Liebe Malou
Ich danke dir für dieses schöne
lange Mail. Ein solch langes und ruhiges hast du lange nicht mehr
geschrieben. Ja, meine Mausfreundin, ich glaube, wenn ich dir schreibe,
habe ich ein klein bisschen das Gefühl, wie wenn ich zu dir und in deine
ruhige Atmosphäre auf einen kleinen Kaffee käme. Es beruhigt mich. Und
wir haben eine kleine Vergangenheit. Das heisst, unser Wasser hat schon
eine gewisse Tiefe. Und das ist mehr als bloss eine oberflächliche Pfütze.
Ich merke schon, dass mir so ein Gefühl der Familie und der Häuslichkeit anfängt zu fehlen. Gerade in dieser Weihnachtszeit ist
dies doch ein starkes Gefühl. Aber ich kann auch nicht unbedingt
behaupten, ich hätte dies zusammen mit S gehabt. Obwohl sie sich
bestimmt Mühe gegeben hat, ein gutes Haus zu führen, davon bin ich
überzeugt. Die Atmosphäre hat mir gefehlt, das Gespräch, das Lachen
zwischendurch, das Gefühl der Gemeinsamkeit, vielleicht das letzte hat
mir am meisten Gefehlt. Es war mir immer so, als ob sie in einer anderen
Welt gelebt hat als ich. Heute interpretiere ich es mit der persischen
Gesellschaft und der Geschlechterloyalität, die sie hervorbringt. Frauen
fühlen sich zuhause unter Frauen, Männer unter Männern. Die Begegnung
zwischen den Geschlechtern ist irgendwie exotisch und tendenziell ein Kampf oder vielleicht ein Handel.
Gestern war ich in der Stadt und
habe ein wenig die Vorweihnachtszeit genossen. Es gibt viele Leute. Und
alle rennen sie irgendwelchen Geschenken nach, die noch zu besorgen sind.
Ich bin natürlich in einem Musikgeschäft und einem Bücherladen
gelandet. Dort kann ich meine Zeit am besten verbringen. Die grossen
Bücherläden sind richtige Freizeitzentren geworden mit Cafeteria,
Hörbar für CDs, Büchertische zum Anschauen. Und wenn ich dort
hineingehe, erinnere ich mich gerne an jene gemütlichen Bücherläden am
Broadway in NY. Sonntag abends um 8 oder 9h konnte man sie noch
aufsuchen. Sie hatten eine Art Garderobe, wo man die Taschen abgeben
musste. Aber die Läden waren sehr gemütlich und nicht übervölkert wie in
Basel. Sie hatten nur einen einzigen Nachteil. All die vielen Bücher
auf den grossen Tischen waren alle eben in Englisch.
Und später habe ich noch einen
langen Abendspaziergang gemacht und gleichzeitig mit meiner Juke-Box,
die mir Walo geschenkt hat, einen Text über die Vorsokratiker von de
Crescenco gehört habe. Es war das erste Mal, dass ich mit Kopfhörer im
öffentlichen Raum gewandert bin. Es gibt einem ein spezielles Gefühl.
Und natürlich kann man sich nicht immer so gut auf die Stimme
konzentrieren. Manchmal überhört man Dinge. Gelegentlich auch, weil es
draussen zu laut ist.
Ja, ich würde an deiner Stelle
sofort fragen, was die drei Punkte auf der Hand bedeuten. Das finde ich
interessant, von Leuten über ihr Leben zu hören. Und natürlich haben
nicht alle ein interessantes Leben gehabt. Oder vielleicht muss man
sagen: nicht alle können spannend über ihr Leben erzählen. Jedenfalls
erinnere ich mich bei diesen Dingen, die du erzählt hast, an eine
Untersuchung, die ich damals als Student am IAP gemacht hatte. Ich
glaube, du weisst, dass ich damals stundenweise als Psychologe arbeiten
konnte. Und ich war in der Verkehrsabteilung beschäftigt, wo man mit der
Selektion von Polizisten, Tram- und Buschauffeuren für die Stadt Zürich
zu tun hatte. Einer hatte mir dabei von seiner Zeit in der
Fremdenlegion erzählt. Ein anderer - ihm war der Fahrausweis entzogen
worden - hatte an einem Raub teilgenommen. Er war zwar nur der Fahrer
der Gangster gewesen, und hatte im Fahrzeug auf seine Kollegen gewartet.
Gerade deshalb wurde ihm der Ausweis für einige Jahre entzogen. Der
Grund aber für dieses Unternehmen war seine Geldknappheit. Er war immer
nach Konstanz gefahren um zu spielen. In der Schweiz waren damals
Casinos verboten. Deshalb musste er dafür an die deutsche Grenze fahren.
Ich erinnere mich noch, wie er schilderte, dass er oft nach
dem Konstanzer Casino nicht einmal mehr Geld hatte, um Benzin für seine
Heimfahrt zu bezahlen. So sehr war er sich vorher sicher gewesen, dass
er diesmal viel Geld gewinnen würde. Also frag ihn Malou! Ich bin
sicher, ein alter Mensch erzählt gerne von seinem Leben. Vielleicht hat
er wirklich gesessen? Und wenn du zuhörst, kannst du nachfühlen, wie es
sein muss, im Kittchen zu sitzen. Schliesslich muss man doch alles im
Leben mal ausprobieren ;-)) Erzähl mir dann, wieviel du
gekriegt hast. 4 Jahre? 6 Jahre bei Wasser und Brot? Bist du wegen guter
Führung vorzeitig entlassen worden?
Die beiden Bilder, die du schickst,
gefallen mir. Ich finde, Bilder in Kinderbüchern sollten viele lustige
und einfallsreiche Details zeigen. Das weckt sozusagen den
Eroberungssinn des kindlichen Auges. Kinder lernen, Bilder genau
anzuschauen und viele Dinge und Zusammenhänge zu entdecken, die sie
anfangs nicht gesehen hatten. Na ja, das ist vielleicht sehr schulpsychologisch gedacht.
***
Ich werde vielleicht in den nächsten Tagen einmal ins Wallis fahren. Vielleicht hast du davon
gehört, dass der neue Lötschberg-Basis-Tunnel fertig erstellt worden ist.
Damit gewinnt man beinahe eine Stunde Fahrt. Visp hat sich damit zum
neuen Verkehrsknotenpunkt entwickelt und einen neuen Bahnhof erhalten.
In Visp steigen die Leute um, um nach Zermatt oder Saas Fee zu gelangen.
Die Visper sind mächtig stolz, durch diese neue Situation die Briger
ein bisschen überholt zu haben. Jedenfalls kann man von Bern in einer
halben Stunde Visp erreichen. Das ist eine neue Verknüpfung und ermöglicht sogar, im Wallis zu wohnen und in Bern zu arbeiten. Das Wallis ist - so habe ich irgendwo gelesen - zum Vorort von Bern geworden. Es ist
mir aufgefallen, wie viel Berner Zeitungen neuerdings über das
Oberwallis berichten. Diese neue Verbindung werde ich also mal
anschauen. Das Ende des Tunnels liegt etwas oberhalb Raron, also
zwischen Visp und Raron. Vielleicht sollte ich wirklich wieder mal im
Wallis ein Fondue essen?
Ich wünsche dir einen guten Tag
Liebe Gs und Ks
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