Samstag, 29. Januar 2011

Zwischenmail

( ungekürzt)
Subject: zum steilen Wochenanfang
Date: Mon, 26 Mar 2001 19:07:56 -0000

Liebe Marlena
Oooch, womit habe ich das verdient, dass Du so lange Mails schreibst. So muss ich sie gar nicht mehr verdünnen. Weißt Du, was ich meine, wenn ich sage, ich verdünne Deine Mails. Normalerweise wünschte ich mir so oft längere Mails von Dir. Und um die Illusion zu erhalten, habe ich meist die Zeilen am PC ganz kurz gemacht. So wurde der Text sehr lang. Der Text war zwar nicht eigentlich länger, aber der Eindruck war länger.
Ich weiss kaum, wo ich beginnen soll. Du erwähnst soviele Dinge. Vielleicht bei Celan. Als ich am Anfang meines Studiums war, hatte ich eine Zeitlang versucht, Celan zu lesen. Ich erinnere mich, auch ein Büchlein gekauft zu haben. Aber er ist doch sehr esoterisch. Und dann habe ich ihn wieder vergessen und erst jetzt, vor einigen Monaten, als A. sich auf die Abiturprüfungen vorbereitete, ist sie plötzlich wieder mit diesem Namen gekommen. Offensichtlich gibt es einen Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Aber ich glaube nicht, dass er ein Typ für mich ist.
Das Gedicht, das Du zitierst, finde ich schön, sprachlich schön. Ich kenne sie aber nicht, Gisela von Berger. Noch nie gehört, diesen Namen. Muss vom Stil her Anfang Jahrhundert sein. Oder nicht? Ist schön gesagt, auch mit diesen Wiederholungen. Das intensiviert die ganze Sache. Intensiviert und dramatisiert. Ja, klingt sehr edel, weil die Sprache etwas altertümlich anmutet. Hat aber einen wunderschönen Rhythmus. Ja, es könnte echt von Dir sein, Marlena.
Du scheinst auch wirklich in lyrischer Stimmung zu sein, so wie Du die Natur und die ersten Blumen und die Vögel schilderst. Ja, hier ist es mittlerweile auch Frühling geworden. Der Boden fängt an zu trocknen, und morgens, wenn man aus dem Haus geht, fragt man sich, ob man nicht doch etwas zu warm gekleidet ist für den Mittag. Es ist gut so. Ich glaube, ich habe selten in meinem Leben sosehr auf die Ankunft des Frühlings geachtet wie dieses Jahr. Ich habe das Gefühl, ich trete aus einem dunkeln Stollen hervor. Oder so ähnlich. Nie zuvor hatte ich ähnliche Gefühle. Es muss das Alter sein.
Und die Vogelvilla, die K gebaut hat, finde ich sehr amusant. Die Vögel scheinen es bei Euch wirklich besser zu haben als bei uns. Bei uns gelten sie als „Wildtiere“, bei Euch sind sie praktisch ehrenwerte Gäste, für die man den roten Teppich ausrollt.
Deine Bemerkung über Feng Shui musst Du mir noch etwas genauer erklären. Das fand ich interessant. Wie teilt man sich die Wohnung auf? Und wie sollte man damit umgehen? Das habe ich nicht genau begriffen. Weshalb ist die Küche Dein Liebesleben? Warum gerade Küche, und nicht Treppenhaus oder Keller? (Kleiner Scherz, aber ernsthafte Frage!). Und wozu soll denn diese Konzeption dienen. Um Ordnung zu kriegen im Leben? Oder zur Selbstdiagnose? Lebenskunst? Oder gar zur Wohnungsrenovation??? Ich habe es wirklich nicht genau begriffen. Es scheint mir irgend eine psychologische Methode zu sein, so, wie man sie in den Illustrierten findet. Lustig und leicht handhabbar. Erzähl mir etwas mehr, Marlena.
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Das Foto, das einsame, wenn ich mich richtig erinnere, wurde in der Wohnung eines Arbeitskollegen bei einem Bürofest aufgenommen. Links und rechts sind viele Leute, die aber abgeschnitten worden sind. Ich kann darauf also bloss so einsam sein, wie man in der Masse einsam sein kann. Nicht wirklich. Du meinst doch das Bild, auf dem ich ein Glas in der Hand habe, nicht wahr? Das kann nicht in Iran sein, denn dort hält man nicht Weingläser in der Hand.
Und das Bild mit dem Hut finde ich immer noch schrecklich, retouchiert oder nicht retouchiert.
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Und dass Ihr Schweden jetzt die EU Präsidentschaft innehabt, das haben wir hier in der Schweiz alle bemerkt. Der letzte Glochard weiss es mittlerweile. Die Aussenministerin war bereits in Bern und hat unseren Joseph Deiss geküsst. Habe ich mit eigenen Augen gesehen. Und sie trägt eine ähnliche Brille wie Du sie trägst. Sind solche Gläser in Schweden üblich. Wirken etwas intellektuell!
Aber lassen wir die Franzosen aus dem Spiel. Sie sind eher Spieler und Gaukler und Diplomaten als wirklich Baumeister. Na ja, wir werden ja sehen.
Ich wünsche Dir noch einen schönen Abend
Mit einem lieben Gruss
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