Montag, 10. April 2017

Re: Retrospektiv



Mein lieber Mausfreund!

Es ist schon spät geworden an diesem ungewöhnlich schönen Tag. Die Luft war so mild heute dass sie mich plötzlich an schöne Sommerabende in Italien erinnerte. Ganz windstill auch. Ich habe wirklich fleissig gearbeitet im Garten. Der ganze Rasen ist voll von Löwenzahn den ich mit einem Eisen entferne. Wir streuen nicht gerne Gift. Dann habe ich noch die Rosen beschnitten und auch ein paar Sträucher, deren Namen ich nicht weiss auf deutsch.
Das Gras beginnt, wenigstens stellenweise, ziemlich lang zu werden und die Knospen an den Obstbäumen sind schon gross. Bald ist sie hier, die lange ersehnte Jahreszeit, wenn alles wächst und blüht.
Wir haben im Moment ein prächtiges Gewitter mit Blitzen, die den ganzen Nachthimmel erhellen und respekteinjagendem (?) Donner. Vielleicht sollte ich den PC abstellen? Aber ich riskiere mein Leben für dich, mein lieber Mausfreund. Sonst glaubst du vielleicht sogar doch dass ich wieder eine Notlüge erfinde um meine Stille zu erklären.

Danke dir herzlich für die schönen Briefe heute. Ich werde sie gleich im Bett nocheinmal durchlesen. Die Dissertation (oder war es Dissektion?) unserer Mausliebe. Ach, Schatz, wie bist du lieb. Wir haben "das Schönste" im Leben gefunden und sogar ewig soll es sein, "until death do us part" oder wie es heisst. Ich kann manchmal kaum glauben dass es dich wirklich gibt obwohl mich deine Mails doch ständig davon überzeugen. Ja, ich printe sie und manchmal wenn ein Brief von dir in meinem Schoss liegt streiche ich zärtlich mit der Hand über das Papier als wäre es ein Teil von dir.. :-)
Ich habe mir eine Kassette geholt heute, auf der einige von Verlaines Gedichten von einer wunderbaren Männerstimme vorgelesen werden. Ich habe mich ganz einfach danach gesehnt sie wieder zu hören. Vielleicht schicke ich dir einmal ein Band mit etwas Musik und dann werde ich dir auch die Vertönung von diesem Gedicht mitschicken und natürlich ein paar Auszüge aus dem Faust, damit du einmal die fantastischen Stimmen der Schauspieler hören kannst.
Verlaine hatte ein ziemlich turbulentes Leben mit viel Alkohol u.a. Er träumte von einer Frau die ihm die nötige Ruhe schenken könnte. In unserer Zeit hätte er vielleicht eine Mausfreundin gehabt. ;-) Hier eins seiner schönen, musikalischen Gedichte:

Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant
D'une femme inconnue, et que j'aime, et qui m'aime,
et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et m'aime et me comprend.

Car elle me comprend, et mon coeur transparent
Pour elle seule, hélas! cesse d'être un problême
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.

Est-elle brune, blonde ou rousse? - Je l'ignore.
Son nom? - Je me souviens qu'il est doux et sonore
Comme ceux des aimés que la Vie exila.

Son regard est parreil au regard des statues,
Et pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
L'inflexion des voix chères qui se sont tues.

*
Es ist wieder ein neuer Tag. Plötzlich weiss ich es. Ich weiss was du tun solltest. Diplomat werden. Ein Topdiplomat, der um die Welt reist und mit seinen Worten das Unmögliche erreicht.
Ach, ich wusste nicht, wie schön es in einem Gefängnis sein kann :-)
Vielleicht hätte man etwas zensurieren sollen. Aber dann wäre es wohl weniger schön gewesen.
Weisst du, ich lache mich halb kaputt über deine lustigen Einfälle. Deine Fantasie ist unbezahlbar.
*
Heute wird ein sehr schöner Tag. Wir werden vielleicht zu einem grossen Vogelsee in der Nähe fahren. Das tun wir immer um diese Zeit. Und dann werden wir junge Brenn-nesseln pflücken, denn eine Brennesselsuppe gehört auch zu unserer Osterfeier, mit einem darin schwimmenden Ei.

Bleib mein allerliebster Mausfreund und schreib mir bald wieder
Deine süchtige Mausfreundin
Marlena

***

In dem Blog "Semsakrebsler", der beste Blog seiner Art und ein
grosser Freudenspender, gibt es die von Hermann Hesse brillante
Übersetzung des Gedichtes "Mon Rêve Familier" von Paul Verlaine.
Die schwierige Aufgabe, sowohl Klang wie Inhalt des Gedichtes
bei der Übersetzung zu beachten, ist Hesse meisterlich gelungen.


Nach Paul Verlaine

Ich träume wieder von der Unbekannten,
Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.

Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.

Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt –
Wie eines Name, den du Liebling heisst
Und den du ferne und verloren weißt.
Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.




20 april  08:40

1 Kommentar:

  1. So gut, gerade für mich auch derzeit...
    Danke, liebe Freundin..
    von Herzen Edith

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