Samstag, 8. Januar 2011

ein postmoderner Clochard


Liebe Marlena

Du bist im Moment mein grosses Publikum. Das genügt für den Augenblick. Und ich gehöre auch dazu. Ich weiss oft anfangs noch nicht, was ich schreiben will. Ich setze mich einfach zur Entspannung an den Labtop und fange an. Es ist, wie andere Leute an den Strand und in die Sonne liegen und anfangen zu dösen oder fantasieren. Also, lass Dir gesagt sein, Marlena, Du bist mein grosses Publikum. Aber du bist natürlich auch Partner. Ich höre gerne von Dir, ich höre gerne mehr von Dir, wie das Leben dort im hohen Norden so spielt und wem die Sonne scheint und wie du mit Deinem „dreieckigen" Leben (Beruf, Haushalt, Kind = 3) zu Rande kommst. Und natürlich mag ich Deine Komplimente. Das sind die Pralinen im Text, oder wie könnte man sie sonst nennen? Auf jeden Fall ist es sehr anregend, mit einer wachen Frau zu korrespondieren. Das stimuliert mich, das aktiviert meine Fantasie, das motiviert mich irgendwie und steigert die Spiritualität, wie es jedes Tagebuch eben auch ein bisschen tut. Darum habe ich Dir gesagt, Du seist meine Muse. Vielleicht bin ich in Revanche dein „Musiker" (ist natürlich ein Scherz: Musiker ist nicht die männliche Form von Muse; Muse gibt es nur als weibliche Form). Das ist nun eben einmal so auf der Welt. Nur schöne und kluge Frauen können Musen sein. Alles andere sind Musiker, Posaunisten, Violinisten wenn nicht Streicher allgemein, Paukisten (gibt es dieses Wort), Flötisten und ab und zu ein Saxophonist. Aber nicht Musen eben, Musen eben nicht.

Du siehst, Marlena, ich spiele eben auch gerne mit Wörtern. Ich bin ein ziemlich verspielter Mensch. Das weiss ich und das merken wohl auch andere Leute. Ich bin manchmel sehr wenig zielorientiert. Ich bin manchmal ein richtiger Trödler (das Wort brauchen wir in der Umgangssprache für jemanden, der sich viel Zeit nimmt und nicht vorwärts macht, der dahintrödelt und „dem lieben Gott die Zeit stiehlt") und beschäftige mich mit Dingen, die absolut sekundär, unnötig und überflüssig sind. Und die wichtigen Sachen lasse ich liegen. Das ist wohl eine diskrete Art der Opposion. Ich habe sie schon beim Studium bemerkt. Damals liebte ich es, Bücher zu lesen, die sonst niemand gelesen hat, Fragen zu bearbeiten, die völlig marginal erschienen, und die offiziellen Aufgaben liess ich liegen oder machte sie in Windeseile im letzten Moment. Und hier bei der Arbeit ist es ähnlich. Ich habe jede Menge zu tun, aber nein, er schreibt diese Mails an seine schwedische Freundin. Ist er nicht unmöglich! Ein Tagedieb des modernen Lebens und ein postmoderner Clochard.

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