Freitag, 7. Januar 2011

ST, Italobar und andere Bars

Ämne: Re: Endlich wieder..
Datum: den 20 november 2002 08:40

Liebe Marlena

Vielleicht ist es Dir in der Zwischenzeit gelungen, in Dein Box zu gelangen? Es herrschen manchmal komische Umstände am Netz. Und man kann diese Dinge so schwer durchschauen. Als ich noch im ST herumchattete, dh. in meinen jungen, sozusagen pubertären Tagen, da habe ich mal mit einem Mädchen geplaudert, die dachte, ich sei irgendwie ein Mitglied der ST Direktion. Sie hatte mich gefragt, ob es gesetzlich in Ordnung sei, dass ihre Firma den Zugang zum ST blockieren wolle. Und dann bat sie mich, mit den Leuten zu reden, und ihnen zu zeigen, dass sie etwas Unrechtes im Sinne hätten. Sie war so naiv, wie es das Leben verboten hat. Ich konnte nicht viel tun, als sie ein bisschen zu trösten und ihr guten Mut zuzusprechen.
Aber insgesamt glaube ich, dass die Firmen viel Arbeitszeit verlieren durch dieses ST. Eine Sekretärin hatte mir immer erzählt, wann gerade der Chef ins Büro trat. Sie hatte offenbar eine Schaltung, die sie drücken konnte, um in Windeseile eine Arbeitsseite erscheinen zu lassen.
Du siehst, ich habe breite Erfahrungen aus dem ST. Ach, es ist lange her, und ich weiss noch genau, wie ich ein merwürdiges Gefühl hatte anfangs, als ich dieses geschwätzige System ausprobierte. Etwa drei oder vier Ladies wollten sich unbedingt mit mir treffen. Eine Lady war so hysterisch und aggressiv, dass sie wohl keine Lady war. Und daneben gab es viel schweizerischen Durchschnitt. Aber irgendwie konnte man auch so etwas wie einen Volkscharakter erkennen. Die Luzerner Menschen sind milder und verträglicher als die Ostschweizer. Die Ostschweizer sind tüchtig und preussisch aufgeräumt. Die Berner sind nicht so genau zu identifizieren. Neben der Geographie ist der zweite Faktor wohl auch das Alter. Man merkt irgendwie, wie jung oder alt ein Mensch ist. Das hört sich aus dem Wortlaut, aus den kleinen Accessoires wie Emoticons, Trendwörter, gewisse Formulierungen. Und den Bildungsstand bemerkt man aus der Wortwahl, den Fremdwörtern und der Satzlänge vielleicht. Ein Faktor ist schwer zu beurteilen, nämlich die Fähigkeit zu tippen. Ich glaube, Sekretärinnen und Leute, die viel Maschinenschreiben, wirken im ST gewandter und aufgeschlossener als Leute, die sich nur langsam und umständlich schriftlich ausdrücken können. Ich mochte es immer, wenn ich nicht sooo lange warten musste auf eine Antwort, und wenn diese Antwort etwas spritzig und saftig war. Aber es war mir bewusst, dass das System die Büromenschen aufwertet.
Das ST bringt Büromenschen, junge Leute, extrovertierte und zur Oberfläche tendierende Menschen zum Vorschein. Natürlich auch viele Typen, die sich hinter irgendwelchen Fassaden, Lügengeschichten und fadenscheinigen Vorwänden verstecken. Sicherlich gibt es jede Menge Männer, die sich als Frauen ausgeben und umgekehrt. Es ist eine merkwürdige Welt!
Nur an unsere Italobar habe ich einigermassen angenehme Erinnenrungen. Es ist merkwürdig, dass sie sehr diffus in meiner Erinnerung herumgeistert, wie ein Lokal, an dem man einen längeren Stromausfall mitgemacht hat. Es ist zwar alles wie in einer Bar, hohe Theke, Barstühle mit kühlen roten Lederpolstern auf hohen Metallbeinen, rohe Mauern, Franco an der Theke mit einem Schmetterling vielleicht, eher klein, aber jovial, wie man sich einen Italiener vorstellt. Na ja, wenn ich es mir genauer überlege, kommt mir die Simplon Bar in Brig ins Gedächtnis, die wir eine Zeit lang ziemlich oft besucht haben. Im Grunde genommen war es ein alter Keller, der umgebaut worden war. Man gelangte über eine lange enge Treppe hinunter in diesen dunkeln Raum. Und wenn man zu fortgeschrittener Stunde schon etwas alkoholisiert war, und eher die Treppe herunter fiel als stieg, so landete man nach dem kleinen Stolpern gleich an der Theke, hinter welcher eine für unsere damaligen Begriffe eine ziemlich rassige Frau mit verwegener Frisur stand und nach den Wünschen fragte. War sie nicht Oesterreicherin? Hiess sie nicht Marlene? An den rohen Wänden standen einige kleine Tischchen, die einzeln mit tiefhängenden Lampen beleuchtet waren. Sonst war es im Raum ziemlich dunkel. In der Mitte stand eine Holzsäule irgendwie, die die Decke trug. Und ebenfalls dort war eine kleine Jukebox positioniert, wo man für 50 Rappen drei Musikstücke spielen lassen konnte. Meist waren es die Beatles, die Rolling Stones oder ähnliche, die von dort sanfte Rhythmen verbreiteten.
Es gab eine Zeit, da gingen wir gleich nach der Schule in dieses etwas verrufene Lokal, bestellten eine Cola oder ein Bier, rauchten scharfen Tabak und bliesen unseren Rauch ins Halbdunkel des Kellers hinaus. Und dazu hörten wir Beatles Musik und an die grosse weite Welt. Diese Musik wenigstens habe ich noch in guter Erinnerung. Ich kann mir immer noch vergegenwärtigen, wie ich damals die Situation erlebte. Ich hatte jedesmal wenn wir uns dort trafen das Gefühl, der Ort und die Atmosphäre wäre interessant, aufregend, vielversprechend. Wir fühlten uns am Puls der Zeit, avantgardistisch an vordester Front der Zeitentwicklung. Aber dann passierte eigentlich ganz und gar nichts. Wir sassen bloss herum, äusserten uns kaum und wollten nicht wahrnehmen, dass es eigentlich bloss langweilig war. Es war absolut nichts. Ein paar Mädchen hätten die Situation in Sekundenschnelle total verändert. Aber in diese Spelunke verirrten sich keine Frauen, schon gar nicht Schülerinnen, die auch auf dem Heimweg waren. Und so war die Barmaid das einzige Wesen, dass diesen dunkeln Keller etwas zu erhellen vermochte. Auf jeden Fall war die Frisur ok die Art, wie sie sich kleidete zeigte, dass sie auch mit vorne war. Na ja, vielleicht war sie eine Generation älter als wir. Aber aus unserer Froschperspektive doch noch im besten Alter.
Soweit meine Erinnerungen an die Italobar, die nun ja eigentlich Simplon Bar geheissen hat. Und ich bin fast sicher, dass es sie heute noch gibt, vielleicht etwas geändert und feuerpolizeilich ausgebaut. Und vielleicht mit einer neuen Barmaid??

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