auch ein paar von diesen superfeinen Exemplaren. Im Sommer hat es doch vor allem Deutsche und Engländer und weiss Gott was in Italien, nur keine Italiener. Aber wenn ihr Glück habt, dann seht ihr den einen oder den andern von weitem.

Ich erinnere mich, als wir damals jeweils die ganze Familie an die Adria in die Ferien reisten. Irgendwie waren wir einmal in einem kleinen Fest gelandet und sassen herum und tranken irgend etwas.Meine Schwester, die vielleicht 16 oder 17 war, wurde ständig von diesen agilen Italienern gefragt, ob sie tanzen wolle. Doch sie hatte zuhause ihren Freund und hat sich überhaupt keinen Tanz erlaubt. Und die Italienische Armada hat immer wieder angegriffen und hat wirklich ihren letzten Charme ins Zeug geworfen, ohne Erfolg. Meine Mutter hat mir das später einmal erzählt, denn damals war es mir nicht aufgefallen. Ich war wohl noch etwas jung und mir wäre auch nicht in den Sinn gekommen, zu tanzen. Schon gar nicht in den Sinn gekommen, ein italienisches Mädchen zu holen. Das konnte man ja auch nicht, denn diese standen nicht einfach so zur Verfügung. Wenn schon, dann wären sie abseits gestanden und irgend eine Tante hätte ein Auge auf sie gehabt. So allein konntendie italienischen Mächen sich damals noch nicht bewegen. Doch, das erinnere ich micht noch deutlich, meine Mutter hat es mir mit einem Anflug von Unverständnis erzählt. Sie hat mir damit angedeutet, dass eine solche Selbstbeschränkung eigentlich nicht nötig sei. So zumindest hatte ich sie damals verstanden.
*
Du erzählst von eurer Königin und ihrem Mann, der homo gewesen war. Und vom Arzt von St. Michele. Ich glaube, ich habe den Film einmal gesehen. Und er hat mich ziemlich beeindruckt. Doch habe ich nicht gewusst, dass jener aus Schweden herunter gekommen war.
Ach, wie solltest du eure Königin Victoria bedauern, ihr Royalisten bedauert immer eure Königinnen und Könige. Die haben das doch überhaupt nicht nötig! Die haben es gut, das ist alles. Die können sich alles leisten, ob sie nun Legastheniker oder Homos sind. Ich habe kein Mitleid mit ihnen. Aber ich bin auch nicht ein militanter Antiroyalist. Ich finde sie ja ab und zu ganz pittoresk und malerisch, gut als Touristenattraktion, so wie wir in der Schweiz die Jungfrau und das Matterhorn und den Genfersee und due Luzerner Holzbrücke haben. Ich erinnere mich, als ich in meiner Gymnasiumszeit in Bornemouth in den Sprachferien war, haben wir im Unterricht oft über das englische Königtum diskutiert. Und ein Lehrer hat es heftig verteidigt gegen die Angriffe der Deutschen, der Franzosen und der Schweizer in der Klasse. Und er hat vor allem dieses Moment des Images und der Nostalgie gebracht. Er argumentierte, dass das englische Königshaus mehr Devisen hereinbringe, als es selber koste. So gesehen, wäre das wie eine Tourismusorganisation, wie ein Freizeitpark mit Achterbahn und Karrusell.

Nun seid ihr Nordländer inklusive die Holländer etwas zurückhaltender mit euren Blaublütern. Aber ihr bedauert sie immer noch zu sehr. Nun ja, sie sind natürlich auch eine Art Projektionsfläche. Man kann die eigenen Gefühle im Königshaus unterbringen. Ich glaube, dass wir die roaylistischen Ehen viel zu bürgerlich interpretieren. Wir denken, die Prinzen und Prinzessinen heiraten aus Liebe und liebten sich so banal und einfach, wie wir das tun. Aber oft sind das doch echte Zweckehen, rationale Verbindungen, die im Interesse der Krone gemacht werden. Die Liebe ist eine bürgerliche Erfindung und gegen den Adel so hochstilisiert worden. Der Adel hat nie in erster Linie aus Liebe geheiratet. Dazu gab es dann die Maitressen und geheimen Geliebten. Der Adel hat geheiratet, um die Interessen der eigenen Lignage zu wahren, um die öffentlichen Privilegien zu vergrössern und zu behalten. Und um den Besitz zu arrondieren. Die Liebe, das ist sozusagen der Reichtum der armen Leute. So könnte man es sagen, und es ist doch ziemlich schön gesagt.
*
Schatz, du brauchst dich doch nicht entschuldigen, weil du mein Bild nicht erwähnt oder gar verdankt hast. Es ist nur so, dass ich bei den Bildern nie ganz sicher bin, ob sie auch ankommen. Und da bin ich froh, wenn du eine Bemerkung machst, sonst denke ich, sie sind irgendwo zwischen Norddeutschland und Südschweden ins Wasser gefallen. Ich weiss auch, dass du mit dem Visper nicht so mailst wie du das mit mir tust. So wie wir mailen, so können nicht viele Menschen mailen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und ich bin froh und stolz, dass ich dich zu diesem Punkt gebracht habe. Es war ja auch ziemlich harte Arbeit. Und manchmal ist es auch etwas anstrengend, wie du merkst. Es braucht Zeit und die eigenen Gedanken müssen anfangen zu fliessen. Und das ist vielleicht nicht immer möglich, wenn man mit anderen Dingen und Sorgen zusehr beschäftigt ist.
*
Es ist auch nicht so, dass ich im Moment keine Lust hätte, mit dir in der Italobar einen Kleinen zu kippen und einen Schwatz zu machen. Ueberhaupt nicht. Ich finde, das waren die schönsten Momente, die wir zusammen hatten. Wir konnten wirklich dort erstmals in Ruhe miteinander plaudern, und dazu hatte man das Gefühl, es sei ganz privat und niemand sei rundherum, der uns stören oder ablenken könnte. Ausser vielleicht einem oder zwei Sergeanten der italienischen Geheimpolizei. Aber von sowas lassen wir uns doch nicht beeindrucken! Ich könnte wirklich stundenlang mit dir dort an der Bar stehen und über alles reden, was dich oder was mich beschäftigt. Es gibt fast nichts, was ich mehr geniesse, als mit dir zusammen zu sein, liebe Marlena.
Was mich im Moment etwas abhält ist eigentlich nur, dass ich ein bisschen mehr Ordnung in mein Leben bringen muss. Das Problem ist, dass mein PC im Büro steht. Und wenn ich abends etwas zuhause mache, dann habe ich ihn nicht zur Verfügung. Es ist vielleicht 10 Minuten mit dem Auto von zuhause bis zum Büro. Am Montag habe ich das Lap für A. nach Hause gebracht. Sie wollte ein paar Mails nach Ecuador schreiben. Und da hatte ich meine liebe Mühe, den ST und mein Mailbox zu schliessen, so dass sie nicht zufällig hineingerät und diesen langen Schwanz von Marlena-Mails sehen kann. Sie würde ja einen Schock bekommen. Bei Hotmail konnte ich mich erinnern, wie ich die Sache abschliessen kann. Beim ST wusste ich nicht mehr, wie es geht. So bin ich immer etwas in ihrer Nähe gesessen und habe darauf geachtet, dass sie nicht auf Abwege gerät. Du siehst, Liebste, ich habe kein kleines Manual in der Nähe, das mir jederzeit mit Rat und Tat beistehen kann.
Wir werden uns wieder beim Italiener treffen, hab keine Sorge, meine Liebe. Bestimmt werden wir das bald wieder.
*
Gestern abend hatte ich sozusagen Fernsehprogramm. Ich fand zufällig auf einem französischen Sender - seit ich dich kenne, schaue ich wieder öfter französische Programme, und sie sind die einzigen, die sich oft mit Musik beschäftigen - ein Programm über Serge Gainsbourg gesehen. Er war ja sehr musikalisch und sehr begabt, aber auch recht dekadent. Und später hat er sich mit Zigaretten und mit Alkohol kaputt gemacht. Und man hat all diese Partnerinnen gesehen, die mit ihm gesungen haben, alle mit diesen hohen Pipsstimmen, die er offensichtlich mochte, die vielleicht im Kontrast seine Stimme ein bisschen männlicher gemacht haben. Aber er hat ständig geraucht vor der Kamera, man hätte einen Hustenanfall bekommen können. Natürlich wurde Jane Birkin immer wieder interviewt. Sie war damals sehr hübsch gewesen, das habe ich gar nicht gewusst. Heute ist sie ja ein bisschen zu mager und zu ausgemergelt. Und mit Deneuve hat er auch zusammen gesungen. Aber die beiden haben nicht wirklich zusammen gepasst. Man konnte sehen, der Deneuve ist es ein bisschen unangenehm gewesen, denn da war er schon ziemlich ausgeflippt und verkommen. Um nicht zu sagen schmutzig. Aber er hat ja sehr schöne Chansons gemacht. Und wir haben sie damals geliebt, auch wenn sie heute gelegentlich schlecht gesungen erscheinen.
Als wir vor ein paar Jahren die ganze Familie eine Woche in Paris waren, ging ich an einem Nachmittag auf den Friedhof, um Sartres und Beauvours Grab zu sehen. Zufällig hatte ich dort auch Beckets Grab gefunden, das ganz diskret dalag. Und nicht weit davon war ein riesiger Marmorblock, ein paar junge Mädchen standen oder sassen herum und rauchten wie die Besenbinder. Und als ich näher kam, merkte ich, dass es Geinsbourgs Grab war. Er ist seinen Fans wirklich ein wunderbares Vorbild in Sachen rauchen und trinken. Ich hatte das nicht gesucht, aber an diesem Grab konnte man nicht einfach unversehens vorbeigehen. Es war so ein riesiger Steinblock.
*
Und in der zweiten Häfte des Abends habe ich mir einen alten Film von Antonioni angeschaut. Es waren 4 kurze Episoden, immer Liebesgeschichten, die irgendwie keine waren, beschädigt waren. Und in einer kleinen Episode hat ein junges Mädchen genau diese Szene erzählt, die du mir auch wieder in Erinnerung gerufen hast, wo einheimische Träger wegen des enormen Tempos warten müssen, damt sie von ihren Seelen eingeholt werden können. Sie hat es von den Indios in Südamerika erzählt. Und man kann es ja auch gut akzeptieren. Es ist nicht anzunehmen, dass die südamerikanischen Seelen schneller wären als die afrikanischen. Alle Seelen haben ihre Trägheit, und man muss manchmal geduldig auf sie warten. Manchmal sind sie echt im Rückstand und verspätet. Manchmal liegen sie vielleicht um Jahre zurück Es ist ja nur unsere westliche Zivilisation, die sich durch die Zeit hat brechen lassen. Ich weiss noch, wie begeistert A. aus Ecuador erzählt hat, wie man sich dort seine Zeit nehmen kann und zu einer Verabredung ohne weiteres eine halbe Stunde zu spät eintreffen kann. Das kann man so leicht, weil die anderen eben auch soviel zu spät kommen. Und auch die Perser haben sich nicht durch die Zeit brechen lassen. Sie geraten nicht in Unruhe, wenn sie zu spät sind. Die Ruhe und Gelassenheit ist ihnen wichtiger als die Pünktlichkeit. Und das ist es doch dann auch, was mich mit meiner S. gelegentlich zum Wahnsinn treibt. Man lässt sich seine Würde nicht durch die Zeit nehmen. Und so ist es doch auch, hastende und eilige und nervöse Menschen haben irgend etwas unwürdiges an sich. Ausser sie sind so pünktlich und haben die Sache im Griff wie meine Marlena, dann sieht es wieder gut und sehr kompetent aus. Dann hat man die Würde zurückgewonnen. Aber das ist schon eine sehr hohe Kunst, muss man annehmen. Und ich bin sicher, es gelingt mir nicht halb so oft so gut, wie du es kannst.
*
Ach Marlena, du musst dich nicht zwingen, von Uppsala und von deinem Studium zu berichten. Vielleicht ist es im Moment für dich weit weg. Ich war ja auch nur drauf gekommen, weil du es mir angekündigt hattest. Ich erinnere mich noch, wie du erzählt hast, ihr seid dort ein einer Wohnung gewesen, wo es im Treppenhaus nach Katzen gestunken hat. Und Uppsala wirke sehr kontinental? Ich habe gedacht, ich würde gerne von deinen jungen Jahren hören. Ich zumindest habe noch intensive Fäden und fühle mich verbunden mit Zürich, wo ich studiert habe. Ich glaube, in der Studienzeit ist man so offen und aktiv und aufnahmefäig und mit Erlebnissen bombardiert, dass man später immer darauf als eine intensive und schöne Zeit zurückschaut. Natürlich romantisiert man auch vieles. Und du hast während des Studiums zuhause gewohnt. Dann ist der Unterschied zur Mittelschule vielleicht auch nicht so gross als dann, wenn man zum ersten Mal im Leben wirklich allein wohnt und sich für alles selbst verantwortlich (oder eben auch nicht) fühlt.
Also, was sich damit sagen will: mach es auch so, nimm es doch auch als eine Art Tagebuch. Du kannst reden über das, was dich im Moment am meisten beschäftigt, oder was dir am meisten Lust macht. Es ist doch alles irgendwie interessant. Du brauchst dir daraus keine Arbeit machen.
Ach, und dann ist da dein Schwedisches Gedicht. Das erste meine ich. Das ist ziemlich lange. Ich habe versucht, das Gedicht in eine Tabelle zu bringen, links das Gedicht und rechts dein Vocabulaire. Sonst musste ich immer vor- und zurückscrollen. Und das hat mich wahnsinnig gemacht. Aber noch so fand ich das Gedicht ziemlich schwer. Ich hätte geliebt, es aus deinem Mund zitiert zu bekommen. Und dann hätten wir es sinngemäss übersetzen können. Ich glaube,ich bin doch etwas weiter von deinem schönen Schwedisch entfernt, als du glaubst. Das kleine Gedicht konnte ich irgendwie bewältigen. Aber das grosse war doch etwas viel. Wenn ich dieses Schwedisch sehe, von dem ich ja nicht genau weiss, wie man es aussprechen würde, dann kommt es mir sehr fremd vor. Ich meine, es hat kleine Aehnlichkeiten mit dem Deutsch. Aber bei diesen feinen Ähnlichkeiten sind dann doch die Unterschiede wieder so gross, dass man kaum sieht, was ist ein Nomen und was ist ein Verb. Ich glaube, das Lateinische liegt uns schon näher. Es scheint mir fast so weit entfernt wie das Persische, das ja auch eine Indogermanische Sprache ist, aber keine Germanische, wie das Schwedische und das Deutsche.

Ich habe mal vor Jahren ein tolltes Buch gefunden von einem gewissen Frederik Bodmer "The loom of language", dh ich habe die deutsche Übersetzung. Ich weiss nicht, wer dieser Bodmer war, und das Buch war erstmals schon 1955 erschienen. Aber es ist sowas von interessant. Es erzählt über die Entwicklung der Sprachen, über die Geschichte des Alphabets, die Formenlehre, die Syntax, die Einteilung der Sprachen, die Krankheiten der Sprachen. Und dann beschäftigt er sich näher mit den europäischen Sprachen. Und schliesslich, im Sprachmuseum, zeigt er die Querverwandtschften in Wortlisten. Es ist ein sehr gescheites Buch und ich habe damals viel darin gelesen. Er beschäftigt sich immer mit mehreren Sprachen zugleich und zeigt die Ähnlichkeiten und die Gemeinsamkeiten, auch die Unterschiede natürlich. Er muss etliche Sprachen gleichzeitig beherrscht haben. Ich habe dir vor einiger Zeit auch etwas daraus zitiert. Und vielleicht hattest du dann den Eindruck, ich kennte mich schon sehr viel besser aus, als ich es wirklich tue. Aber ich bin wirklich ein blutiger Anfänger im Schwedischen. Und ich würde mich auch absolut nicht dafür interessieren, wenn ich nicht eine so nette Mailfreundin hätte.
*
Ich glaube, ich muss dir etwas schicken. Denn du bist ja zuhause und hast deinen Kaffe längst trocken hinunterwürgen müssen. Tut mir leid, meine Liebe. Aber ich tue was ich kann. Und im übrigen muss ich jetzt ohnehin an die Arbeit.
Ich wünsche dir einen schönen Tag. Und lerne mir nicht zuviel Italienisch. Ich möchte nicht, dass du damit schon allzuviel Charme spiellen lassen kannst. Verstehst du ;---)
Ich liebe dich
...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen