Liebe Marlena
...
Ich weiss, dass du ein geduldiger Mensch bist.
Dazu kommt mir eine lustige kleine Szene in den Sinn. Wir hatten
vor Jahren einen Mitarbeiter zu verabschieden, der in Pension ging.
Und dieser Abschied sollte bei unserem Büroessen stattfinden. Ich
habe für unseren Kurt einen kleinen Vers gezimmert, nicht Rilke-
Niveau, versteht sich, aber lustig und machnmal ein bisschen frech.
Wir haben ja hier im Raum Basel eine Tradition, von der Fasnacht
her. An Fasnachten schreiben sie hier Verse und singen sie vor, und
die können echt witzig und saftig sein, so dass es einen in der
Magengegend kitzelt.
Ich habe also meinen kleinen Vers gehabt. Und weil der nicht gar so
lange war, und man ohnehin eine kleine Einleitung geben sollte, habe
ich das so gemacht. Ich habe denn Vers angekündigt und - sagen wir -
die erste Zeile zitiert, um dann wie auf einen plötzlichen Einfall
eingehend, noch dieses vorauszuschicken. Und dann kam ich nach
einiger Zeit wieder auf mein ursprüngliches Vorhaben zurück, habe
die erste Zeite zitiert, um dann noch jenen Einfall zu haben. Du
verstehst was ich meine. Man kündigt ein Verslein an, und in der Tat
kommt ein ganzer Rattenschwanz von scheinbar spontanen Gedanken
und lustigen Erinnerungen und ironischen Bemerkungen, so dass zum
Schluss das Verslein eine absolute Nebensache wird. Und die Zuhörer
werden immer gespannter und hören hin und wollen endlich dieses
Verslein hören, während sie immer wieder andere Gedankengänge zu
hören bekommen.
Finde ich ein gutes Arrangement, um die Leute bei Laune zu behalten
und hat eine belebende Wirkung auf das Publikum. Wenn man noch
weiter gehen will, kann man zum Schluss das Verslein überhaupt
weglassen.
*
Sonntag, 9. Januar 2011
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