Date: Sat, 02 Jan
Liebe Marlena
Nun ja, dass du mir gleich das Silvester Menue aus dem Hotel Krone in Lenzburg schickst, das wirft mich wirklich in den Stuhl zurück.Man fühlt sich wie bei big brother. Everybody watches you. Und man wird gänzlich steif und achtet darauf, keine falsche Bewegung zu machen. ;--)
Nein, so schlimm ist es nicht. Aber in der Tat haben wir schliesslich nicht das Silvestermenue gegessen. Onkelchen hatte für uns einen Tisch am Mittag reserviert. Das war ganz feierlich. Und das Hotel war nicht überfüllt. So haben wir in Ruhe à la carte gegessen. Ich habe mich ein wenig zurückgehalten und das empfohlene Menue genommen. Das war Wild mit Gerste und gebratenen Äpfeln. Das Fleisch war so zart und fein, wie ich es bei Wild noch nie gegessen habe. So „wild“ war das eigentlich gar nicht mehr. Dazu haben sie mir einen wunderbaren Salatteller gemacht, dass alle ganz neidisch geworden sind. Es war ein wirkliches Kunstwerk. S. hat Krebse gegessen, wenn ich mich richtig erinnere auf Wildreis. Sie war ganz begeistert. Und Onkelchen hat Fisch gehabt, Sole auf einem schön dekorierten Teller. Sie haben ihm den Fisch gleich tranchiert. Und als sie ihm die zweite Hälfte bringen wollten, hat er erstaunt abgewunken. S hat in ihrer weiblichen Geistesgegenwart verlangt, dass sie das alles einpacken. So hatte er am nächsten Tag noch eine schöne Portion Fisch im Kühlschrank.
Wir hatten ein Glas Champagne zum Anfang. So waren wir guter Dinge. Und zum Essen haben wir einen roten Wadtländer gewählt. Ich glaube, es war Aigle. Ich habe bei Onkelchen ein wenig die Wadtländer Weine entdeckt. Er hat sehr guten Weissen aus der französischen Schweiz. Und ich hatte ja früher den Eindruck, es gäbe nur im Wallis trinkbare Weine. Aber die Wadtländer sind auch recht gut. Der Höhepunkt meines Essens war der Nachtisch. Ich habe eine Zabaione gewählt. Das ist eine Weinschaumcrème. Meine Mutter hatte gelegentlich an einem kalten, verschneiten Sonntag nach dem Spaziergang ein solch feines warmes Geschleck bereitet. Man bereitet die Crème in einem warmen Wasserbad, indem man das Eigelb mit dem Besen lange rührt. Und dann fügt man irgendwie noch Zucker und weissen Wein dazu. Ich glaube, so ähnlich wird die Zabaoine zubereitet. Und wenn es kalt ist, z.B. nach dem Skifahren, ist sie einfach wunderbar. Fast eine Medizin wie ein Irish-Coffee. Aber nicht rezeptpflichtig.
So haben wir den Silvester Nachmittag in der Krone verbracht.
Vielleicht muss ich dir dazu erklären, dass...
(fortsetzung morgen)
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