Sonntag, 9. April 2017
Early morning tea
Ämne : early morning tea
Datum : Mon, 15 Oct 05:36
Liebe Marlena
Deine Bemerkung über die Staubigkeit habe ich sehr gut kapiert. Und ich
glaube, dass Du damit auch recht hast. Es ist so und keine Ziege vermag es
wegzulecken (eine schweizerische Redensweise). Die Büroatmosphäre, die
Adresse, alles hemmt mich ein wenig. Und seit Du gesagt hast, dass bei Euch
alles, was über den PC geht, sei eigentlich öffentlich, hemmt es mich noch
mehr. Ich kann es im Moment nicht ändern. Aber ich bin über Deine Bemerkung
auch nicht beleidigt.
*
In Sachen Sartre und de Bouvoir scheinst Du Dich auszukennen. Meine
Schwester ist auch eine grosse Verehrerin der B. Und als mir die Parallele
durch den Kopf ging, habe ich sehr wohl bemerkt, dass der Vergleich hinkt.
Er hinkt natürlich auf mehr als einem Bein. Aber bei grosszügiger
Betrachtung könnte man - mit etwas gutem Willen - schon eine kleine Analogie
finden. Eine klitzekleine. Ich habe - offen gesagt - Deinen Widerspruch
damals, als ich es geschrieben habe, vorausgeahnt, und beim Tippen leicht
geschmunzelt. Schon fast schadenfreudig, nicht wahr?
*
Die veränderte Welt hat auch einen Namen. Globalisierung. Alle reden davon,
mit den unterschiedlichsten Vorstellungen. Man sagt ja, der Durchbruch wäre
1989, anlässlich des Falls der Berliner Mauer, geschehen. Damals sei die
Aera des Kalten Krieges zu Ende gegangen. Und dann haben wir gehofft, dass
mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion friedlichere Zeiten kommen. Und jetzt
haben wir den internationalen Terrorismus, der alle verunsichert und
unglücklich macht.
Natürlich habe ich immer versucht, die Veränderungen vorauszuahnen, zu
verstehen, wie sich die Zukunft gestalten wird. Es gibt ja zur Zeit wieder
unzählige Propheten und Wahrsager, soviele, wie ich glaube, dass es sie
lange nicht mehr gegeben hat. Aber sie waren auch nicht nötig, denn die Welt
verlief einigermassen in ruhigen Bahnen. Doch jetzt ist sie aus den Fugen.
Und ich bin überzeugt, es wirkt sich bis in die intimsten Winkel unserer
Existenz aus.
Wir haben versucht, uns an den Gedanken, vielleicht sogar an die Realität
von AIDS zu gewöhnen. Das war schlimm genug, so dass die meisten Menschen
gar nicht richtig daran denken. Und nun kommt diese offene Bedrohung eines
chemischen Krieges. Es ist horribel. Und man bedauert in tiefsten Herzen,
Kinder auf diese Welt gesetzt zu haben.
Vielleicht ist dies einer der Gründe, weshalb mein Schlafbedürfnis in
letzter Zeit so hoch geworden ist?? Am liebsten würde man an all diesen
Horrorgeschichten und -szenarien in ruhigen, tiefen Atemzügen vorbei
schlafen.
*
Ja, der 95. Geburtstag war ganz nett. S hat ein feines Essen gekocht.
Wir haben auch meinen Vater mitgenommen, denn meine Mutter ist zur Zeit
im Spital. Doch er hört nicht gut und spricht recht laut, was mir mehr oder
weniger auf die Nerven geht. Na ja, 2 oder 3 Stunden kann ich das schon
schlucken. Aber länger lieber nicht. Mein Onkelchen dagegen ist ein ruhiger
und diskreter Typ, der sich in der Konversation nicht so aufdrängt. Mein
Vater ist ein technischer Mensch, ein Schwarz-weiss-Denker. Alles ist
entweder richtig oder falsch. Onkelchen dagegen hat durchaus Verständnis für
die feinen Nuancen der Realität und des Lebens. Und das mag ich doch alles
in allem viel lieber. Zum Schluss dieses milden Herbstabends haben wir
unsere Torte angeschnitten, und dazu einen Irish Coffee geschlürft.
Mittlerweile hat S die Meisterschaft in der Zubereitung dieses belebenden
heissen Nektars erreicht. Doch sie mischt ihn praktisch nur gegen
Rezept, wie jede seriöse Apotheke.
*
Nun muss ich mich dem kommenden Tag widmen. Wir haben unsere Sitzung
in Basel. Und ich muss noch ein paar Vorbereitungen treffen.
Und Du hast frei, Glückspilz!
Mit einem lieben Gruss
...
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