Sonntag, 23. April 2017
Re: Glück?
Date: Wed, 7 May 08:22
Liebe Marlena
Ja, das ist ein lustiges Foto. Ich liebe solche Fotos, diese vergilbten
Dinger, die vom Leben und von den langen Zeiten erzählen, die darüber
hinweggegangen sind. Schön, dass Du es aufbewahrt hast.
(---)
Ich glaube, das schliesst genau an unsere kleine Diskussion des
Lebensglückes, die Dir erscheint wie ein Gespräch zwischen Schüler und
Lehrer. Letztere Aussage hat mich übrigens erstaunt, und eigentlich hat sie
mir auch nicht gefallen. Weshalb Lehrer und Schüler? Könnte ich Dir irgend
etwas beibringen? Nein, das ist niemals so. Wenn meine Sätze vielleicht
etwas lehrerhaft klingen, dann deshalb, weil ich mich selbst zu überzeugen
suche. Ich suche doch Erkenntnisse, oder zumindest Aussagen, die
einigermassen hinhalten. Und dann mag es ein wenig klingen wie in einer
Lektion. Aber es ist, streng genommen, eine Auto-Lektion.
Ich glaube, die beiden Aspekte, die Du erwähnst, sind wirklich sehr
zutreffend. Einerseits wählen wir den Filter nicht ganz alleine. Aber, und
das behaupte ich einfach so in die frische Morgenluft hinaus, ohne beweisen
zu können, ich behaupte, dass man sich anstrengen sollte, den Filter selbst
zu wählen. Das gilt gerade für Menschen, die vielleicht bei Geburt eine
leicht dunkle Variante in die Hand gedrückt bekommen haben. Wir sind
vielleicht nicht ganz frei. Aber wenn irgendwo noch eine kleine Wahlchance
besteht, dann doch hier und dann muss man sie nutzen. Und wenn das gelingt,
dann ist es so, wie wenn man beim Gehen mit einem Fuss einen leicht
kräftigeren Schritt tut als mit dem anderen. Das ändert die Gehrichtung nur
ganz wenig, wirklich nur minimal , vielleicht 1 oder 2°. Aber nach 20km ist
man dennoch an einem völlig anderen Ort als wenn man das nicht getan hätte.
Man muss doch als Mensch nach diesen kleinen Lücken der individuellen
Freiheit Ausschau halten, vor allem in Zeiten, da sie einem in einem Genom,
in einem 'Buch des Lebens' - wie sie sagen - festschreiben wollen.
Und Dein zweites Argument ist jenes, dass es vielleicht genügte, 'nicht
unglücklich' zu sein, damit die schönen Momente eine Chance haben. Das
finde ich sehr feinsinnig gedacht. Der Gedanke gefällt mir überaus gut. Ich
glaube, ich habe so was ähnliches bei John Stuart Mill gelesen, der sich
Gedanken gemacht hat, was das Ziel des Staates sei. Und, wenn ich mich
richtig erinnere, war sein formuliertes Ziel das möglichst grosse Glück für
möglichst viele. Und das Glück besteht für Mill in der Vermeidung von
Unglück. Oder so ähnlich. Mill war im Leben ein Langweiler, aber in seinen
Gedanken war er exzellent. Nein, jetzt erinnere ich mich genauer, ich habe
es bei einem antiken Römer gelesen. Der Name kommt mir im Moment nicht.
Aber ich war erstaunt gewesen, weil das Image dieses römischen
Lebensphilosophen eigentlich ziemlich ruiniert war unter heutigen Menschen.
Man hält ihn für einen puren Lustmenschen, während er doch eigentlich ein
sehr vernünftiger Unglückvermeider war. Seine Anhänger wurden Schweinchen
genannt, und ich glaube, es war vor allem die Katholische Kirche, die ihn
schlecht gemacht und alles Negative angedichtet hat. Ja, nicht unglücklich zu
sein, bedeutet ja eine Art von Freiheit. Und in dieser Freiheit ist man offen, für
die schönen und glücklichen Momente des Lebens. Das ist wirklich die
Philosophie, die ich in meinem fiktiven Roman vertreten würde. Brauchte
man dazu zwei Figuren, die eine, die das schafft und die andere, der es
misslingt.
*
Bitte, Marlena, sag nicht, Du fühlst Dich wie das kleine Kind vor dem
Lehrer? Weshalb eigentlich? Weil Dich das Thema gar nicht interessierte?
Dass Du eine amoureuse professionelle bist, das hast Du mir längst gesagt.
Das ist ja doch die Idee, während der ganzen Lebenszeit einigermassen
droguée zu sein. Ist das nicht eine Lebenseinstellung ähnlich derjenigen
Casanovas. Muss man sich da nicht ständig neu verlieben? Ist das möglich?
Ist das nicht äusserst anstrengend? Ich bin da etwas skeptisch. Aber ein
Ziel kann das natürlich sein. Es ist eine konsequente und intensive
Verwendung der Erotik im Leben, nicht wahr?
*
Es ist nicht so, dass S nicht weiss, wann sie geboren und wie alt sie ist.
Sie weiss das ganz genau. Aber sie ist mehr oder weniger die einzige, die es
weiss. Ich habe einen schönen Blumenstrauss heimgebracht. Ich hatte ihr
vorgeschlagen, dass wir auswärts essen sollten. Aber S. wurde bereits zum
Mittagessen von einer Freundin eingeladen. Und abends wollen wir wirklich
nicht mehr so viel essen. So haben wir das Vorhaben verschoben. Gestern war
sie dann nochmals zum Essen eingeladen und hat begeistert erzählt, wen sie
noch alles im Restaurant gesehen und angetroffen hat. Ich glaube, sie hat es
genossen. Jedenfalls hatte ich ein Telefonat zugehört mit J., dem
holländischen Freund, den S. noch aus Teherans Tagen kennt. Das hat alles
ziemlich zufrieden geklungen, also offen für das kleine Glück des Tages
(s.o.).
*
Gestern war ich über Mittag in Basel. Es war ziemlich warm, und ich bin über
den Rhein nach Kleinbasel gefahren. Das ist der neuer Teil der Stadt, dort,
wo die ärmeren Leute gelebt haben. Heute ist dort die Atmosphäre so wie
irgendwo im Ausland. Es gibt viele Frauen mit Schleier, viele türkische
Restaurants, auch zunehmend Schwarze. In der Dämmerung der Mittagswärme
so zu flanieren, als ob ich im Ausland wäre, das habe ich genossen. Zufällig
bin ich schliesslich an ein Buchantiquariat geraten, und konnte nicht
widerstehen, in der staubigen Höhle zu schnuppern. Der Raum war vollgestopft
mit Gestellen, die bis zur Decke reichten, so dass nur sehr enge Schluchten
übrig blieben, worin man sich durchzwängen musste. Ich liess mir die
Felswand mit den Kunstbüchern zeigen. Die Bände standen dichtgedrängt. Und
wehe, wenn du einen herausgezogen hattest, du konntest ihn kaum wieder
zurückstellen, denn die übrigen Bände schlossen schnell die Reihe, als ob
sie ihre Plätze eifersüchtig verteidigten. Und einige musste ich
herauszerren, wenigstens, um die Preise kennen zu lernen. Die Preise waren,
um es kurz zu machen, 30 bis 50% zu hoch. Ich dachte, er glaubt, Unikate
oder Erstausgaben in seinem Laden zu führen. Da war ein Fotoband über
Ferdinand Hodler, den bekannten expressionistischen Schweizermaler, für Fr.
120.- Die Fotos waren zwar gut, ich hatte die meisten davon noch nie
gesehen. Aber ein Buch für Fr. 120.- aus einem Antiquariat. Na ja,
vielleicht für eine Ausgabe aus den Zeiten Gutenbergs. Aber doch nicht ein
Band aus Mitte letzten Jahrhunderts.
Ich habe mir dann zuviel Gedanken gemacht, wie schnell ich wieder raus soll,
wie ich mich verabschieden sollte. Sollte ich etwas über die Preise sagen?
Soll ich gleich gehen oder noch etwas umschauen? Würde ich vielleicht
unerwarteterweise noch etwas Lustiges finden? Kurz und gut, ich zog mich
nach etwa 10 Minuten aus der Unterwelt zurück, ging rasch an ihm vorbei, der
beim Eingang in ein Buch vertieft gemütlich in einem Lehnstuhl lag. Ich
liess ihn nicht fragen, ob ich was Bestimmtes gesucht hätte. Aber ich
glaube, er war nicht mal enttäuscht. Er verabschiedete sich kurz und wandte
sich dann wieder seinem Buch zu. Kunststück, der Kerl hat einiges zu tun,
bis er seinen Laden leergelesen hat!
Und danach hatte ich Lust, noch in die Jugendbibliothek zu fahren, um einige
Bände zum Rezensieren mitzunehmen. Yves hatte mir gesagt, dass rund um
Ostern neue Bücher eintreffen würde. Doch dort wurde erst um 14h geöffnet.
Ich wartete eine gute halbe Stunde in der Nähe, ging noch in ein
Elektronik-Geschäft, um einen Katalog zu holen, weil S. einen zusätzlichen
TV kaufen möchte. Um 14h ungefähr war dann Y. dort. Ich gehe immer vom
Parkplatz her zu seinem Bürofenster, und wenn er da ist, kommt er an die
hintere Türe, mir zu öffnen. Dass er da sein musste, das hatte ich schon um
13.20h gesehen, weil er seine Bürotüre offen gelassen hatte. Kurz und gut,
ich transportierte um die 25 Bücher nach Hause und liess nochmals so viele
dort in einem Sack stehen, um sie bei Gelegenheit, wenn ich mit dem Auto
käme, abzuholen. Als ich um etwa 15h wieder im Büro angekommen war, hatte
ich das Gefühl, einen warmen Sommertag in der Stadt verbracht zu haben.
Weißt Du, was ich damit meine. Wenn es wirklich warm ist, dann ist man ein
bisschen dämmerig, schwebend, in sich verschlossen, mit reduzierter
Empfindlichkeit und ohne grosse Interessen. Dämmerig ist wirklich das beste
Wort. Man kann dann vor sich hin sein wie ein Tier. Und das ist schön. Der
Zwang, zu denken, ist für einen Moment ausgeschaltet. Die Leitungen sind
leer und hängen durch. Das ist wunderbar!
*
Ich habe abends, vom Bett aus, eine kurze Zusammenfassung des Hockey-
Matches Schweden-Schweiz gesehen. Das erste Drittel war noch ausgeglichen.
Dann hat sich die Übermacht der Schweden immer mehr gezeigt. Der Sprecher
war der Meinung, die Schweden wären eben doch eine Klasse besser gewesen.
Und so habe ich zufrieden in den Schlaf gedreht. Ich habe den Sieg Deinen
Landsleuten gegönnt. Und ein bisschen habe ich mich zurückerinnert an die
Zeiten, da wir als Buben in Visp die Hockey-Matches besucht hatten. Es war
eine reine Volksbewegung. Keiner hätte sich in unserem Alter erlauben
können, nicht hinzugehen. Ich erinnere mich, wie unser Lehrer damals
versucht hat, uns zu überreden, mal zur Abwechslung nicht an einen Match zu
gehen und stattdessen ein Taschenbuch zu kaufen. Ein typisches
Lehrer-Projekt. Er hat uns sogar vorgerechnet, wieviel mir dabei noch an
Geld sparen würden, und wie sehr wir doch alles in allem profitieren
könnten. Heute muss ich zugeben, dass er Recht hatte, aber damals wusste ich
überhaupt nicht, was er damit meinte. Ich kann mich noch zurückerinnern, mit
wie viel Hingabe ich damals die Live-Reportagen am Radio hörte. Man konnte
daraus fast nichts entnehmen, es war das reine Geschnorre, lautes Rapping
mit dem Versuch, das Geschehen auf dem Eis zu schildern. Doch habe ich mir
später immer wieder überlegt, wie wenig man sich wirklich ein Spiel aus
einem solchen Wortschwall vorstellen kann. Man kann es nicht. Es ist nur das
Bedürfnis, just in real time zu wissen, wann ein Tor gefallen ist. Alles
andere ist Zeitfüller.
Mit anderen Worten, ich gratuliere Dir und Deiner Nationalmannschaft. Und
ich gebe zu, dass Ihr Nordischen auf dem Eis eher zuhause seid als wir hier
in Mitteleuropa.
*
Ich hoffe, es sei nicht wieder eine Lektion zusammen gekommen.
Und ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...
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