Montag, 30. Januar 2017
Feierabend Mail
Ämne: Feierabend Mail
Datum: den 25 november 21:09
Liebe Malou
Ach, Dein Tag muss wirklich grau gewesen sein, dass Du so sehr den alten Zeiten nachhängst.
Ich will gleich vorweg die Frage beantworten, bevor sie vergessen und den Bach hinunter ist. Ich maile kaum von zuhause. Ich lese auch keine Mails zuhause. Es geht alles von hier weg und kommt hier an. Hier ist meine Airbase, wenn Du weißt, was ich meine.
Na ja, alle Ehen werden doch mit den Jahren zu Freundschaften. Der freundschaftliche Teil wird stärker und der ekstatische der Liebe wird ein bisschen matter. Dafür steigt der Respekt und die Toleranz. Das ist doch normal und gar nicht so schlecht. Bei uns ist ganz ähnlich. Es wird alles nicht mehr so heiss gekocht.
Interessant, dass Du NY als interessantestes Happening in unserem VL erlebt hast. Das war für mich natürlich mainly RL. Es hat mir dort sehr gut gefallen und ich bin S. dankbar, dass sie mich mit allen Kräften geschickt hat. Ich allein für mich hätte so was kaum gemacht. Na ja, ich habe Dir ja erzählt, wie das alles zustande gekommen ist. Und ich fühlte mich dort drüben so sommerlich leicht und wohl, dass ich nicht weiss, wie es gekommen ist. Bestimmt war es das gute Wetter. Bestimmt auch die Gastgeber, die sehr easy waren. Bestimmt auch der Kurs, der nicht anstrengend, sondern unterhaltsam und entspannend war. Bestimmt auch die paar netten Leute, die ich kennengelernt habe. Und bestimmt auch die schönen Degas, die ich gesehen habe. Bestimmt die gute, fast schon dörfliche Atmosphäre im East Village nahe dem Broadway. Bestimmt auch die vielen Vorurteile, die den dunkeln Hintergrund für die hellen Erlebnisse abgegeben haben. Nun, es ist immer schön, eine neue Welt zu erobern. Ich bin mir sicher, dass Kolumbus mindestens ebenso aufgestellt war.
Und natürlich hatte ich dort viel Zeit zum mailen. Du hast von allen die längsten erhalten. Ich hoffe sehr, dass Du Dir dessen bewusst bist. Walter habe ich etwa eins oder zwei geschrieben, und er war ganz gerührt, dass ich dort drüben an ihn gedacht habe. Und ein paar habe ich an S. geschrieben. Es war in B. Büroraum. Du musst Dir das als mittleres Gewirr vorstellen, zwar aufgeräumt, aber voller Computer Dinge und Gestelle und CDs und so fort. Dort habe ich abends gleich nach dem Kurs mindestens eine halbe wenn nicht eine Stunde gesessen, habe ständig mein Glas aus dem Fridge nachgefüllt mit gekühltem Hahnenwasser und habe das genossen als ob es ein Martini wäre. Es war so warm und durstig damals, und in der Wohnung war es angenehm nach der Dusche. Oft habe ich mir dann auch ein kleines Nachtessen gemacht. Eier waren es vor allem. Ich glaube nicht, dass ich im Leben je so viele Eier in so kurzer Zeit gegessen habe. Morgens zwei und wenn’s hoch kam gleich abends auch noch zwei. Soll ja die Potenz erhöhen, sagt man!
Heute war ich zweimal in Basel. Morgens bei der Akupunktur. War ganz angenehm. Sie begann um 945h und ich konnte dabei noch ein bisschen schlafen. Und nachmittags haben wir uns als Drogenkommission eine Basler Insitution angeschaut. Ich hatte schon oft davon gehört und ein Freund aus dem Club ist dort im Vorstand. Sie haben sich spezialisiert auf Selbsthilfegruppen. Das hat sich entwickelt bei den Alkoholikern und wird dort seit Jahren gemacht, damit sie trocken bleiben. Na ja, eigentlich kann man nicht sagen, es werde gemacht. Sie machen es selbst. Das wesentliche an der Selbsthilfegruppe liegt darin, dass sich die Leute selbst zu helfen versuchen. Die Organisation hilft nur in der Organisation und in der Starthilfe. Ist wirklich eine gute Sache, und es ist bestimmt eine starke Entlastung unseres Gesundheitssystems, welches jedes Jahr teurer und teurer wird. Es gibt Selbsthilfegruppen für Frauen, für Alkoholiker, Angehörige von Alkoholikern, für Drogensüchtige, für Spielsüchtige, für Beziehungsabhängige und einige mehr. Die Organisation macht keine Vorschriften. Die Gruppen bilden sich um ein gemeinsames Interesse, und das ist es, was sie zusammenhält. Ist gut, nicht wahr? Gibt es das auch in Schweden?
Und so ist es jetzt für mich etwas spät geworden. Ich muss mich sputen, um heim zu kommen. Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit Grüssen und Küssen
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