Dienstag, 18. April 2017

Post scriptum



den 25 april  23:34
 Post scriptum


Liebe Marlena

Bei mir hat es in der Tat gewirkt! Es funktioniert! Du schaust mich mit fragenden Augen an?

Unser §2 wirkt wie ein Depotpräparat, das der Arzt unter die Haut setzt und das seine Wirkung langsam abgiebt. Unsere maladi gibt mir tatsächlich eine gewisse innere Zufriedenheit und ein Gefühl der Heiterkeit. Es ist, wie wenn du einen kleinen Schatz mit dir herumträgst. Und wenn dich etwas enervieren will, so merkst du bald, dass das nicht so schnell läuft, weil es doch daneben Dinge und Werte gibt, die viel wichtiger sind und die viel dauerhafter hinhalten. Also bei mir hat es gewirkt, meine Liebe, und ich glaube, dafür muss ich mich bei dir bedanken. Wie denn kann ich das tun?

Ein zweites habe ich bemerkt. Es ist soetwas wie ein "drittes Auge", das einen begleitet. Ich habe oft Dinge gesehen, beispielsweise in der Natur, von der ich weiss, dass du dich ihr nah fühlst, und ich hatte den spontanen Wunsch, sie dir zu zeigen, zu wissen, wie die sie sehen würdest. Morgens um halb sechs hat eine Amsel im Garten so laut und künstlerisch gesungen, dass ich nur an dich denken konnte. Ich glaube, vor einem Jahr hätte ich sie überhaupt nicht gehört. Oder aber, ich war mir nicht sicher, welche Vogelart denn so singt. So habe ich mit Peter darüber geprochen und er hat mir bestätigt, dass das eine Amsel sei. Eigentlich wusste ich schon, wie sich eine Amsel anhört. Aber ich hatte während Jahren nicht mehr darauf geachtet.In diesem Zusammenhang kommt mir meine gute Grossmutter ins Gedächtnis, die Frau Direktor, wie man sie hier in L. nannte. Wenn immer sie bei uns in Visp zu Besuch war, hat sie während der ersten Tage darüber geklagt, dass sie so schlecht schlafen könne, weil bei uns die ganze Nacht eine Nachtigall ihre Liebeslieder singt. In der Tat hatten wir in unserem grossen Garten eine Nachtigall. Und leider habe ich in meinem damaligen Alter sehr schlecht darauf geachtet, denn sie lag nicht wirklich im Horizont meiner Interessen. Doch heute gäbe ich einiges darum, mich erinnern zu können, wie sie wirklich geklungen hat. Und wenn ich eine Amsel höre, denke ich stets, es muss der Nachtigall sehr ähnlich gewesen sein. Kennst du dich in Vogelstimmen aus? Oder weiss Anna es? Sind Nachtigall und Amsel nicht vielleicht verwandt? Beide schlagen irgendwie, ihr Pfeiffen purzelt auf eine Art durch die Luft, es ist mehr ein Schlagen als ein in die Länge ziehen. Also, ich kann es nicht besser beschreiben.

So warst du mein drittes Auge. Und ich glaube, man schaut oft genauer hin, man merkt sich die Dinge, die man erlebt, anders, wenn ein drittes Auge mit dabei ist. Das ist für mich irgendwie eine neue Erfahrung. Vielleicht habe ich sie früher in meinem Leben auch schon gehabt, aber ich habe sie nicht gewusst.

Heute sind wir in guten 3 Stunden aus dem Tessin zurückgefahren. A hat die ganze Strecke den Wagen gesteuert. Es war sehr bequem, hinten zu sitzen und ein bisschen zu plaudern oder die Landschaft anzuschauen. Normalerweise sehe ich nicht viel, wenn ich selbst am Steuer sitze. Und B  sass neben ihr und zusammen haben sie diese Rap-Musik auf Tapes gehört und gespasst und geplaudert wie zwei Freundinnen. Es war schön zuzusehen. Sie sind beide erwachsen geworden. Und B hat viel Humor und Charme. Früher haben sie sich oft gestritten. Heute scheinen sie einen besseren Draht zueinander zu haben. Sie lehnen sich gegenseitig Kleidungsstücke aus.

 *
Irgendwo haben wir einen kleinen Zwischenhalt gemacht und ein paar Ostereier gegessen. Die waren meine Kunstwerke. Ich habe sie am Freitagabend in Zwiebelschalen gekocht. Meine Mutter hat jeweils noch Kräuter mit alten Strümpfen darauf geheftet, um schöne Muster zu erzeugen. Soviel Zeit hatte ich leider nicht. Aber ich habe darauf geachtet, dass sie etwas unterschiedlich gebräunt sind und habe nachträglich etwas Margarine eingeschmiert, damit sie einen netten Glanz bekommen. Und sie waren in der Tat ganz ansehnlich. Es waren 30 und sie füllten gerade einen Karton. Aber wir konnten im Tessin nicht alle essen. Und so haben wir die Restlichen wieder zurückgeführt und einige davon auf der Gotthard-Autobahn verdrückt. Vielleicht tut ihr dasselbe auch in Schweden. Wir schlagen hier die Eier gegeneinander, wie ein kleiner Wettbewerb, und sehen, wer das härteste Ei für sich gewonnen hat. Und natürlich gibt es dabei zahlreiche Tricks und Spässe. Und zum Schluss verschluckt man diese staubigen Dinger, wenn man sie denn nicht mit etwas Maionnaise befeuchten kann.

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Morgen muss ich wieder arbeiten. Heute abend bin ich noch rasch ins Büro gekommen, um die Post durchzuschauen (unter uns gesagt, eigentlich die Mails). Na ja, ich musste auch noch Benzin tanken. Und als ich ins Büro kam, war ich angenehm überrascht, dass das Büchergestell immer noch da steht. Ich hatte die Umstellung während der paar freien Tage schon wieder vergessen.

Mit einem lieben Gruss

IM
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